Die wichtigsten 193 Kilometer der Welt

4. Februar 2011, 19:03
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Der Suezkanal ist sowohl wirtschaftlicher als auch politischer Faktor: Rund fünf Prozent des weltweit geförderten Erdöls werden hier durchgeschleust

Im Herbst 1956 zeigte sich sein Potenzial als internationaler Brandherd.

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Die Lage in Ägypten wird weltweit nicht nur aus politischem, sondern auch aus massivem wirtschaftlichem Interesse beobachtet - abzulesen unter anderem am Trend beim Rohölpreis, der spätestens seit dem Beginn der Unruhen im Jänner konstant über den Rekordwerten aus dem Jahr 2008 liegt.

Zwar ist Ägypten kein Big Player in Sachen Erdölförderung, sehr wohl aber bei dessen Transport über den Suezkanal. Etwa fünf Prozent der weltweiten Ölfördermenge werden über die berühmte Wasserstraße und die damit verbundene Pipeline vom Roten Meer zum Mittelmeer verfrachtet. Öltanker legen zwischen dem saudi-arabischen Ras Tanura und dem wichtigsten europäischen Umschlagpunkt Rotterdam knappe 6500 Seemeilen (1 sm=1,852 km) zurück. Um den afrikanischen Kontinent herum wären es 11.000 Seemeilen.

Eine Zuspitzung der politischen Lage könnte zu Lieferausfällen oder zumindest zu erheblichen Verzögerungen führen - worauf sich die Preispolitik der Ölwirtschaft für den Fall der Fälle zu wappnen scheint, denn die Erinnerung an die Suez-Krise von 1956 haftet noch sehr gut im kollektiven Gedächtnis der internationalen Gemeinschaft.

1869 zum Großteil nach Plänen des Österreichers Alois Negrelli fertiggestellt, wurde der Kanal ab 1882 von den Briten unter Wahrung des freien Schiffsverkehrs militärisch kontrolliert. 1936 fixierte dann der britisch-ägyptische Bündnisvertrag für 20 Jahre die Stationierung britischer Soldaten in der Region.

Am 23. Juli 1952 stürzten die "Freien Offiziere" , unter ihnen der spätere Präsident Gamal Abdel Nasser, König Faruk. In der Folge schloss Kairo mit London ein Abkommen, das die Räumung der Kanalzone innerhalb von 20 Monaten vorsah. Nur einen Monat nach dem Abzug erfolgte am 26. Juli 1956 völlig unerwartet die Verstaatlichung der Suezkanal-Gesellschaft. Auslöser war nach der Weigerung Kairos, dem Bagdad-Pakt unter US-Schirmherrschaft beizutreten, eine Reihe internationaler Sanktionen gegen Ägypten. So hatten die USA und Großbritannien ihre Finanzierungszusagen für den Assuan-Staudamm am Nil widerrufen und die Weltbank die Kredite gestoppt.

Die Antwort aus London und Paris ließ nicht lange auf sich warten: Ägyptische Devisenguthaben wurden eingefroren, Baumwollimporte blockiert, Militärverbände nach Zypern verlegt. Die USA unterbrachen zwar Weizenlieferungen, legten aber ein Bekenntnis für den Antikolonialismus ab, was Briten und Franzosen massiv irritierte.

Am 29. Oktober 1956 stieß israelisches Militär über den Sinai bis zum Kanal vor, Tage später kamen britische und französische Fallschirmjäger. Russland drohte mit Interkontinentalraketen, nutzte aber gleichzeitig die Situation, um den Volksaufstand in Ungarn niederzuschlagen.

Schließlich übten die USA und Russland massiven diplomatischen Druck aus. Am 22. Dezember 1956 wurde der Krisenschauplatz schließlich geräumt.

Der nahöstliche Raum war aber mit der Krise in Unruhe geraten: Im Irak wurde die prowestliche Monarchie gestürzt, das jordanische Regime geriet unter Druck, Syrien schloss sich mit Ägypten bis 1961 zur "Vereinigten Arabischen Republik" zusammen, und der Libanon geriet an den Rand eines Bürgerkrieges. (Gianluca Wallisch/DER STANDARD, Printausgabe, 5.2.2011)

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    Teilweise und gänzlich versenkte Schiffe – zu erkennen an den aus dem Wasser ragenden Masten und Schloten – blockieren den Suezkanal bei Port Said, 9. November 1956.

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