Das Restrisiko auf ein erträgliches Maß reduzieren

4. Februar 2011, 17:27
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Die Skifahrer blicken in Richtung WM, die Ärzte auf die Befundblätter Verletzter - Das Risiko, schwer zu verunglücken, könnte verringert werden, aber das erfordert einen radikalen Umbau des Rennzirkus - Von Markus Redl

Trainer, Läufer, Funktionäre und Industrie verabsäumen es, sich auf ein Regulativ zu verständigen, das die Schwere von Verletzungen dämpfen kann. Das hält Toni Innauer, der langjährige Chef der ÖSV-Nordischen, dem Alpinrennsport vor. Sein Vorwurf wiegt schwer: Ihr lasst menschenunwürdige Zustände schleifen, vielleicht weil ja im Gegensatz zum Skispringen eure eigenen Kinder nicht betroffen sind und - bis in die jüngere Vergangenheit jedenfalls noch - immer wieder neue Talente die ausscheidenden Schwerstverletzten ersetzen. Nach dem Sturz von Hans Grugger auf der Kitzbüheler Streif und weiteren dramatischen Unfällen im Skiweltcup haben sich Läufer wie Michael Walchhofer jedoch jüngst sehr nachdenklich zu Wort gemeldet.

In Innauers Kritik steckt auch viel an Lösungsoptimismus: Er geht davon aus, dass das sogenannte Restrisiko sehr wohl durch Maßnahmen wie Änderungen der Materialvorschriften sowie der Art und Weise, wie Wettkämpfe organisiert werden, wesentlich verringert werden kann. Dieses Repertoire ließe sich noch um die Verbesserung der Sicherheitstechnik oder der Saisonplanung mit entsprechenden Regenerationsphasen bis hin zu der Frage erweitern, wie wirtschaftliche Anreize für Läufer und Verband strukturiert sind. Klar scheint, dass verschiedene Sportarten - allein schon aufgrund der spezifischen physikalischen und biomechanischen Rahmenbedingungen - unterschiedlich gut geeignet sind, das Restrisiko zu begrenzen. Es ist daher auch denkbar, dass manche Disziplinen radikal neu konzipiert oder sogar in ihrer heutigen Form "abgeschafft" werden müssten, um das Risiko auf ein erträgliches Maß zu reduzieren.

Welche Art von Risiken kann die Gesellschaft überhaupt tolerieren? Diese Frage ist im organisierten Sport der Verbände und Vereine jedenfalls eine politische, nicht zuletzt weil der Hochleistungssport in sehr hohem Maße vom Staat gefördert wird. Diese Diskussion sollte nicht auf eine akute lebensbedrohliche Verletzung beschränkt sein. Breiter gefasst geht es für (angehende) Hochleistungssportler um jegliche Art von negativen physischen und psychischen Spätfolgen aufgrund übermäßiger und unsachgemäßer Belastungen.

Sicherlich birgt auch das Entschärfen von Sportarten selbst Risiken. Manchen Sportlern könnte damit verwehrt sein, ihre ganz speziellen Talente voll auszuleben, obwohl sie aufgrund ihrer individuellen Konstitution oder Begabung ungleich weniger gefährdet wären als andere. Die Attraktivität für eine bestimmte Klientel könnte sinken.

ÖSV-Präsident Peter Schröcksnadel kritisiert, dass die Athleten bei der Neureglementierung der Skitaillierungen und Standhöhen im alpinen Skisport gleichsam ihre eigenen Versuchskaninchen waren. Für den einzelnen Athleten nicht bewältigbare, strukturelle Abhängigkeiten tragen dazu bei, dass für diesen schädliche Risiken überhaupt schlagend werden.

Eine wichtige politische Forderung für den Hochleistungssport ist dabei die duale Karriere, also die Verbindung von Sport und Ausbildung. Auch im Berufssport ist ein gut (aus)gebildeter Athlet mündiger sowie eher in der Lage, seine Interessen und Bedürfnisse auch zu artikulieren und einzubringen. Hier stößt der Sport vielfach an seine systemischen Grenzen, ist er doch immer noch sehr häufig in autoritären und patriarchalen Strukturen organisiert. In diesen spielt die Reflexion des eigenen Handelns eine untergeordnete Rolle. An der geringen Bereitschaft des Sports, sich mit der Kritik oder dem Vorbild anderer Lebensbereiche auseinanderzusetzen, lässt sich seine Selbstbezogenheit ablesen.

Eine besondere Verantwortung bei der "Neuverhandlung" der Risiken im Sport tragen alle professionell dazu Berufenen, für die dies ja ein Teil der jeweiligen Berufsethik sein müsste: Pädagogen, Trainer, Mediziner, ja sogar Manager im Sport. Ganz genauso trifft es natürlich die nicht zu beneidenden Eltern, denn Hochleistungssportler starten in der Regel ihre Karrieren bereits im unmündigen Kindesalter - und erleiden dabei leider häufig auch ihre ersten schweren Verletzungen. (Markus Redl, DER STANDARD Printausgabe, 5./.6 Februar 2011)

Markus Redl (37) ist Unternehmensberater und Lehrbeauftragter für Sportmanagement.

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