Die ägyptische Community in Meidling

4. Februar 2011, 17:54
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Auch die Ägypter in Wien debattieren über die Proteste in der alten Heimat - derStandard.at hat einige von ihnen besucht

In Meidling wird über Ägypten debattiert. Im nur rund hundert Meter von der U6-Station "Am Schöpfwerk" entfernten Gebetsraum treffen sich am Freitagnachmittag die Männer der ägyptischen Community Wiens zum Gebet - und zur anschließenden Diskussion.

"Es ist an der Zeit für Veränderung", sagt Tamer Amar. "Aber nicht auf diese Weise", fügt er hinzu. Seiner Meinung nach soll Mubarak noch bis September bleiben und für einen ruhigen Übergang sorgen. Ein Anderer fällt ihm ins Wort: "30 Jahre sind genug. Warum soll Mubarak noch bleiben? Er hat viel Schlechtes gemacht. Ich glaube, er geht noch heute."

Die Männer sitzen auf Holzstühlen oder auf dem Boden. Im gesamten Raum ist ein weicher dunkler Teppich ausgelegt. Die Schuhe haben sie im Vorraum gelassen. Hin und wieder ist das Vorbeirauschen der U6 zu hören.

Die Männer verfolgen die Geschehnisse in der alten Heimat über Satellitenempfang: Sie sehen Al Jazeera, das ägyptische Staatsfernsehen und auch Al Arabiya. Den ägyptischen Sendern vertrauen sie aber nicht richtig, zu einseitig sei die Berichterstattung. Al Jazeera allerdings würde ausgewogen berichten.

"Rausgelassen, was in ihren Herzen war"

Ob die Wucht der Demonstrationen sie überrascht hat? Auch hier fallen die Antworten unterschiedlich aus. "Nach 30 Jahren muss es einmal ein Ende haben", sagt Gamal Gafad. Ein Mann mit Baseballkappe, der seinen Namen lieber nicht veröffentlicht wissen will, entgegnet: "Für mich war es lediglich eine Überraschung, wie viele Leute auf die Straße gehen. Dass das Volk zornig ist war klar: die hohe Arbeitslosigkeit und die schlechte soziale Situation."
Dann meldet sich auch der 14-jährige Anas Mohamed zu Wort. "Der Auslöser war Tunesien. Das ägyptische Volk hat herausgelassen, was in seinem Herzen war."

Soft-Diktatoren statt der alten Diktatoren

Auch der Einfluss der USA wird diskutiert. Amerika wolle, dass Mubarak bleibt. Das sei notwendig, um den Frieden mit Israel nicht zu gefährden, ist da zu hören. Omar Faruk hat eine genaue Vorstellung von den Interessen der Amerikaner: "Es gibt ein großes Nahost-Projekt: Von Marokko bis Tunesien sollen alle alten Diktatoren durch Soft-Diktatoren ersetzt werden, weil die USA mit den alten Diktatoren nicht mehr weiter können." Der Aufstand sei richtig, aber "der Randalismus und die Barbarei", die derzeit passieren, seien nicht notwendig.

Das Chaos und die Ungewissheit in Kairo und anderen Städten sei beunruhigend. "Jetzt gibt es keine Touristen mehr, die Leute können nicht zur Arbeit gehen, alle Lokale und Geschäfte sind geschlossen", sagt Karim, der in einem langen grauen Kaftan auf einem der Stühle Platz genommen hat. Er sorgt sich um die armen Leute, die darunter am meisten leiden würden. Und er fügt an: "Wenn Mubarak jetzt geht, gibt es keine Kontrolle mehr, dann gibt es keinen Präsidenten. Das ist schwer."

Mubaraks Vor- und Nachteile

Auch Ibrahim ist der Meinung, Mubarak solle bis September bleiben: "So wie jeder Präsident hat er Vor- und Nachteile. Sein Ende soll nicht so sein."
Amgad Marie begrüßt, was die Facebook-Jungen, wie er sie nennt, gemacht haben. Aber nach den ersten Tagen hätten sie aber die Kontrolle über die Demonstrationen verloren. Kleinparteien hätten sich eingemischt. "Die gewalttätigen Auseinandersetzungen am Donnerstag haben ein schlechtes Licht auf das ägyptische Volk geworfen".

Was nach Mubarak sein wird? Da ist sich die Runde einig: "Das weiß niemand." (mka, derStandard.at, 4.2.2011)

  • Die Großdemonstrationen in der Heimat beschäftigen auch die Ägypter in Wien.
    foto: derstandard.at/kampl

    Die Großdemonstrationen in der Heimat beschäftigen auch die Ägypter in Wien.

  • Am Schöpfwerk, einer Wohnanlage im zwölften Wiener Gemeindebezirk, treffen sich die Männer zum Gebet.
    foto: derstandard.at/kampl

    Am Schöpfwerk, einer Wohnanlage im zwölften Wiener Gemeindebezirk, treffen sich die Männer zum Gebet.

  • Nicht überall sind sie sich einig. Es wird viel diskutiert.
    foto: derstandard.at/kampl

    Nicht überall sind sie sich einig. Es wird viel diskutiert.

  • Die Themen reichen vom Einfluss der USA, über wann und ob Mubarak jetzt gehen sollte und 
was danach passieren könnte.
    foto: derstandard.at/kampl

    Die Themen reichen vom Einfluss der USA, über wann und ob Mubarak jetzt gehen sollte und was danach passieren könnte.

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