Millionen demonstrieren in Kairo

4. Februar 2011, 22:12
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Chef der Arabischen Liga Amr Moussa beteiligt sich an Kundgebung

Der Tahrir-Platz gehörte am Freitag wieder den friedlichen Demonstranten. Am "Tag des Abschieds" haben hundertausende Ägypter der Angst vor regimetreuen Schlägerbanden getrotzt und erneut ein Ende der Ära Mubarak verlangt.

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"Er ist bei weitem der Beste, er könnte unser künftiger Präsident sein", freut sich Fahmi, als sich die Wagenkolonne von Amr Moussa den Weg auf den Tahrir-Platz bahnt. Viele der Umstehenden jubeln ihm zu. Der Vorsitzende der Arabischen Liga und ehemalige Außenminister erfreut sich großer Beliebtheit in vielen Schichten der Bevölkerung. In den andern Limousinen sitzen angesehene Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens, die Vorschläge für einen Ausweg aus der Krise unterbreitet haben.

Die Demonstranten schöpfen Zuversicht aus vielen kleinen Etappensiegen. "Jetzt hat der Sekretär der staatsnahen al-Azhar-Moschee den Rücktritt bekanntgegeben und sich den Demonstranten angeschlossen", erklärt Amina an einem Militär-Check-Point. "Und auch mein Mann hat eben seinen Austritt aus der Regierungspartei NDP abgeschickt und marschiert jetzt mit uns", fügt sie nicht ohne Stolz hinzu.

Zehntausende haben sich auch an diesem Freitag nach dem Mittagsgebet auf den Weg ins Stadtzentrum gemacht. Die Bewegung des 25. Jänner hatte zum "Tag des Abschieds" aufgerufen. An diesem Tag sollte das Ultimatum für Präsident Mubaraks Rücktritt ablaufen. Die Proteste waren auch Thema der Predigt in vielen Moscheen. "Diebe und Schläger sind keine Muslime", schallte es von einer Kanzel in der Nähe des Landwirtschaftsministeriums.

Nicht alle, die noch hinter Mubarak stehen, tun dies mit Fäusten und Steinen kund. An den Fassaden zahlreicher Geschäfte kleben Plakate mit den Slogans "Ja zu Mubarak, Ja zu Stabilität" oder "Reformen mit Mubarak" .

Bis zum Tahrir-Platz gilt es, geduldig mehrere penible Kontrollen der Ausweise und Taschen über sich ergehen zu lassen. Soldaten und Freiwillige übernehmen diese Aufgabe gemeinsam. Die Atmosphäre ist nicht mehr so gelöst wie am letzten Freitag oder bei der Millionendemonstration am Dienstag. Nach den blutigen Überfällen der Mubarak-Anhänger ist Nervosität und Angst vor Provokateuren zu spüren. Unter den Demonstranten sind viel weniger Frauen und Kinder. Gerüchte über Schlägertrupps, die auf dem Weg ins Stadtzentrum seien, machen die Runde. Drei Tote - laut Auskunft der Behörden - gab es bis zum Abend.

Starker Mann Suleiman

Der neue starke Mann, Vize-Präsident Omar Suleiman, hatte versichert, dass die Demonstration erlaubt sei und die Armee auf keinen Fall schießen werde. Die Soldaten legten in der Zwischenzeit eine geräumige Pufferzone an und hinderten Mubarak-Anhänger daran, auf den Tahrir-Platz vorzudringen. Am Tag elf der Revolte, die nach UN-Angaben bisher 300 Tote und tausende Verletzte gefordert hat, waren wieder Hunderttausende im ganzen Land auf den Straßen. Zu ihnen gesellten sich auch prominente Schauspieler, Künstler und Musiker.

Die Regierung von Ahmed Shafiq versucht, Vertrauen zu schaffen. Die Ausgangssperre wurde um drei Stunden verkürzt, von sieben Uhr abends bis sechs Uhr früh. Das Staatsfernsehen berichtete darüber, dass drei Minister und ein hoher Parteifunktionär mit einem Reiseverbot belegt und ihre Bankkonten eingefroren wurden. Lokale Medien gehen davon aus, dass aus den Kassen dieser vier in der Bevölkerung verhassten Personen das Geld für die Schläger stammt. Es sind dies der ehemalige Innenminister, ein Stahlmagnat (er soll der Kopf der Wahlfälschungen gewesen sein), der Wohnbauminister und der Tourismusminister, denen massive Korruption vorgeworfen wird.

Viele Demonstranten verlangen, dass noch mehr Köpfe rollen müssen. Intellektuelle und der wichtigste Industrielle Naguib-Sawiri haben eine "Roadmap" für eine demokratische Transformation unterzeichnet. Sie schlagen vor, dass Mubarak seine Kompetenzen an den Vize-Präsidenten abtritt, den Titel aber behalten kann. Das Parlament soll aufgelöst werden und eine Gruppe von Rechtsexperten die institutionelle Reform ausarbeiten. Ein Kabinett aus Experten solle die Regierungsgeschäfte übernehmen und der Ausnahmezustand aufgehoben werden. Den Jungen, die die Proteste angestoßen haben, wird garantiert, dass sie sich weiterhin in den verschiedensten Formen artikulieren können.

Reformer und Bremser

Das Regime ist offenbar in verschiedene Fraktionen gespalten. Es gibt Kräfte, die es mit der Reform ernst meinen, und andere, die bremsen. Mit seiner Ankündigung, dass er auch mit den eigentlich verbotenen Muslimbrüdern reden werde, hat Omar Suleiman einen bemerkenswerten Schritt getan. Mohammed Badei, der Chef der Muslimbrüder, hat wissen lassen, dass dies erst nach dem Rücktritt Mubaraks möglich sein werde. Mubaraks Tage scheinen gezählt. Dieses Gefühl hatte jedenfalls die Mehrheit der Demonstranten, nachdem "der Pharao", wie ihn die Ägypter nennen, selbst gestanden hatte, er habe genug. Unter den Organisatoren haben sich auch jene durchgesetzt, die nichts von einem provozierenden Marsch gegen das staatliche Fernsehen und den Präsidentenpalast am "Tag des Abschieds" wissen wollten. (Astrid Frefel aus Kairo/DER STANDARD, Printausgabe, 5.2.2011)

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    Am Tag elf des Aufstands gegen das autoritäre Regime in Ägypten forderten nach dem Freitagsgebet wieder hunderttausende Menschen auf dem zentralen Tahrir-Platz in Kairo den Rücktritt von Präsident Hosni Mubarak.

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