ElBaradei: "Ich bin ein Makler des Wechsels in Ägypten"

  • Anmerkung der Redaktion zu den widersprüchlichen Meldungen über eine mögliche Präsidentschaftskandidatur ElBaradeis:

    Das Interview mit Mohamed ElBaradei wurde Freitag nachmittag unter ziemlich widrigen Umständen und in großer Eile geführt. Als die erste Fassung dann über internationale Nachrichtenagenturen verbreitet wurde, fragte Al Jazeera noch einmal bei ihm nach, ob er wirklich nicht bei Präsidentschaftswahlen kandidieren würde, und ElBaradei sagte: "If the Egyptian people want me to continue the change process, I will not disappoint the Egyptian people." Und DER STANDARD wurde danach auch gebeten, das Interview in diesem Sinne zu korrigieren.

Friedensnobelpreisträger im STANDARD-Interview: "Würdiger Abgang für Mubarak"

Friedensnobelpreisträger Mohamed ElBaradei spricht sich in einem Telefonat aus Kairo mit Gudrun Harrer dafür aus, Hosni Mubarak einen würdigen Abgang zu sichern. Erst nach dessen Rücktritt wird die Frage gelöst werden, wer den Übergang managen soll.

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STANDARD: Auch wenn die Frage total unjournalistisch ist: Wie geht es Ihnen und Ihrer Frau?

ElBaradei: Es geht uns persönlich gut. Es geht alles sehr langsam, aber wir sehen, dass es ja doch in die richtige Richtung geht. Worauf wir warten, ist, dass Mubarak endlich dem ägyptischen Volk zuhört und versteht, was es ihm immer wieder laut und deutlich sagt: Du hast deine Legitimität verloren, du musst abtreten.

STANDARD: Wie sehen Sie, wie das Regime und seine Vertreter in den letzten Tagen agieren?

ElBaradei: Sie kämpfen noch immer um ihr Überleben. Sie versprechen eine Verfassungsänderung - wobei es natürlich nicht genug wäre, wenn dann ein paar ausgesuchte Leute zu Präsidentschaftswahlen antreten können. Dann versichern sie, dass Gamal Mubarak nicht kommt, dann dass sie eine Überwachung der Wahlen akzeptieren würden. Es geht stückweise.

STANDARD: Aber alles das würde eben nicht bedeuten, dass das Regime effektiv weg ist.

ElBaradei: Ja, und vor allem ist da der totale Mangel an Vertrauen bei der Gegenseite. Außerdem spricht das Regime auch noch nicht einmal eine ganze Reihe anderer sehr wichtiger Themen an: wie zum Beispiel eine Veränderung bei der Zulassung von Parteien. Oder dass der seit dreißig Jahren herrschende Ausnahmezustand aufgehoben werden muss. Aber vor allem muss eben Mubarak gehen.

STANDARD: Im Interview mit ABC hat es sich nicht so angehört, als ob Mubarak das auch nur ansatzweise einsehen würde.

ElBaradei: Wenn er bereit ist zu gehen, würden wir für einen würdigen Abgang Sorge tragen. Das lässt sich arrangieren. Er hat viele schlechte Dinge getan, aber er hat auch gute Dinge getan für dieses Land, so wie jeder Mensch Gutes und Schlechtes tut. Er sollte in Würde abtreten können.

STANDARD: Die US-Idee ist, dass er seinem Vizepräsidenten Omar Suleiman das Amt überträgt, werden das die Menschen akzeptieren?

ElBaradei: Viele junge Demonstranten sehen in ihm nur eine Verlängerung von Mubaraks Arm, es gibt große Opposition gegen ihn. Aber ich glaube, alle diese Fragen können gelöst werden, wenn Mubarak nur zurücktritt.

STANDARD: Nach einer Verfassungsänderung: Werden Sie zu Präsidentschaftswahlen antreten?

ElBaradei: Ich bin ein Makler des Wechsels in Ägypten. Wenn er käme, hätte ich meine Pflicht getan. Ich stehe über den Parteien, das gibt mir mehr Flexibilität, mich klar auszudrücken. Natürlich möchte ich auch in der Zukunft eingebunden sein. Wer bei den Wahlen antritt, ist im Moment wirklich nicht so wichtig. Aber wenn es die Leute so wollen, würde ich selbstverständlich zur Verfügung stehen.

STANDARD: Aber Sie werden im Namen der Opposition mit der anderen Seite verhandeln?

ElBaradei: Es wird nicht viel zu verhandeln geben, wenn das Regime begriffen haben wird, was ein echter Wandel und was Demokratie ist. (DER STANDARD, Printausgabe, 5.2.2011)

Mohamed Elbaradei, Ägyptischer Jurist und ehemaliger Diplomat, 1997 -2009 Generaldirektor der Internationalen Atomenergiebehörde in Wien, als solcher Friedensnobelpreisträger 2005.

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