Erweckung versunkenen Zaubers

4. Februar 2011, 18:13
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Das Theater- und Kunstnetzwerk "ohnetitel" will mit "Circus Coney Island" einer alten Wunderwelt nachspüren

Gut 40 Minuten dauert die Zugfahrt von Manhattan nach Coney Island. Dort, im Süden Brooklyns, befinden sich seit dem 19. Jahrhundert am Strand historische Vergnügungsanlagen, die als Geburtsstätte von Freizeitparks gelten: Achterbahnen, Showbühnen mit Schwertschluckern und anderen Sensationen sowie Zirkuszelte. Nach dem Zweiten Weltkrieg begann der Niedergang, in den 1970ern war die Vergnügungsmeile in desolatem Zustand. Patti Smith beschreibt in Just Kids, wie sie mit Robert Mapplethorpe ihre Urlaube auf Coney Island verbrachte.

Aus Geldmangel konnten sie sich keine Reisen leisten, also ging es in den vergammelten Themenpark Dreamland. Es darf vermutet werden, dass Spät-Beatniks wie Smith den Ort auch wegen Lawrence Ferlinghettis Gedichtband A Coney Island Of The Mind liebten. Darin geht es um ein inneres Karussell, Gedichte als eine Art Zirkus der Seele. Die Metapher von Niedergang und Verlust lässt auch das Theater- und Kunstnetzwerk "ohnetitel" virtuell nach Coney Island reisen. Im Circus Coney Island will das Kollektiv einer alten Wunderwelt nachspüren, die Ränder der Gesellschaft ins Rampenlicht rücken. Dazu steht im Atelier eine begehbare Holzinstallation mit Manege samt Guckkastenbühnen.

Für den roten Faden zwischen den Geschichten sorgen die Memoiren eines Zirkusdirektors, die aus einem Tonbandgerät kommen - wie Zirkus oder Jahrmarkt Artefakt einer prädigitalen Zeit. Tricks und Texte zitieren Prosaminiaturen von Daniil Charms, Ernst Jandl, Nikolaj Gogol, Franz Kafka, Charles Baudelaire, Henry Miller, Robert Walser. (dog, DER STANDARD - Printausgabe, 5./6. Februar 2011)

5. & 6.: Salzburg, Künstlerhaus/ohnetitel-Atelier, 16.00-18.00

 

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