Glavinics neuer Roman: Sie nannten sie Lisa

4. Februar 2011, 17:00
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Im neuen Roman redet ein Mann, der vor einer vermeintlichen Serienmörderin geflüchtet ist, im Internetradio um sein Leben

Wien - Man ist von Thomas Glavinic einiges gewöhnt. Durchaus auch im Guten: Kaum eines seiner Bücher gleicht dem anderen, weder stilistisch noch inhaltlich sind seine Romane - auch wenn es thematisch oft um Angst, Orientierungslosigkeit, Unsicherheit geht - auf einen Nenner zu bringen.

Dazu hat der 1972 geborene Autor seit seinem Debüt Carl Haffners Liebe zum Unentschieden (1998) eine beachtliche Anzahl wunderlicher, zuweilen verhaltensauffälliger Figuren das Licht der literarischen Welt erblicken lassen. Sie heißen Georg Susacek (Herr Susi), Karl Kolostrum (Wie man leben soll), Jonas (Die Arbeit der Nacht und Das Leben der Wünsche) oder, wie in Das bin doch ich, schlicht Thomas Glavinic.

In Glavinics neuem Roman Lisa (Hanser Verlag) dreht sich nun alles um Tom. Doch Glavinic wäre nicht Glavinic, würde es sich bei seinem Ich-Erzähler um einen sicheren Kantonisten handeln, denn: "Nein, meinen richtigen Namen verrate ich euch nicht, ich bin ja nicht ganz blöd, nennt mich Tom: Tom, das ist eine Idee von mir. Ich bin eine Idee von Tom."

Dieser Tom also sitzt mit seinem Sohn Alexander in einem abgelegenen Haus in den Bergen. Im Verlauf des Romans wird er immer verzweifelter versuchen, telefonisch seine Freunde zu erreichen. Erfolglos. Schnell wird klar, es muss etwas Furchtbares passiert sein. Zu tun hat dieser Schrecken mit Lisa, doch wer - und vor allem was - sie ist, bleibt zunächst unklar. So gut, so unheimlich.

Besessenheiten

Bis zum Auftauchen von Lisa war Toms Leben in Ordnung. Wohnung, halbwegs funktionierende Beziehung, Job als Computerspieltester. Doch dann - man ist gerade im Urlaub - wird in die Wohnung eingebrochen, es fehlen Laptop, Stereoanlage und Geburtsurkunden. Die Polizei macht ihre Arbeit gründlich, nimmt DNA-Spuren, und es stellt sich heraus, dass beim Einbruch eine Frau dabei war, die nicht nur diverse Bagatelldelikte begangen hat, sondern auch in zahlreiche grausame Morde auf verschiedenen Erdteilen verwickelt ist. Je mehr Tom von Hilger, einem bayerischen Polizisten, mit dem er sich befreundet, erfährt, desto näher scheint Lisa ihm zu kommen.

Nun sitzt Tom im Nirgendwo und redet um sein Leben. Doch Tom ist nicht Scheherazade, die im König ein reales Gegenüber hat, vielmehr sitzt er am Computer und wendet sich per Internetradio an eine unbekannte Hörerschaft. Jedes der acht Kapitel des Romans umfasst einen Abend, eine Sendung, in der Tom über das Leben, Fußball, Beziehungen, Politik, Gesellschaft, Freunde und natürlich vor allem über das "Phantom" Lisa, und Hilger, der sie wie ein Besessener jagt (oder jagte?), monologisiert.

Das ist eine - auch von der Erzählhaltung her - einnehmende Grundidee für einen Roman. Das Problem ist nur, dass dieser Tom nicht nur dem Whisky, sondern auch dem Kokain zuspricht, und dies in erklecklichen Mengen. Das ist zwar zuweilen lustig, führt allerdings auch dazu, dass die Worte des Erzählers gelegentlich seine Gedanken überholen. Er faselt, was er auch selbst konstatiert.

Schwerer wiegt, dass der Roman stellenweise eine Brutalität schildert, die an die Nieren geht. Brüste und männliche Genitalien werden hier abgeschnitten, erstere mit Kettensägen, Menschen werden mit ihren Eingeweiden erstickt oder Haaren erwürgt. Die Schilderung der Taten Lisas mag notwendig sein, um ihre Bestialität zu illustrieren, doch wäre hier weniger, bzw. eine subtilere Beschreibung, mehr gewesen.

Zu sagen bleibt, dass dieser Monolog eines Verzweifelten den Leser mit einiger Wucht in die - sich zwischen Paranoia und kühler Analyse, zwischen Obsession und Angst, zwischen Blödelei und heiliger Wut über die gesellschaftlichen Zustände bewegende - Innenwelt seines Erzählers zieht. Entkommen gibt es hier keines. Auch für Tom nicht? (Stefan Gmünder, DER STANDARD - Printausgabe, 5./6. Februar 2011)

  • "Tom, das ist eine Idee von mir. Ich bin eine Idee von Tom": Thomas 
Glavinic.
    foto: heribert corn

    "Tom, das ist eine Idee von mir. Ich bin eine Idee von Tom": Thomas Glavinic.

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