Das Ich, das durch den Schneesturm geht

4. Februar 2011, 17:58
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Johan Simons' famose Uraufführung von Elfriede Jelineks "Winterreise" in München erfasst die Zumutungen der (österreichischen) Gegenwart in eisigem Brausen

Weniger Requisite, mehr Ton - und was für einer!

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Unklare Identitäten, zerrissene Subjekte, das sind die modernen Ich-Formen am zeitgenössischen Theater. Hier wird nicht mehr gehandelt, sondern werden hereinstürzende Unfassbarkeiten in halbwegs erträgliche Entfernung gerückt.

Elfriede Jelineks Winterreise vollzieht anhand von Franz Schuberts / Wilhelm Müllers gleichnamigem Liederzyklus so eine Bewegung. Sie verschränkt Mikro- und Makrokosmos einer (österreichischen) Existenzerfahrung entlang handfester Topoi: den Hypo-Alpe-Adria-Bankenskandal, den heuchlerischen Umgang mit einem Entführungsopfer (Natascha Kampusch), den generellen Skandal der eigenen Vergänglichkeit, die beängstigende Virtualisierung des Privatlebens, die Bürden der eigenen Familie. Als Auftragswerk der Münchner Kammerspiele hatte diese vielstimmige Winterreise ebendort am Donnerstag Uraufführung.

Zum Glück gibt es für die schwallartigen Textkonvolute der Nobelpreisträgerin längst keine auferlegten Regieanweisungen mehr. Jelineks selbst deklarierte "demokratische Schreibweise" erlaubt es jedem Regisseur, zum Co-Autor zu werden, also die Textgrundlage geradezu uneingeschränkt zu handhaben. Johan Simons hat mit großem Gespür von dieser Möglichkeit Gebrauch gemacht. Zusammen mit Julia Lochte hat der niederländische Regisseur und Kammerspiele-Intendant die Winterreise auf knapp die Hälfte des Textumfangs verdichtet - und ihr dadurch schlussendlich mehr Kraft verliehen.

"Hypo" lüpft ihr Röckchen

In der Winterreise treffen mehrere Motive aufeinander. Simons hat sie in tragfähigen Kürzungen neu montiert und erzielt damit eine Aufwertung der gesprochenen Passagen - anstelle Textmassen inflationär zu wälzen. Das Bild von der den Liebenden verstoßenden Braut (aus Müllers erstem Lied "Gute Nacht") benützt Jelinek für den Brautaufputz bei der Bankenfusion der Hypo-Alpe-Adria mit der Bayerischen Landesbank: Eine abgeschmackte, verdächtig schwarz gekleidete Braut (Benny Claessens) lüpft auf dem weit ins Publikum ragenden Bretterboden mit feistem Grinsen ihr Röckchen. Mit der Fokussierung auf einzelne Textpassagen rückt auch Jelineks Verfahren einer sich selbst entlarvenden Sprache in den Vordergrund. Subjekte und Objekte gehen einander in die Falle, es wechseln Wortfelder im Handumdrehen die Bedeutungen, Metaphern stolpern über sich selbst, Redewendungen werden überrumpelt.

Darin steckt der für die Autorin typisch säuerliche Witz: "[...] in ihrem Bukett, wo einiges reingeht, das man nicht durch die Blume sagen kann". Die Sätze schwingen oft zwischen Sprechen und Gesang, ein zentraler Zugriff in Simons Regie: weniger Requisite, mehr Ton - und was für einer!

Marthaler-Musiker Christoph Homberger hat mit Martin Schütz und Jan Czajkowski Windmaschinen zum Singen und Pianinos zum Seufzen gebracht. Eine sinnliche Wahrnehmung, die es im Theater so glaubhaft nur noch selten gibt. Die Winterreise ist kein szenisch erweiterter Schubert-Abend, sondern ein filigranes Gespinst aus wenigen Tönen, deren Quelle man kaum zuordnen kann und die die Moll-Stimmung bei Schubert ganz neu interpretieren.

Schon im Theaterfoyer braust ein eisiger Wind, und drinnen dann rettet sich ein vom Schneesturm geplätteter Wanderer (eingeschneit: Stefan Hunstein) durch die schwarze Rückwand auf die Bühne. Die anderen tun es ihm gleich, u. a. Hildegard Schmahl oder Wiebke Puls mit Jelinek-Frisur (ein Gag unter Jelinek-Regisseuren), die als Autorinnen-Ich das enge, aber belastende Verhältnis zur Mutter aufgreift.

Oder André Jung, der es nach stundenlanger völliger Stummheit als Alzheimer-kranker Vater Jelineks zuwege bringt, auf offener Bühne zu implodieren. Besonders aber auch Kristof Van Boven, der mit Gesichtsmaske ein Mädchen erschafft, das zu den kunstvollsten Interpretationen gehört, die für eine Kampusch-Abbildung zulässig sind. (Margarete Affenzeller, DER STANDARD - Printausgabe, 5./6. Februar 2011)

  • Ein "Wanderer" (Stefan Hunstein) in der Schubert-Nachfolge verschafft 
sich in München Zutritt zur österreichischen Lebenswelt: die 
Wirklichkeit, von Elfriede Jelinek eiskalt entlarvt.
    foto: münchner kammerspiele/julian röder

    Ein "Wanderer" (Stefan Hunstein) in der Schubert-Nachfolge verschafft sich in München Zutritt zur österreichischen Lebenswelt: die Wirklichkeit, von Elfriede Jelinek eiskalt entlarvt.

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