Hochkarätige Früchte

4. Februar 2011, 18:09
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Impressionisten und Vertreter der Moderne heizten 2010 wieder die Rekordmaschinerie an - Kommende Woche steht der Saisonauftakt in London auf dem Programm

Wenn die letzten zwölf Monate eine Lektion erteilt haben, dann jene, dass nur eine Minorität gegen die Phalanx der frühen Moderne anzutreten imstande ist. In der Region des Superlativs sind allenfalls Geschütze vom Range eines Andy Warhol und vielleicht noch eines Mark Rothko in der Lage, die lineare Kampfformation der Impressionisten und der klassischen Moderne zu durchbrechen. Die Rankings der 2010 verzeichneten Topzuschläge in den Kunstmarktmetropolen New York und London dokumentieren das mehr als imposant. Im Gegensatz zur zeitgenössischen Kunst genießen Picasso und Co, wie es scheint, ein nahezu bedingungsloses Vertrauen seitens der megabegüterten Sammlerklientel.

Umsatzrekord dank Moderne

Am 3. Februar 2010 schrieb man insofern Geschichte. Die fünfte Woche des Jahres war noch nicht um und lieferte dem internationalen Kunstmarkt einen Moment hellster Freude. Und dieser hatte das zu diesem Zeitpunkt bitter nötig: Die weltweite Nachfrage ließ zu wünschen übrig, die Umsätze waren um bis zu 40 Prozent geschrumpft, verunsicherte Eigentümer zickten und waren nicht bereit, sich von potenziellen Rekordanwärtern zu trennen.

Nicht so die deutsche Commerzbank. Mit der Übernahme der Dresdner Bank 2009 kam auch deren Kunstkollektion in ihren Besitz, darunter Alberto Giacomettis große Figur eines Schreitenden. Auf bescheidene zwölf bis 18 Millionen Pfund hatte Sotheby's die Bronze taxiert, und dann marschierte die 183 cm große Ikone auf Rekordpfaden; inklusive Aufgeld des Auktionshauses fiel der Hammer bei 65 Millionen Pfund bzw. umgerechnet 104,32 Millionen Dollar. Damit übertraf Sotheby's den hauseigenen Zuschlagsrekord ebenso wie den bis dahin gültigen für ein versteigertes Kunstwerk (2004: Pablo Picassos Garçon à la pipe, 104,16 Mio. Dollar, Sotheby's New York). Nach sechs langen Jahren und einer veritablen Wirtschaftskrise sorgte dieser jenseits der 100-Millionen-Dollar-Marke verzeichnete Besitzerwechsel für Aufatmen bis in den letzten Winkel des Marktes. Regelrechte Euphorie herrschte drei Monate später, als Picassos Nu au plateau de sculpteur bei Christie's in New York mit 106,48 Millionen Dollar auch diesen Wert übertraf.

Beide Auktionshäuser verbuchten 2010 Rekordumsätze und bekamen zum Saisonauftakt in London hochkarätige Früchte anvertraut. Allen voran Picassos im Jänner 1932 gemaltes La Lecture, das am 8. Februar bei Sotheby's womöglich die letzten ruhmreichen Minuten in der Öffentlichkeit genießen könnte und zwölf bis 18 Millionen Pfund (18, 75-27,85 Mio. Dollar) oder auch weit mehr einspielen könnte.

Vom Symbol zum Porträt

In der Vita des Künstlers spielt diese 65,5 mal 51 cm große Leinwand eine besondere Rolle: Sie gilt als erster offizieller Auftritt seiner Geliebten Marie-Thérèse Walter. Fünf Jahre währte das Verhältnis damals. Bis zu diesem Werk deutete Picasso seine Leidenschaft für die 30 Jahre jüngere Frau nur symbolisch an, als Blumenvase oder mit Früchten gefüllte Schale. Im wenige Monate später gemalten Nu au plateau de sculpteur (höchster Zuschlag 2010) verewigte er sie als Statue.

Sowohl für La Lecture, das wohl prächtigste Zugpferd der kommenden Woche und vielleicht auch Saison, als auch für Marino Marinis L'Idea del Cavaliere (3,7- 4,5 Mio. Pfund) hat Sotheby's den Einbringern eine Garantie erteilt, sie erhalten also zumindest die untere Taxe, selbst wenn sich kein Käufer dafür findet. Bis zu 79,25 Millionen Pfund hofft Sotheby's allein für die 42 im Evening-Sale zum Verkauf stehenden Positionen zu lukrieren, und das ist deutlich bescheidener als Kontrahent Christie's.

Dort schickt man am Abend des 9. Februar inklusive einer Gruppe Surrealisten insgesamt 78 Kandidaten ins Rennen, die sich mit 73,88 bis 109 Millionen Pfund zu Buche schlagen könnten. Zu den Höhepunkten gehören hier neben einem Stillleben Paul Gauguins (L'Espérance, 7-10 Mio. Pfund) vier Gemälde aus dem Bestand des Art Institute Chicago, darunter Georges Braques Nature morte à la guitare (3,5-5,5 Mio. Pfund). (Olga Kronsteiner, DER STANDARD/ALBUM - Printausgabe, 5./6. Feburar 2011)

 

  • Mit diesem Porträt ("La Lecture") machte Pablo Picasso sein Verhältnis 
zu Marie-Thérèse 1932 öffentlich (12-18 Millionen Pfund).
    foto: sotheby's

    Mit diesem Porträt ("La Lecture") machte Pablo Picasso sein Verhältnis zu Marie-Thérèse 1932 öffentlich (12-18 Millionen Pfund).

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