Eine Zumutung

4. Februar 2011, 17:12
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Im Sammelband "Der Wahrheit auf der Spur" stößt man auf den ganzen Thomas Bernhard - Die Herausgeber zerstören leider den Lesegenuss

Andere sterben mit großen letzten Worten. Nicht so Thomas Bernhard: Er verabschiedete sich von der Öffentlichkeit mit einer Petitesse. Und zwar mit einem Leserbrief, der am 12. Jänner 1989, exakt einen Monat vor seinem Tod, in der Salzkammergut-Zeitung veröffentlicht wurde.

Aus dieser von ihm "immer sehr geschätzten Zeitung" habe er, so Bernhard, "zu meinem Entsetzen" erfahren müssen, dass die Straßenbahn von Gmunden eingestellt werden solle: "Ein größeres Unglück könnte dieser von mir geliebten Stadt gar nicht widerfahren! Gerade diese Straßenbahn ist eines der markantesten Wahrzeichen der Stadt und ich benutze sie regelmäßig mit dem größten Vergnügen bei meiner Ankunft auf dem Bahnhof. Diese Straßenbahn ist ein Kleinod und unersetzbar und Gmunden würde mit ihr eine seiner allerersten Attraktionen bei Jung und Alt verlieren."

Mit dem Plädoyer für die 2,315 Kilometer lange Straßenbahnlinie endet nun auch ein Buch: Herausgegeben von Wolfram Bayer, Raimund Fellinger und Martin Huber versammelt der Band Der Wahrheit auf der Spur diverse Reden, Leserbriefe, Feuilletons von und Interviews mit Bernhard ab Ende 1954. Leider fehlen die frühen Gerichtsreportagen - um später gesondert verwertet zu werden? Ansonsten aber stößt man auf den ganzen Bernhard: auf all die Skandale und Prozesse, seine Furcht vor den Nazis bei gleichzeitiger Milde gegenüber Josef Weinheber ("jeder hat notwendig, einen Teil wenigstens vergessen zu bekommen"), auf Hasstiraden, auf Attacken gegen Elias Canetti wie Bruno Kreisky, auf viel Kälte, manche Ursache und die Erkenntnis: "Alle Umwege führen in den Tod."

Dennoch ist der Sammelband eine Zumutung. Denn die Herausgeber lösten Bernhards Texte vom Kontext der ursprünglichen Publikation: "Redaktionelles Beiwerk wie Titel, Untertitel, Kopfnote, Vorspann oder Kommentar" wurde in den Anhang verbannt. Ohne diese Ergänzungen aber sind etliche Texte nicht verständlich.

Noch schwieriger wird das bei Bernhards Reaktionen wie z. B.: "Mein nächstes Buch lassen Sie bitte gleich von einem natürlich auch in Oberösterreich geborenen oder ansässigen Schimpansen oder Maulaffen besprechen." Da kommt es schon vor, dass für die Erklärung im Anhang ein Vielfaches des eigentlichen Textes benötigt wird: Bernhard ärgerte sich über eine Rezension des Linzer Autors Herbert Eisenreich im Spiegel, der die Ansicht vertreten hatte, dass mit Bernhard "inmitten der dezidiert urbanen Literatur Österreichs wieder einmal der Urwald ausgebrochen" sei ...

Wer das Buch lesen will, muss daher permanent hin und her blättern. Und im nicht gegliederten Anhang andauernd die Zeile suchen, weil der Verlag, der, wie Schusterbuben beweisen, nichts mehr von einem schönen Satzbild hält, auf ein Bändchen verzichtet hat. Der Ärger geht aber noch weiter. Ein einziges Mal wird das "redaktionelle Beiwerk" doch nicht verbannt: Den Bericht von Thea Lethmair über Bernhard in Augsburg ordnen die Herausgeber unter die Bernhard-Texte ein.

Und im Klappentext vermerkt man, dass der Straßenbahn-Leserbrief (Erstdruck: 12. Jänner 1989) erst drei Tage nach Bernhards Tod erschienen sei. Wie ist das möglich? Gemeinhin starb der Autor am 12. Februar 1989. Ach ja: Die Straßenbahn fährt noch immer! (Thomas Trenkler, DER STANDARD - Printausgabe, 5./6. Februar 2011)

Thomas Bernhard, "Der Wahrheit auf der Spur". € 20,50 / 346 Seiten. Suhrkamp, Berlin 2011

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