"Energiepreise werden steigen"

4. Februar 2011, 15:06
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Stefan Schleicher, Berater am Wirtschaftsforschungsinstitut, betrachtet den heutigen EU-Energiegipfel mit Skepsis

Am Energiegipfel sollen die Weichen für eine künftige EU-Energiepolitik gestellt werden. Energieexperte und Wifo-Berater Stefan Schleicher geht im derStandard.at-Interview mit Bernhard Oesterreicher nicht davon aus, dass es unter den Staats- und Regierungschefs zu verbindlichen Vereinbarungen kommen wird.

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derStandard.at: Wie wahrscheinlich ist es, dass beim EU-Energiegipfel verbindliche Vereinbarungen für einen zukünftigen europäischen Strom-Binnenmarkt getroffen werden?

Schleicher: Für mich wäre es eine große Überraschung, wenn verbindliche Vereinbarungen getroffen würden. Die bisherigen Richtlinien wurden auch nur zögerlich umgesetzt.

derStandard.at: Schätzen Sie die von EU-Kommissar Günther Oettinger erwähnten Kosten für die europäische Energieversorgung von bis zu einer Billion Euro auch so hoch ein?

Schleicher: Ich schätze sie mindestens so hoch ein, weil sich die Anforderungen gravierend verändern werden. Erstens braucht erneuerbare Energie neue Messstrukturen; zweitens ist ein weiterer Ausbau der Windkraft in Deutschland ohne neue Netzkapazitäten zu schaffen nicht sehr sinnvoll, weil man den Strom nicht nach Süddeutschland bringen kann. Ähnlich verhält es sich mit der Solarenergie in südlichen Ländern. Ein weiterer Kostenfaktor ist die Planung neuer Netzstrukturen. Bis Ende 2012 wollte die EU einheitliche technische Standards für "intelligente Netze", die "smart grids", schaffen. Insgesamt dürften die Kosten also mindestens so hoch sein, wie Oettinger das dargestellt hat.

derStandard.at: Mit welchen Veränderungen müssen die Verbraucher noch rechnen?

Schleicher: Die Energiepreise für Elektrizität werden steigen, aber die Nutzungskosten könnten auf Grund der bereits erwähnten neuen Netzstrukturen stabil bleiben.

derStandard.at: Warum gibt es bis jetzt keine einheitliche Energiesteuer innerhalb der EU?

Schleicher: Weil die Interessenslagen der Mitgliedsstaaten zu unterschiedlich sind.

derStandard.at: Wie ist das Ziel, die Energieeffizienz bis 2020 auf 20 Prozent anzuheben, noch zu erreichen? 

Schleicher: Wenn die EU dieses Ziel ernst nimmt, dann ist das ohne erneuerbare Energie nicht zu schaffen. (Bernhard Oesterreicher, derStandard.at, 4.2.2011)

Wissen: Smart Grids sind Energienetze, die alle Teilnehmer des Energiesystems miteinander verbinden. Dabei wird Datenaustausch und Energietransport in beide Richtungen möglich, nicht wie bisher nur in eine. Das ist vergleichbar mit dem Internet. Stromkonsumenten wachsen mit Stromproduzenten zusammen. Die Konsumenten werden aktiver, steuern ihre Nachfrage, erzeugen selbst Energie, speisen diese ins Netz ein und benötigen zu anderen Zeiten Strom aus dem Netz. Ziel ist es, Angebot und Nachfrage besser aufeinander abzustimmen und das Netz stabiler und effizienter zu machen.

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