Die Riten der Selbstbehauptung

4. Februar 2011, 17:52
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Gisela von Wysocki über ihren Kindheitsroman "Wir machen Musik": über Not und Glorie einer spezifisch weiblichen Erinnerungskunst

Ein Gespräch mit Ronald Pohl.

STANDARD: Wie könnte man die Form Ihres Schreibens bezeichnen? Als die vorsichtige Öffnung eines Erinnerungsraums?

Wysocki: Da fällt mir zuerst ein, dass mein Lehrer Theodor W. Adorno, als er mir in Frankfurt ein Dissertationsthema anbot, ein lebensphilosophisches Thema vorschlug. Er stellte aber an mich die Forderung, dass der Begriff des Lebens darin niemals auftauchen dürfe. Für mich eine fast unlösbare Aufgabe. Aber ich habe sehr genau verstanden, was gemeint war: keine Begriffe, keine Kategorien, sondern das Leben selbst über Sprache anschaulich zu machen. Wie es arbeitet, wie es sich zusammensetzt, wie es in einem poetischen Sinne "ist". Meine Sprache hat, denke ich, eher die Bewegung des Einkreisens, des Herantastens. Und das erkläre ich mir so, dass ich einfach die prägende Erfahrung in der Kindheit gemacht habe, dass die Dinge sehr schwer zu "haben" sind.

STANDARD: Wodurch wurde Ihre Skepsis hervorgerufen?

Wysocki: Aus der Einsicht, dass es wahrscheinlich keine ganz genauen, treffsicheren Möglichkeiten gibt in der Sprache. Ganz im Gegensatz zu dem Hegel-Satz: In der Erkenntnis kommen die Dinge zu sich selbst. Grund für diese Haltung, denke ich, ist meine Kindheit gewesen, in der ein Kind einen Vater hat, den das Kind für einen Zauberer hält. Der Zauberer kann Tiere an die Wand malen durch seine Hände, er kann Frühstückseier aus dem Ärmel ziehen.

STANDARD: Ihr Vater, die eigentliche Hauptfigur des Romans "Wir machen Musik", war Schellackproduzent bei Odeon. Er besaß die Macht eines Gottes, weil er es verstand, die ganze Welt zusammenzupressen und in Schellacks verschwinden zu lassen.

Wysocki: Da ist die Wucht dieser Zaubererfigur, die morgens ein Frühstücksei hervorzaubert und abends die Schellackplatte aus der Tasche zieht. Beide Vorgänge kann sich das Kind nicht erklären. Es muss annehmen, dass das Ei unter dem Ärmel entstanden ist und dass der Vater diese vielen Menschen, die auf den Platten Musik machen: Chöre, Solisten und Orchestermitglieder, dass er die so klein zusammengequetscht hat, bis sie in die kleinen Rillen der Platte hineinpassen. Man könnte sagen: Das Kind macht früh - zu früh! - eine tiefe Erfahrung mit dem Transzendenten. Etwas Göttliches, das man das Heilige nennt. Das reibt sich natürlich mit den Möglichkeiten der Wahrnehmung, die ein Kind besitzt. Es muss sich mit sprachlichen Annäherungsversuchen begnügen. Die Sprache, die ich für die Betäubung der Kindheit gefunden habe, ist der Versuch, das Beste daraus zu machen. Es besitzt nicht die Naivität zu glauben, das Wort zu treffen. Wenn, dann müsste dieses schon im Novalis'schen Sinne das Zauberwort sein. Da ist mir der Vater zupassgekommen, der mich in das Becken der Magie eintauchen ließ. Eine zweite Taufe.

STANDARD: Männer sind die Schöpfer, die über Sprache verfügen. Die kindliche Person, die weiblich ist, muss sich mit einer Sprachgewalt zweiter Ordnung begnügen, die rein reaktiv ist und einen Mangel kenntlich macht. Ist Herrlichkeit und Elend weiblichen Schreibens darin zu suchen, dass man das je Eigene nur im schmerzlichen Bewusstsein einer solchen "Unterlegenheit" erarbeiten kann?

Wysocki: Da habe ich ganz früh eine Entscheidung getroffen, die auch wieder mit der Kindheit zu tun hat. Die Wahrnehmung von Unterlegenheit und Mangel, die natürlich hereinspielt - der Psychoanalytiker Lacan hat das ja gnadenlos formuliert: "La femme n'existe pas". Wobei es um die Symbolsprachen geht, die der Frau nicht zur Verfügung stehen. Es hat mir die Kindheit mit ihren Rätseln etwas in die Hände gespielt, weil ich mich sehr früh dafür interessiert habe, dass Begriffe des Mannes, der Unterlegenheit, des Mangels einen Stellvertreter bei mir gefunden haben: die Erfahrung von Fremdheit.

Affirmativ ist diese in dem Sinn, dass sie eine Haltung gegenüber der Wirklichkeit vorgibt: dass es eine Fremdheit gibt in der eigenen Existenz, die mit der Weiblichkeit zu tun hat. Diese Fremdheit verlangt danach, ihr ein Gesicht zu geben, einen Ausdruck. Dieser Fährte bin ich nachgegangen. Ich selber habe sehr schnell das Gefühl gehabt, dass ich in einer Unterwelt lebe. Das hatte mit den Zauberkünsten des Vaters zu tun - er verstieß mich immer wieder in dieses dunkle Reich der Wirklichkeit. Das Kind hat immer das Gefühl gehabt, dass es über ein Wissen nicht verfügt, das andere haben. Die anderen wissen, wie das zugeht mit der Schallplatte, warum da Musik herauskommt.

STANDARD: Das Mädchen findet nicht seinen Platz in der Welt?

Wysocki: Andere Kinder haben in der Schule, wenn die Lehrerin nach dem Beruf des Vaters gefragt hatte, sagen können: Schmied, Schuhmacher, Rechtsanwalt. Ich empfand hingegen vollkommene Beschämung: Mein Vater macht Musik! In der Hoffnung, die Lehrerin würde an jemanden denken, der Geige spielt. Diese Scham hat ihre schwierigen, ganz schwarzen Seiten. Aber sie bringt auch einen Drive mit, eine Notwendigkeit, fast eine Zwangsläufigkeit: genau beobachten zu müssen, sich selbst Erklärungen zimmern zu müssen.

STANDARD: Wie macht man sich die kindliche Perspektive zu eigen?

Wysocki: Meine Sprache ist angesprungen in der Komposition der Stimme. Da ist das Mädchen, das sein eigenes Recht hat, die Dinge so zu betrachten, wie es das tut. Seine Erklärungen besitzen eine eigene Schlüssigkeit. Das berührt ja das Geheimnis jeder Poesie. Dann ist da die Stimme der Schriftstellerin und Zeitgenossin, die weiß, was tatsächlich in Deutschland passiert ist, und andere Instrumente zur Verfügung hat als das Kind, und diese gebraucht, um das unfertige Wesen sprechen lassen zu können.

STANDARD: Elfriede Jelinek hat einmal gesagt: Sie hätte gerne einen Porno geschrieben. Sie sei damit aber gescheitert, weil man das aus weiblicher Perspektive, in Ermangelung einer "Tätersprache", nicht zustande bringt.

Wysocki: Das setzt voraus, dass es diese Polarität als ein zentrales Motiv einer Schriftstellerin gibt. Bei Elfriede ist das zweifellos der Fall, man musste das nicht diskutieren, das war und ist ihr Abc. Sie hat Dinge mitformuliert für mich, aber ich denke, dass die Nuancen bei mir etwas anders gesetzt sind. Das führt mich auf die Überlegung zurück, dass ich sehr früh lernen musste, zu akzeptieren, dass ich ausgeschlossen bin vom Wissen. Alle anderen haben es, und die Mutter auf ihre eigene Weise mit den vielen Phantasmen, in denen sie wurzelte, das trieb mich um. Die Vielfalt der Personen in einer einzigen Person. Die magische Unerklärlichkeit dieses Objekts, der schwarzen Scheibe. Die Geschichte der Technik ist ja auch eine der Wunder.

STANDARD: Führt die Erfahrung von Mangel grundsätzlich zu einem unglücklichen Bewusstsein?

Wysocki: Vielleicht habe ich den Schmerz, der aus der Mangelerfahrung kommt, niemals ganz zugelassen. Ich hatte immer so viel anderes zu tun und war so überbeschäftigt damit, durch Beobachtung herauszufinden, wie die Dinge zusammengesetzt sind. Sodass ich eher nach der Fremdheit in meinem Gegenüber gesucht habe als nach einem Mangel. Ich bin nicht auf eine Wahrheit gestoßen im Leben, die aus Unterlegenheit bestanden hätte, sondern in die Betrachtung der Vielfalt eingetaucht - das war mein Gegenüber, das musste ich kleinkriegen. Aus diesem Zwang heraus habe ich agiert und mir das Gesicht der Greta Garbo erklärt, zu fassen versucht, was ist darin die Schönheit.

STANDARD: Ihr Vater war als Schallplattenproduzent auch ein Agent der "Kulturindustrie". Das muss Sie doch mindestens dann, als Sie Adorno-Schülerin geworden waren, gestört haben?

Wysocki: Das war jahrzehntelang ein furchtbarer Konflikt zwischen mir und meinem Vater. Ich beschreibe ja auch an verschiedenen Stellen meines Romans das Ausweichen, die besonderen Stimmfärbungen, in denen auf Fragen geantwortet wurde von den Eltern, die Erfahrung, Täuschungszusammenhänge als akustische Phänomene zu deuten. Der Vater besaß diese Spürnase, und er war gebannt in der Figur des Besessenen. Ich glaube, er hätte es sich nie verziehen, wenn er ein Lied wie Ich tanze mit dir in den Himmel hinein 1942 nicht auf Platte gepresst hätte. Ich sehe meinen Vater noch fassungslos vor mir, als ich ihn mit diesen Fragen konfrontierte. Wo ist Richard Tauber geblieben? Diese Musikwelt, in die er eingesponnen war, hat ihn davon abgehalten zu begreifen, was in Deutschland passierte. (Ronald Pohl, DER STANDARD/ALBUM - Printausgabe, 5./6. Februar 2011)

 

Gisela von Wysocki liest am 8. 2., 19.00, in der Alten Schmiede Wien aus ihrem vielbeachteten Roman "Wir machen Musik - Geschichte einer Suggestion" (Suhrkamp).

  • Was hält eine feministische Denk- und Schreibpraxis im Innersten 
zusammen? Die Berliner Autorin Gisela von Wysocki über das Staunen.
    foto: muschel

    Was hält eine feministische Denk- und Schreibpraxis im Innersten zusammen? Die Berliner Autorin Gisela von Wysocki über das Staunen.

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