Was sind die richtigen Fragen an unsere Gegenwart?

    4. Februar 2011, 17:43
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    Warum fragen wir? Und wie sollen wir fragen? - Von Philipp Weiss

    Vielleicht müssen wir das antwortlose Fragen wieder neu entdecken, das immer neue Fragen, nie aber apodiktische Antworten nach sich zieht.

    "Glauben Sie denn an solche, die da Fragen austeilen und Antworten liefern?", fragte Ingeborg Bachmann vor mehr als fünfzig Jahren und erwartete darauf keine Antwort. In dieser Frage verbirgt sich nicht nur Wissenschafts- und Medienkritik, sondern vor allem ein Vorbehalt gegenüber einem Modus der Sprachverwendung und Welterklärung, dessen sich ideologische und populistische Diskurse ebenso wie Werbung und Unterhaltungsmedien allzu oft bedienen. Heute ist dieser Vorbehalt ebenso angebracht wie damals.

    Die Phrasen sind nach hundert Jahren Sprachkritik nicht aus dem politischen und medialen Feld verschwunden. Ganz im Gegenteil. Nach wie vor ließe sich, etwas abgewandelt, Karl Kraus zitieren: Keinen Gedanken haben und ihn ausdrücken – das macht den Politiker. Oder auch: Kein Bewusstsein haben und es verfilmen – das macht das Fernsehen. Finden wir uns nicht umgeben von irreführenden Fragen, die Scheinprobleme erzeugen, mit Antworten prahlen und die dahinterliegenden Interessen verdecken? "Die Sache ist von der Phrase angefault. Die Zeit stinkt schon von der Phrase", so schrieb Kraus vor bereits hundert Jahren. Sind es aber heute nur die Phrasen? Ist es nicht auch ein Übermaß suggestiver Bilder, die uns überall umgeben, ist es nicht eine umfassende systemaffirmative Kultur, die unsere fraglose Fantasiearmut bedingt und uns wie narkotisiert auf diese (heillose?) Welt blicken lässt?

    Doch gibt es auch ein anderes Fragen. Der Mensch als fragendes Wesen wäre schließlich ohne seinen Erkenntnisdrang, ohne die Frage nach sich selbst, ohne dieses suchende Aufbrechen eine starre, traumlose und traurige Gestalt. Vielleicht müssen wir das antwortlose Fragen wieder neu entdecken, das immer neue Fragen, nie aber apodiktische Antworten nach sich zieht.

    Es könnte ein Fragen sein, das in keiner Google-Suchmaske Platz findet, zu dem uns also das große Orakel, die allwissende Müllhalde, keine wohlproportionierten Antwort-Rankings ausspucken kann. Es könnte ein Fragen sein, das aus dem Staunen kommt, aber auch aus dem Entsetzen, das diejenigen, die allzu gut sitzen, nicht kennen (siehe unten).

    Wenn es heißt: Ich frage mich

    Wenn es heißt "Ich frage mich", dann finde ich in diesen drei Wörtern ein Ich, das fragt, und ein Ich, von dem man sich eine Antwort erhofft. Dazwischen liegt dann wohl das Denken, in meinem Fall: das Schreiben. Das Schreiben als Frage zwischen zwei – wohlgemerkt: fraglichen – Polen meiner selbst.

    Haben nicht die meisten Hunde einen längeren Stammbaum als H.-C. Strache?

    Der Deutsch Kurzhaar stammt ab vom Deutschen Vorstehhund, der abstammt vom English Pointer, welcher ein Nachfahre des Französischen Bracke ist, welcher selbst wiederum vom Spanisch Spaniel abstammt, der ein Nachfahre des Wachtelhundes ist, der ursprünglich den Wolfsspitzen entstammt, deren Vorfahre der russische Samojede ist, der von einer herrenlosen Hündin geboren wurde, die gezeugt wurde von der Dogge Berganza, deren Vorfahre ein asiatischer Rothund war, der ein Nachfahre des afrikanischen Hyänenhundes ist, der wiederum seinerseits abstammt vom Canis Lupus Familiaris, dessen Ahne, wie der aller Hunde, der Wolf ist, welcher, von Staatsgrenzen, Blutmythen und allen Wörtern unberührt durch Wald, Wiesen und Märchen streunt, hierbei aber auch nicht die Mutter aller hündischen Anfänge ist, da er selbst abstammt vom gegen Ende des Paleozäns lebenden Miacis, einem kleinen, schleichkatzenähnlichen, fleischfressenden Säuger, der sich entwickelte aus einer prächtigen Ahnenreihe, die ich, sobald das Genom des Hundeartigen vollends entschlüsselt ist, an anderer Stelle anführen werde.

    Ist Heimat nur im Deutschen heimisch?

    Herr Flusser, Sie sind ein Experte der Heimatlosigkeit und als solcher auch im Deutschen unheimisch. Was sagen Sie zu unserer schönen Heimat?

    Das deutsche Wort "Heimat" findet, unter den mir geläufigen Sprachen, nur im tschechischen Wort "domov" ein Äquivalent, und dies wohl dank des Drucks, den das Deutsche auf das Tschechische jahrhundertelang ausgeübt hat. Vielleicht ist der Begriff "Heimat" nur im Deutschen heimisch.

    Gut. Aber der deutschen Heimat ist in historischer Perspektive ein gewisser Expansionswille nicht abzusprechen. Herr Flusser, hat unsere Heimat eine Zukunft?

    Während der weitaus größten Zeitspanne seines Daseins ist der Mensch ein zwar wohnendes, aber nicht ein beheimatetes Wesen gewesen. Jetzt, da sich die Anzeichen häufen, dass wir dabei sind, die zehntausend Jahre des sesshaften Neolithikums hinter uns zu lassen, ist die Überlegung, wie relativ kurz die sesshafte Zeitspanne war, belehrend. Die sogenannten Werte, die wir dabei sind, mit der Sesshaftigkeit aufzugeben, also etwa den Besitz, die Zweitrangigkeit der Frau, die Arbeitsteilung und die Heimat, erweisen sich dann nämlich nicht als ewige Werte, sondern als Funktionen des Ackerbaus und der Viehzucht.

    Also ein Plädoyer für ein neues Nomadentum? Wenn Menschen nach ihren Wurzeln suchen, dann hat man bei ihnen einen Gemüse-eindruck.

    Verwurzelte, sitzende Menschen sind erfahrungsarme Kräuter. Um Mensch im vollen Sinn dieses Wortes zu sein, muss man entsetzt sein.

    Warum sind wir so fröhlich?

    Breier war wie ein Durchschnittsmensch, denn er erzielte einen Glücksquotienten von 2:1. Breier hatte gelesen, dass die Schwelle, welche die Menschen in die Lager der Gedeihenden oder der Dahindümpelnden aufteilt, bei 3:1 liegt. Breier wollte nicht mehr ins Lager der Dahindümpelnden gehören und beschloss, ins Lager der Gedeihenden aufzusteigen. Auf jedes schlechte Gefühl mussten also mindestens drei gute Gefühle kommen. Breier ließ die schlechten Gefühle fortan weg und holte sich viele gute Gefühle. Er tat das, wann und wo er nur konnte. Breier hatte bald einen Glücksquotienten von 5:1 und lachte viel.

    Ist Sex nur Masturbation zu zweit und lieben wir ökonomisch?

    Aber das sind doch bereits zwei Fragen auf einmal!

    Du hast recht. In Liebesfragen bin ich wohl doch unökonomisch.

    Kann es sich die Wirtschaft leisten, die Menschheit nicht zu vernichten?

    Aus der Großen Enzyklopädie des Posthumanismus:

    Mensch, der: pathetisches Tier, das in einem abgelegenen Winkel des Weltalls das Erkennen erfand. Durch das Zuviel an Wissen aus der Ordnung der Natur herausgefallen, musste der M. sich eine künstliche Welt erschaffen, in der er leben konnte. Dieses humane System (das soziale System, das ökonomische System, das System der Körpererweiterung/Technik), das ihm dienen sollte, wurde vom M. grundlegend human (das heißt inhuman) und autodestruktiv (das heißt auf Selbstvernichtung zielend) konzipiert. Infolge zunehmender Autonomie und Komplexität des Systems musste sich der M. selbst als Diener desselben erkennen. So war kein M. mehr in der Lage, das System annähernd zu verstehen oder signifikant zu beeinflussen. Nach fortgeschrittener sukzessiver Vernichtung lebenserhaltender Ressourcen und Funktionen versuchte der M. sich durch die systemimmanente techno-ideologische Selbstüberwindung zu retten. Die Zerstörung des Irdischen, das Abstreifen der Körperlichkeit, die Terminalisierung der Subjektivität und die (missglückte) gänzliche Übertragung des menschlichen Geistes auf die Maschinenprothese gelten heute als letzte gesicherte evolutionäre Schritte des M.

    Ist die Blase die Metapher schlechthin für den Zustand unserer Gegenwart?

    Ich fragte hierzu den anerkannten Blasentheoretiker Eliott Partbee. Seine Antwort gebe ich im Wortlaut wieder: "Nicht nur unserer Gegenwart! Die Frage nach dem Urstoff, den sich Philosophen und auch Physiker seit Jahrtausenden stellen, nun, sie scheint endlich beantwortbar. Ja, also der Urstoff unserer Kultur und Existenz, nun, das ist die Immanenz der Blase, oder wie man sagt, die Negation des Seienden, man könnte auch sagen: Der supplementäre Showcharakter der Substanz. In einfacheren Worten: Der Mensch ist ein Blasenwesen! Nun. In der Fruchtblase wächst er heran. Ja. Kaum dieser entlassen, wähnt er sich eins mit dem Kugelrund des Mutterbusens. Doch! Wird ihm dieser entzogen, sucht er, das geteilte Kugelwesen, seine zweite Blasenhälfte, um in der Liebe die schillernste, die fragilste, die größte, die dümmste der Blasen zu bilden. Ach! Und wird ihm diese erst einmal, vielleicht auch zweimal, auch dreimal, weiß der Teufel!, hundertmal, jedenfalls aufs Gründlichste verleidet, verfällt er seiner eigensten gekränkten Aufgeblasenheit. Und schließlich stirbt er neben der Plastikblase, nämlich jener seines künstlichen Harnausgangs. Der Mensch kommt, bläht sich, und platzt. Es ist erbärmlich!"

    Wozu kulturbeilagentauglichen Kulturpessimismus?

    Gute Frage.

    Noch Fragen?

    (Philipp Weiss, DER STANDARD/ALBUM – Printausgabe, 4./5. Februar 2011)

    Philipp Weiss wurde 1982 in Wien geboren, wo er auch lebt. Er studierte Germanistik, Philosophie und Deutsch als Fremdsprache an der Universität Wien. Ein halbes Jahr Aufenthalt in Barcelona. Davor ein Jahr Arbeit mit körperlich behinderten Menschen. 2008 unterrichtete er Deutsche Literatur an der Sprachenuniversität Baku, Aserbaidschan.

    Zahlreiche Veröffentlichungen in Anthologien und Zeitschriften ("Manuskripte", "Kolik" u. a.). Prosa und Theaterstücke.

    2006 erhielt er das Hermann-Lenz Stipendium und 2008/2009 das Österreichische Staatsstipendium für Literatur. Zurzeit arbeitet er in Wien an einem Roman.

    • Ich frage mich: Haben nicht die meisten Hunde einen längeren Stammbaum 
als H.-C Strache? Und: Ist Heimat nur im Deutschen heimisch?
      foto: standard/christian fischer

      Ich frage mich: Haben nicht die meisten Hunde einen längeren Stammbaum als H.-C Strache? Und: Ist Heimat nur im Deutschen heimisch?

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