Hauptsache, es bleibt im Fluß

6. Februar 2011, 17:21
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Neue Behandlungsmethoden setzen an, bevor es zu fatalen Herzinfarkten oder Schlaganfällen kommt - Eine Übersicht

Herzinfarkte kommen meistens nicht einfach so: Sie kündigen sich an. "Doch meistens flüstern sie nur", wie es Kurt Huber, Leiter der Kardiologie im Wilhelminenspital in Wien, ausdrückt. Doch die leisen Warnungen lassen sich wunderbar beiseiteschieben: Das beklemmende Gefühl im Brustraum, die anhaltende Erschöpfung. Und: Wer denkt schon bei der Verhütung mit der Pille daran, aufs Rauchen zu verzichten?

Die Folgen sind unsichtbar, denn sie treten "nur" an den Gefäßen auf. Diese verengen, die Blutgerinnung verschlechtert sich, das Bluttfett - das Cholesterin - sorgt dafür, dass sich Gefäßablagerungen bilden und sich Blutplättchen anlagern: Gerinnsel entstehen. Jährlich erkranken etwa 160.000 Österreicher an ihren beschädigten Gefäßen oder überlasteten Herzen. "Alle sechs Minuten erleidet einer von ihnen einen Schlaganfall, 12.000 Menschen pro Jahr haben einen Herzinfarkt und mindestens doppelt so viele erkranken an einer Vorstufe, dem Akuten Koronarsyndrom", sagt Huber. So viel zu den Fakten.

Nun zur Zukunft: Hoffnungsvoll blicken Ärzte derzeit auf den medizinischen Fortschritt der sogenannten "sekundären Prävention". Damit sind jene Patienten gemeint, die bereits von Krankheiten wie Herzmuskelschwäche, Herzrhythmusstörungen, Thrombosen, Herzinfarkt oder Schlaganfall heimgesucht wurden.

Derzeit drängen gleich vier Pharmaunternehmen mit neuen Wirkstoffen gegen die Pfropfen in den Blutgefäßen auf den Markt: Sowohl Boehringer Ingelheim (Dabigatran) als auch Bayer Health Care (Rivaroxaban) oder Eli Lilly (Prasugrel) und AstraZeneca (Ticagrelor) haben Mittel entwickelt, die die Blutgerinnselbildung verhindern. Sie tun dies mit mehr Effektivität als die bekannten Hemmstoffe der Blutgerinnung, wie etwa die Vitamin-K-Antagonstien (etwa Marcumar) oder Hemmstoffe gegen Blutplättchen (Clopidogrel) und haben häufig auch weniger Nebenwirkungen.

Paradigmenwechsel

Rupert Bauersachs, Direktor der Max-Radschow-Klinik für Angiologie spricht gar von einem "Paradigmenwechsel in der Gerinnungshemmer-Therapie" vor allem bei Patienten mit Vorhofflimmern und jenen, die bislang mit Vitamin-K-Antagonisten behandelt wurden. Studien zeigen, dass lediglich 50 Prozent der Patienten mit Vorhofflimmern und einem erhöhten Schlaganfallrisiko die notwendigen Mittel einnehmen. Die Gefahr für Blutungskomplikationen oder auch nur die unablässlichen zwei- bis dreiwöchigen Kontrolluntersuchungen sorgen dafür, dass viele Patienten auf die Behandlung verzichten.

Tatsächlich zeigen die neuen Wirkstoffe Dabigatran und Rivaroxaban in Studien, die kürzlich in Lancet und New England Journal of Medicine erschienen, dass beide Substanzen den Vitamin-K-Antagonisten ebenbürtig bis überlegen sind. "Ihre Vorteile liegen klar auf der Hand: "Keine Spritzen, keine Kontrolluntersuchungen und damit eine sehr viel höhere Akzeptanz bei Patienten", so Bauersachs.

Doch nicht nur die Pharmaindustrie sorgt derzeit für einen Wandel der Therapie gegen Herz-Kreislauf-Erkrankungen: In einem der renommiertesten Fachmagazine Nature Medicine veröffentlichten Wissenschafter der Universität Köln im Dezember ihre Ergebnisse: Sie identifizierten eine genetische Veränderung eines Enzyms (PON1), die die Anfälligkeit für Thrombosen erhöht, da Patienten weniger gut auf den Gerinnungshemmer Clopidogrel ansprechen. Das eröffnet die Möglichkeit, durch individualisierte Tests die Therapie besser auf den Patienten einzustellen. "So könnten Patienten frühzeitig durch einen Gentest als 'non-responder' auf Clopidogrel identifiziert werden, um andere und besser wirksame Plättchenhemmer einzusetzen", sagt Taubert.

Schwedische Forscher hingegen arbeiten an einer Kombination von Herz-Ultraschall und Bluttests, um die Wahrscheinlichkeit eines weiteren Herzinfarkts oder Schlaganfalls vorherzusagen. Sie zeigten, dass eine Vergrößerung der linken Herzkammer und ein erhöhter Druck während des Herzschlags mit einem größeren Komplikationsrisiko einhergehen. Zudem weist die Menge des Bluteiweißes BNP nicht nur darauf hin, wie stark das Herz bereits geschwächt ist, sondern kündigt auch mögliche folgende Herzattacken an. Der Wiener Kardiologe Kurt Huber warnt jedoch vor zu großer Euphorie. "Tatsächlich korrelieren die BNP-Bestimmungen gut mit dem Schweregrad der Herzmuskelschwäche und dem klinischen Verlauf, allerdings nur, wenn man größere Patientengruppen betrachtet." Für den einzelnen Patienten habe die Information nur bedingten Aussagewert." Allerdings sind die Erkenntnisse aus jüngsten Studien zu neuen Therapien vielversprechend. Das konnten Huber und seine Kollegen in den letzten zehn Jahren demonstrieren.

Teilerfolge

Denn obwohl die Sterblichkeitsrate durch Herz-Kreislauf-Erkrankungen mit 43 Prozent an der Spitze der Todesursachen steht, ging die Zahl der tödlichen Infarkte und Schlaganfälle in den letzten zehn Jahren rapide zurück: Die Sterblichkeit am Herzinfarkt konnte dank der Einführung von akuten Herzkatheteruntersuchungen, verbunden mit Ballondehnung und Einbau von Gefäßstützen, den Stents, um 50 Prozent gesenkt werden. "Der größte Teil dieses Erfolgs geht auf die Einführung der Herzinfarkt-Netzwerke zurück, die eine optimale Versorgung der Patienten im Herzkatheterlabor gewährleisten", sagt der Gründer und Organisator des Wiener Netzwerk-Modells. Insgesamt sterben heute 10.000 Menschen weniger an den Folgen ihres Herzleidens also noch vor zehn Jahren. (Edda Grabar, DER STANDARD Printausgabe, 07.02.2011)

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    Zur Diagnose eines Herzinfarktes wird unter anderem das Elektrokardiogramm herangezogen.

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