"Wir versuchen zu verstehen, was im Gehirn passiert"

6. Februar 2011, 17:21
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Über ihre Forschung für Patienten mit Schädel-Hirn-Trauma, erzählt die Molekularbiologin Ute Schäfer

Die Molekularbiologin Ute Schäfer hat an der Med-Uni Graz einen Nischen-Lehrstuhl. Die Experimentelle Neurotraumatologie ist noch eine rare Sache. Über ihre Forschung für Patienten mit Schädel-Hirn-Trauma sprach sie mit Jutta Berger.

Standard: Was macht die experimentelle Neurotraumatologie?

Schäfer: Wir versuchen zu verstehen, was im Gehirn in den verschiedenen Stadien nach einem Schädel-Hirn-Trauma passiert, und wann es Sinn macht, eine therapeutische Maßnahme durchzuführen. Das Problem ist, dass Neuronen durch Verletzungen absterben können. Anders als bei der Haut können diese Zellen nicht wieder nachwachsen. Da setzen wir an.

Standard: Sie versuchen geschädigte Zellen zu ersetzen?

Schäfer: Eine der neuen Therapieformen, die wir in Tierversuchen ausprobieren, ist die Zellersatztherapie. Abgestorbene Zellen sollen durch implantierte Stammzellen ersetzt werden. Das Erinnerungsvermögen beispielsweise ist eine der neuronalen Funktionen, die nach einem schweren SHT sehr beeinflusst sind. Wir überprüfen, ob das Erinnerungsvermögen durch den Zellersatz besser geworden ist. Das ist aber alles Grundlagenforschung. Klinisch erprobt wurden Stammzellentransplantationen erst bei Parkinson-Patienten und nach Schlaganfällen. Von einer generellen Anwendung ist man noch weit entfernt.

Standard: Was spricht gegen die Stammzellentherapie?

Schäfer: Ein großes Problem ist, dass Stammzellen zu Tumorzellen entarten können. Die Integration kann Probleme bereiten, auch Abstoßungsreaktionen kommen vor. Bei Parkinson ist es einfacher, weil nur ganz bestimmte Neuronen pathologisch werden, diese Zellen versucht man deshalb schon in der Kultur nachzubilden. Beim Schädel-Hirn-Trauma gehen aber unterschiedliche Zellarten zugrunde, man müsste alle ersetzen. Das macht die Sache viel komplizierter. Dazu kommt, dass wir zu Beginn Entzündungsreaktionen haben, die einer Integration der Stammzellen entgegenwirken können.

Standard: Entzündungsprozesse stören die Regeneration?

Schäfer: Man geht davon aus, dass in den frühen Entzündungsprozessen die Regeneration noch nicht greift. Das Problem ist aber, dass die Moleküle, die bei der Entzündung zum Tragen kommen, später auch eine Rolle bei der Regeneration spielen können. Noch ist es schwierig zu sagen, wann wir was wo brauchen, um die Regeneration zu stärken. Wir haben beispielsweise einen Mediator, das S100beta, mit dem wir messen können, wie schwer das SchädelHirn-Trauma ist. Je mehr man von diesem Molekül im Blut hat, umso stärker ist die Schädigung des Hirns. S100beta kann zur Entzündung, aber auch zur Regeneration beitragen. Das heißt, wir haben hier ein Molekül mit einer positiven und einer schädigenden Seite. Würde man bestimmte inflammatorische Reaktionen zu sehr unterdrücken, könnte das Ganze umschlagen und die Regeneration negativ beeinflussen.

Standard: Wann könnte aus dem Experiment Anwendung werden?

Schäfer: Stammzellentherapie, das wird noch lange dauern. Wir haben aber auch andere innovative Therapien in der Erprobung, die könnten früher zum Tragen kommen - etwa die Hyperbare Sauerstofftherapie, die Druckkammertherapie, wie sie nach Tauchunfällen eingesetzt wird. Man geht davon aus, dass man durch sehr frühen Einsatz bedrohte Zellen vor dem Absterben bewahren kann und damit Behinderungen vorbeugt. Eine weitere Methode ist die Therapeutische Hypothermie, ein Herunterkühlen, wie es schon bei Herzinfarktpatienten angewandt wird. (Jutta Berger, DER STANDARD Printausgabe, 07.02.2011)

  • Ute Schäfer (51), Molekularbiologin aus Köln, hat seit 2008 an der Med-Uni Graz den einzigen Lehrstuhl für Experimentelle Neurotraumatologie Österreichs inne.
    foto: med uni graz

    Ute Schäfer (51), Molekularbiologin aus Köln, hat seit 2008 an der Med-Uni Graz den einzigen Lehrstuhl für Experimentelle Neurotraumatologie Österreichs inne.

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