Schädel-Hirn-Trauma

Neustart im verletzten Gehirn

6. Februar 2011, 17:20
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    foto: apa/eckehard schulz

    Starke Erschütterungen schädigen Hirngewebe manchmal unwiderruflich.

Das Schädelhirntrauma ist die häufigste neurologische Erkrankung nach dem Schlaganfall - Dauerfolgen hängen vom Schweregrad der Verletzung ab

"In Gedanken bei Hans" steht auf der Website des Schweizer Skirennläufers Daniel Albrecht. Der junge Mann hat hinter sich, was Hans Grugger, der Salzburger Rennläufer, nach seinem schweren Sturz auf der Streif nun durchlebt: Tage im künstlichen Tiefschlaf, Wochen auf der Intensivstation und schließlich lange Monate der Rehabilitation. Albrecht hat nach seinem schweren Schädel-Hirn-Trauma den Wiedereinstieg ins Berufsleben geschafft, er fährt wieder Rennen. Was nach Wunder klingt, ist harte Arbeit des Unfallopfers wie der Ärzte, Therapeuten und Angehörigen. Denn ein schweres Schädel-Hirn-Trauma (SHT) ist eine lebensbedrohende Verletzung und die häufigste Todesursache der unter 20-Jährigen.

Die Akutphase nach einer Schädelverletzung hängt vom Schweregrad des Traumas ab. "Sie kann in ein bis zwei Wochen überstanden sein", sagt Nikolaus Steinhoff, Neurologe und Präsident der Österreichischen Gesellschaft für SHT. "Wenn es zu Komplikationen kommt, sich etwa ein Hirnödem ausbildet, wenn sich Flüssigkeit im Zentralnervensystem ansammelt, der Hirndruck steigt, dauert diese Phase länger." Meist werden diese Patienten in den sogenannten "künstlichen Tiefschlaf" versetzt. Die Analgo-Sedierung, der medizinische Begriff für den Tiefschlaf, mache eine schnellere Erholung des Gehirns und bessere Überwachung des Patienten möglich, sagt Steinhoff.

"Sobald der Patient ansprechbar ist, sollte mit Therapien begonnen werden", rät die Molekularbiologin Ute Schäfer. Regenerationsmechanismen setzen bei schwerem Schädel-Hirn-Trauma nach drei, vier Wochen ein, so die Spezialistin für Experimentelle Neurotraumatologie. Frühe Physio- und Psychotherapien, die auf das Erinnerungsvermögen und die Motorik zielen, tragen zur besseren Regeneration des Gehirns bei. Eine Kölner Studie zeige, dass die frühe Psychotherapie Angstzustände und Depressionen reduziert, sagt Schäfer.

Ringen um Therapieerfolg

"Der Erfolg der Rehabilitation hängt aber nicht nur von der Therapie ab, sondern auch davon, welche prämorbide Persönlichkeit der Mensch war", betont Steinhoff. Einer, der körperliches Training gewöhnt sei, an sich arbeite, sich auf neue Situationen einlasse, schaffe es leichter, mit körperlichen Folgeerscheinungen umzugehen. Aber: "Je schwerer das Trauma, umso schwieriger die Rehabilitation." Der Therapieerfolg hänge auch sehr mit den individuellen Möglichkeiten der Kooperation zusammen, sagt Steinhoff und skizziert ein Beispiel: "Wenn das Erinnerungsvermögen stark beeinträchtigt ist, beginnt man in der Therapie jeden Tag neu, weil sich das Patient ja nicht mehr erinnern kann, was er am Vortag gelernt hat."

Posttraumatische Zustände stellen für viele Betroffene und deren Angehörige eine Belastung dar, "mit der sie nur schwer umgehen können", weiß Steinhoff. Die Minderung intellektueller Fähigkeiten sei neben motorischen und sensorischen Störungen das größte Handicap für die soziale Reintegration. "Einem, der sich nicht mehr konzentrieren kann, merkt man seine Behinderung nicht gleich an, er ist aber dennoch nicht mehr arbeitsfähig."

Für Menschen mit Dauerfolgen und ihre Angehörigen fehlten in Österreich Serviceeinrichtungen. "Wir bräuchten eine Servicestelle mit Fachleuten, die richtige Therapien zusammenstellen, bei der Reintegration helfen und die Angehörigen unterstützen. Denn eines dürfe nicht vergessen werden, mahnt der Arzt: "Die Angehörigen haben ebenfalls ein Trauma erlitten. Sie müssen auf die neue Verantwortung vorbereitet werden, brauchen fachkundige Unterstützung. In Österreich übernehmen diese Arbeit zum Teil die Selbsthilfegruppen. Anders sei die Situation in Frankreich, nennt Steinhoff ein Best-Practice-Beispiel: "Hier kommen mobile Teams zu den Patienten, auch auf dem Land." Konzepte zur Betreuung von Hirnverletzten würden zudem in regelmäßigen Treffen zwischen Experten und politisch Verantwortlichen erarbeitet. Steinhoff: "Solche Kooperationen bräuchten wir auch in Österreich."

Soziale Reintegration und Angehörigenarbeit sind auch Schwerpunkte der diesjährigen interdisziplinären Konferenz der European Federation of Brain Injury and Families (BIF), die vom 23. bis 26. Februar in Wien veranstaltet wird. Die Tagung im Juridicum der Universität Wien ist öffentlich zugänglich. (Jutta Berger, DER STANDARD Printausgabe, 07.02.2011

Wissen:

Eckpunkte bei Diagnosen

Verkehrsunfälle sind vor Arbeits- und Sportunfällen die häufigste Ursache für ein Schädel-Hirn-Trauma (SHT).

Leichtes SHT oder SHT ersten Grades entspricht einer Gehirnerschütterung. Kurzfristige Beeinträchtigung der Hirnfunktion, keine Schädigung des Hirns feststellbar. Kurzfristige Erinnerungslücke. Mögliche Langzeitfolgen: Kopfschmerzen, Konzentrationsstörungen.

Mittleres SHT oder SHT zweiten Grades (Gehirnprellung). Bei der akut-neurologischen Untersuchung Zeichen einer Gehirnschädigung oder Fraktur des Schädelknochens. Länger andauernde Erinnerungslücken. Das Weiterbestehen neurologischer Störungen hängt von der Ausprägung der Hirnverletzung und der neurologischen Rehabilitation ab.

Schweres SHT oder SHT dritten Grades (Gehirnquetschung), erhebliche neurologische Ausfälle. Intensivmedizinische Betreuung. Oft tritt ein Hirnödem auf. Mögliche Folgen: Lähmungen, Sprachstörung, Krampfanfälle, psychische Veränderungen. Eingeteilt wird nach der Dauer der Bewusstlosigkeit und der Glasgow Coma Scale (GCS). Bewertet werden drei Grundfunktionen: Augen öffnen, Sprache, Schmerzreaktion. Bei einem leichten SHT werden bis zu 15 Punkte erreicht, bei einem schweren liegt der Score unter 9. Drei Punkte bedeuten tiefes Koma. (jub)

Links:

Biennial Conferenc of the Brain Injury and Families

Österreichische Gesellschaft für Schädel-Hirn-Trauma

Weiterlesen:

Neuroradiologie - Computertomografie bei Notfällen unverzichtbar

Andreas Gruner
 
00
12.1.2012, 22:02
Nach SHT zurück ins Leben

Nach SHT3 und 5 Wochen Koma hier Infos für einen erfolgreichen Weg zurück ins Leben: http://www.erfolge-glueck.de
Ich möchte meine Erfolge teilen.
Andreas Gruner

Dagmar Rehak Wien
 
00
Die wissen nicht, was sie tun...

Bei mir bitte Hirndruck Hirndruck sein lassen und bitte keinen künstlichen Tiefschlaf!
Wer kommt auf solche Ideen? Das ist ja grauenhaft!

Dr. Viktor Frankenstein
01
"Sobald der Patient ansprechbar ist, sollte mit Therapien begonnen werden", rät die Molekularbiologin Ute Schäfer.

Also, entweder ist die Ute Schäfer keine richtige Molekularbiologin (manche Mediziner behaupten dass sie Molekularbiologen seien weil es 'cool' klingt ...), oder ich moechte keine Ratschlaege von ihr als Patient!

Ferdinand Lachinger
02

Schon unglaublich da erholt sich einer der durch ein Rennen überhaupt in so einen Zustand gekommen ist und was tut er, er macht dasselbe wieder was ihn in diesen Zustand gebracht hatte! Das soll einer verstehen? .... die spinnen ja die Westler ....

Kaktus51
04
Ja, das kann ich gut verstehen.

Meiner Frau wurde Anfang 2009 die Diagnose eines nicht operablen Gehirntumors überbracht. Im März 2009 war sie nicht mehr ansprechbar.

Dank der Kunst der Ärzte und der modernen Chemie kann sie, mit Einschränkungen, wieder leben.

Und sie genießt das Leben, mehr als vorher. Und ich genieße es mit ihr. Wenn Skifahren zum Genuss gehört, warum nicht?

EIHS
01

normal Schifahren schon, aber rennmäßig wie Daniel Albrecht kann ich nicht nachvollziehen. Bin auch eine Angehörige eines SHT + weitere Kopfverletzungen Patienten. Habe auch die Info erhalten, daß Überlebenschance gering und jetzt nach einem Jahr und 8 Schädel OPs haben wir wieder echte Lebensqualität und mehr Spaß denn je. Die Ärzte haben einen wirklich guten Job gemacht.

sociovation
11
Die Krankenpflegerinnen,

Physikotherapeutinnen und Psychotherapeutinnen haben nichts gemacht?
Eh klar, sind ja Frauen...

EIHS
01

Warum eine Genderdiskussion zu diesem Thema? Beide Geschlechter haben super Arbeit geleistet.
Die erste und wichtigste OP hat eine Frau durchgeführt. Physio-und Ergotherapeutinnen und Therapeuten haben auch viel gemacht, sowohl Frauen als auch Männer. Krankenpfleger und Pflegerinnen detto. Und ich bin auch eine Frau und habe alles gegeben. Psychotherapeuten (oder innen) waren keine beteiligt.

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