Fortschritte in der Epilepsie-Diagnostik

4. Februar 2011, 10:45

Eine maßgeschneiderte Operation am Gehirn kann die Anfallshäufigkeit verringern oder stoppen

Das Epilepsiezentrum des Erlanger Universitätsklinikums ist in der Diagnostik schwer behandelbarer Anfallsleiden weltweit führend. Sofern eine kleine Fehlbildung im Gehirn als Erkrankungsursache festgestellt wird, eine so genannte Fokale Kortikale Dysplasie (FCD), kann die maßgeschneiderte Operation am Gehirn die Anfallshäufigkeit erheblich verringern oder ganz stoppen. Alleine in Deutschland werden im Jahr 500 dieser aufwändigen Epilepsie-Operationen durchgeführt. Bei jeder 10. Operation wird eine FCD diagnostiziert.

Unter der Federführung der Erlanger Neuropathologie Ingmar Blümcke) hat jetzt die Internationale Gesellschaft für Epileptologie (ILAE) eine neue Richtlinie zur Diagnostik und Klassifikation der FCDs veröffentlicht (Lancet Neurol. 2011, 10(1):26-7; Epilepsia 2011, 52(1):158-74).

Das Expertengremium der ILAE bestand aus 32 deutschen, italienischen, französischen, englischen, holländischen, türkischen, kanadischen, US-amerikanischen und brasilianischen Ärzten und Wissenschaftlern und hat mehr als zwei Jahre gearbeitet. Die Klassifikation der erarbeiteten Richtlinie berücksichtigt neben klinischen Befunden zum Anfallsbild und krankheitstypischen Veränderungen der Hirnströme auch die Bildgebung mittels Magnetresonanztomographie (MRT) und die mikroskopisch im operativ entfernten Gehirngewebe erkennbaren Störungen im Aufbau der Nervenzellen. „Aus der mikroskopischen und molekular-genetischen Analyse erhoffen wir uns zudem neue Erkenntnisse zur Krankheitsentstehung als Grundlage für innovative Therapieverfahren", sagt Blümcke.

Anfallsfrei nach Operation

Insgesamt werden drei FCD-Typen unterschieden, welche eigenständig (FCD Typ I und II) oder in Assoziation mit anderen Gehirnverletzungen auftreten (FCD Typ III, z. B. in der Nachbarschaft von Gehirntumoren). Es sind vor allem Kinder und Jugendliche betroffen. „Es ist ein großer Fortschritt", erläutert Blümcke, „dass die in der Epilepsie-Diagnostik hochrelevanten FCDs zukünftig einheitlich klassifiziert werden können und Ergebnisse neuer Behandlungsstrategien international vergleichbar werden". Ausgewertete Daten wissenschaftlicher Studien belegen, dass beispielsweise bis zu 80 Prozent der Patienten mit einer FCD Typ II nach der Operation anfallsfrei bleiben.

Auch der scheidende Chef-Epileptologe in Erlangen, Hermann Stefan, sein Nachfolger Hajo Hamer und Regina Trollmann aus der Kinderklinik sehen in der neuen FCD-Klassifikation wichtige Impulse für Diagnostik und Behandlung schwerer Epilepsien. „Auf diesem Gebiet kann Erlangen seine Spitzenposition weiter ausbauen", sagt Hamer. Das dem Erlanger Epilepsiezentrum assoziierte Neuropathologische Referenzzentrum für Epilepsiechirurgie erhält schon jetzt viele Gewebeproben zur mikroskopischen Nachuntersuchung. „Wir haben bislang mehr als 5000 Gewebeproben aus Deutschland und dem europäischen Ausland mikroskopisch begutachtet", so Blümcke, „und erhalten hierfür seit 2006 Fördermittel der EU. Gestärkt durch diesen Erfolg werden wir weiter um internationale Standards in der Epilepsie-Diagnostik ringen. Das neue ILAE-Expertengremium für die Untersuchung der mit einer so genannten Hippocampus-Sklerose assoziierten Schläfenlappen-Epilepsie hat die Arbeit schon aufgenommen - mit Erlanger Beteiligung." (red)

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