Ein Europa der zwei Arbeitswelten

3. Februar 2011, 18:49
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In Deutschland und Österreich hat der Aufschwung die Lage entspannt. In Griechenland und Irland erreicht die Jobkrise erst den Höhepunkt

Wien - Europa entwickelt sich immer stärker zu einem Kontinent der zwei Geschwindigkeiten. Was bei Wirtschaftsaufschwung und Schuldenkrise bereits gegolten hat, spiegelt sich immer stärker auch am Arbeitsmarkt wider.

Die EU-Statistikbehörde Eurostat hat ihre abschließenden Zahlen für das Jahr 2010 vorgelegt. Das Bild ist eindeutig: Acht Mitgliedstaaten verzeichneten übers Jahr hinweg einen zum Teil deutlichen Rückgang bei der Zahl der Erwerbslosen, in Großbritannien blieb die Quote stabil. In 18 Mitgliedstaaten stieg sie aber an.

Die Beschäftigungslosigkeit war freilich in jenen Ländern rückläufig, die vergleichsweise gut dastehen (Schweden, Deutschland, Finnland). In Griechenland, Irland, Spanien, Portugal und Lettland legten die Arbeitslosenzahlen dagegen nochmals zu. Die meisten Arbeitslosen in Europa gibt es in Spanien, die wenigsten in den Niederlanden.

Gefälle zwischen Ost und West

Ein Gefälle zwischen Ost und West ist für die EU nichts Neues. Aber die West-West-Differenzen nehmen zu, wie regionale Beispielen zeigen: Auf den Kanarischen Inseln sind 30 Prozent der Bevölkerung arbeitslos. Im Bundesland Salzburg liegt die Quote bei fünf Prozent.

"Bei der Arbeitslosigkeit zeigt sich, wie unterschiedlich die Krise Europa getroffen hat", sagt der deutsche Arbeitsmarktforscher Holger Bonin. In Deutschland sei vor allem die Exportindustrie betroffen gewesen. Besonders höher qualifizierte Arbeitnehmer, etwa Ingenieure und Maschinenbauer, verloren ihre Jobs. "Als die Exporte wieder anzogen, hatten diese Leute keine Probleme mit der Wiedereingliederung in den Arbeitsmarkt, so Bonin. Einen Anstieg bei der Zahl der Langzeitarbeitslosigkeit gab es nicht.

In Spanien hingegen ging die Krise tiefer - Stichwort Immobilienblase. "Viele unqualifizierte Arbeiter haben ihre Jobs verloren. Für sie ist eine Wiedereingliederung schwer", sagt der spanische Ökonom Santos Ruesga.

Jugend ohne Job

Auf der iberischen Halbinsel ist besonders die Jugend betroffen. 43 Prozent der unter 25-Jährigen haben keinen Job. Die Jugendlichen werden bereits "generación cero" (Generation Null) genannt. Der Bauboom in den vergangenen Jahren hat viele Spanier dazu veranlasst, ihre Ausbildung abzubrechen und am Bau zu arbeiten. Dann endete der Boom. Jetzt stehen viele Junge da - ohne Job, aber auch ohne Ausbildung.

Die gute Nachricht für Spanien ist zumindest, dass die Wirtschaft wieder wächst. Dagegen haben Griechenland und Irland das Schlimmste noch vor sich. Der Sparkurs hat in beiden Ländern die Konjunktur abgewürgt. Insbesondere in Griechenland dürfte die Arbeitslosigkeit 2011 noch kräftig steigen.

Pessimistisch zeigt sich auch die Internationale Arbeitsorganisation ILO. In ihrem zuletzt veröffentlichen Bericht über die Arbeitsmarktaussichten 2011 prophezeien sie in weiten Teilen der EU eine "jobless recovery", einen Aufschwung ohne Besserung der Arbeitslosigkeit. Weltweit sind derzeit 205 Millionen Menschen ohne Job - 2011 soll diese Zahl kaum zurückgehen. (Bettina Pfluger, András Szigetvari, DER STANDARD; Print-Ausgabe, 4.2.2011)

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    Tiefe Kluft: Was bei Wirtschaftsaufschwung und Schuldenkrise bereits gegolten hat, spiegelt sich immer stärker auch am Arbeitsmarkt wider.

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