Schlechte Karten für Menschen mit Trauma

3. Februar 2011, 18:40
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Asylverfahren als Wettbewerb der Klugheit, Schönheit und Überzeugungskraft - von Kerstin Kellermann

Man kann jemanden auch in den Wahnsinn treiben, wenn man die Macht dazu hat oder sich diese Möglichkeit durch ständige Gesetzesänderungen hart erarbeitet: Eine gehörige Portion Sadismus gehört schon dazu, einen Menschen, der bereits einen lebensbedrohlichen Selbstzerstörungsversuch hinter sich hat, ganz bewusst wieder in existenzielle Überlebensangst zu versetzen.

Wie kann man einen jungen Afrikaner, der eindeutige Traumasymptome aufweist, weil sein Vater vor seinen Augen ermordet wurde und er selbst nur knapp entkam, beinhart abschieben wollen - auch wenn man weiß, dass auf diese Weise sein Leben ganz sicher in Gefahr ist?

Hier ist die Rede von Maklele Dennis. Er steckt psychisch in einem alten Trauma fest - ein Teil seiner Persönlichkeit ist immer noch der traumatisierte Elfjährige, der der fixen Meinung ist, umgebracht zu werden, wenn er abgeschoben wird. Das muss mit der heutigen Situation in Nigeria gar nichts zu tun haben!

Selbstzerstörung

Wenn man jemandem alle Möglichkeiten nimmt, sein Leben selbst zu bestimmen, ihm keinen Ausweg lässt, endet das manchmal in Selbstzerstörung: Jüngst griff Maklele zum zweiten Male selbst zum Messer, da er eben der festen Überzeugung ist, dass er in Nigeria ermordet werden würde, so erledigt er das dann doch lieber selbst vorher mit eigener Hand. Er überlebte nur durch eine sofortige Notoperation. Wieso ist so eine Zuspitzung schwieriger Lebensverhältnisse nötig?

Manchmal kann man sich in der Praxis des Eindrucks nicht erwehren, dass unübersehbare Traumasymptome im Asylverfahren eher hinderlich sind. Einen Ruander, Zeuge der Ermordung aller Insassen eines Autobusses an der Grenze seines Landes, kostet es seit dem Vorfall Überwindung, Wörter und Sätze zu formulieren. Der ehemalige Studentenführer erhielt erst nach vier Jahren Asyl.

Asyl oder nicht Asyl

Ein anderer Ruander, frech, flott und lustig - obwohl Soldaten Familienangehörige ermordeten - bekam innerhalb von ein paar Monaten ohne Probleme Asyl. Die Richter fanden ihn charmant, ansprechend und überzeugend.

Eric, ein Jugendlicher aus Burundi, misstrauisch und vorsichtig, mit wenig Selbstbewusstsein und Traumaanzeichen in seinen Zeichnungen, erhielt kein Asyl und ist seitdem verschwunden, niemand weiß wohin! - Ein hübsches, lustiges, selbstbewusstes Mädchen aus demselben Land und demselben Flüchtlingsheim schaffte die Aufnahme hingegen schon. Das Asylverfahren scheint zu einem Wettbewerb um Schönheit, Klugheit und Überzeugungskraft zu verkommen - in dem traumatisierte Menschen schlecht bestehen können.

Maklele ist in seiner Seele ein Elfjähriger geblieben mit panischen Angstattacken, allein eine Traumatherapeutin für Kinder könnte dem heute 22-Jährigen helfen, diesen Teil seiner Persönlichkeit nachreifen zu lassen. Das ist bisher seltsamerweise nicht geschehen, obwohl er seit fünf Jahren in Österreich lebt. Nur Medikamente zu verabreichen ist zu wenig.

Schutz durch Vaterfiguren

Wie ein Kind erwartet sich Maklele Schutz durch mächtige Vaterfiguren - dem lieben Gott, einzelnen Polizisten oder dem Bundespräsidenten, an den er einen dringenden offenen Brief schrieb: "Sie sind nun wie mein Vater und mein Leben liegt in Ihren Händen" ("Mächtige Mütter" wie zum Beispiel Innenministerin Maria Fekter spielen hier keine Rolle, seine starb als er fünf Jahr alt war).

Maklele arbeitete fröhlich zwei Jahre lang als Straßenzeitungsverkäufer in Steyr und ist sehr beliebt. Die Volkshilfe bemüht sich nun um ein Bleiberecht für ihn. Diesmal muss es aber wirklich sein, dass diesem einsamen gequälten Kind ein Aufenthaltsstatus gegeben wird, denn sonst wird es sein Todesurteil sein - so oder so. Das gilt es zu verhindern. (Kerstin Kellermann, DER STANDARD-Printausgabe, 4.2.2011)

Kerstin Kellermann ist Redakteurin der Zeitschrift "art in migration" und ständige Mitarbeiterin des "Augustin".

  • Kellermann: Besondere Hilfe für Traumatisierte.
    foto: standard/fischer

    Kellermann: Besondere Hilfe für Traumatisierte.

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