Aus Kairo

"Regime-Profiteure haben jetzt alle Panik"

Astrid Frefel aus Kairo, 3. Februar 2011, 18:23

Tödliche Schläger-Attacken haben Ägyptens Präsidenten noch mehr in Bedrängnis gebracht - Wichtige Oppositionsgruppen verweigern den Dialog

Bereits zwei Kilometer vor dem Tahrir-Platz beim Hotel Sheraton in Dokki hat eine Gruppe von ein paar Dutzend Mubarak-Anhängern eine Straßensperre errichtet. Niemand wird auf dieser wichtigen Achse ins Stadtzentrum gelassen. Die Aktion koordiniert ein etwa 50-jähriger Mann mit Sonnenbrille, der an seinem ganzen Gehabe auch ohne Uniform als Polizeioffizier zu erkennen ist. Zwei Männer in traditionellen Galabeyyas, bodenlangen Hemdkleidern, werden davongejagt. Sie wollten Säcke mit Brot zu den Demonstranten bringen.

Bewohner aus der Nachbarschaft beobachten die Szene. "Wenn sie nicht bezahlt würden, wären sie nicht hier", meint einer. Jede Diskussion eskaliert zu einem Schreiduell. Die Atmosphäre ist explosiv. Ein junger Mann nähert sich auf einem Rennrad. Er hat im Auftrag seiner Chefin die lokale Bankfiliale auf Schäden überprüft. Zwar ist alles in Ordnung, aber er glaubt nicht daran, dass am Sonntag der Betrieb wieder aufgenommen werden kann, so wie die Regierung das möchte.

So schnell werde sich die Lage nicht beruhigen, glaubt Sami. "Das Regime hat 20 Prozent der Bevölkerung durchgefüttert, sie alle haben jetzt Panik", meint er zur Begründung. Für die Ägypter ist klar, dass die Baltagiya, die Schlägertrupps, von Kreisen der Regierungspartei NDP des Präsidenten Hosni Mubarak auf die Straße beordert wurden. "Dort ist viel Geld, und vor allem die hohen Parteikader haben Angst, wegen Korruption vor dem Richter zu landen", meint ein Geschäftsmann. Ob der Mob auch auf einen Befehl hören würde, die Gewalt einzustellen, ist eine offene Frage.

Die Szenen aus der Nacht haben die hässlichste Fratze des Regimes gezeigt. Um fünf Uhr am Morgen hatte das Gewehrfeuer auf dem Tahrir-Platz tausende Ägypter aus dem Schlaf geschreckt. Sieben Tote und mehr als 800 Verletzte haben die stundenlangen Auseinandersetzungen zwischen Mubarak-Anhängern und Pro-Demokratie-Aktivisten gefordert. Mubaraks Leute haben von den umliegenden Häusern Brandbomben und Steine auf die Demonstranten geschleudert und sie auf dem Tahrir-Platz eingekesselt. Der neue Regierungschef Ahmed Shafik hatte sich am Morgen bei den Ägyptern für diese Eskalation entschuldigt und beteuert, die Regierung habe damit nichts zu tun.

Trotz statt Euphorie

Die Armee musste sich die Frage gefallen lassen, weshalb sie nicht eingeschritten ist. Sie hatte in die Luft gefeuert und die Mubarak-Anhänger auf den Platz ziehen lassen. Am Donnerstag hat sie ihre Taktik angepasst, hat mehr Soldaten auf den Tahrir-Platz geschickt und versucht, die Mubarak-Anhänger abzudrängen. Die Demonstranten hatten sich mittlerweile hinter den Metallwänden verbarrikadiert. Es kam zu kleineren Scharmützeln am Rande. Die blutigen Auseinandersetzungen und die Straßensperren hatten zur Folge, dass am Tag zehn der Proteste deutlich weniger Demonstranten auf den Platz kamen. Die Stimmung ist von Euphorie in Trotz umgeschlagen.

Ganz gezielt gingen Mubaraks Schläger gegen ausländische Journalisten vor (siehe unten). Nach Angaben von Rettungskräften und einem Augenzeugen wurde ein Ausländer zu Tode geprügelt. Mubarak hatte in seiner Rede behauptet, dass die Proteste vom Ausland unterstützt seien.

Der Präsident muss sich aber zunehmend von ehemals engen Mitarbeitern schwere Vorwürfe anhören. "Diese Schläger sind sein letztes Aufgebot. Er hat nur noch Kriminelle und keine ehrlichen Leute mehr, um ihn zu unterstützen", meinte einer von ihnen gegenüber Al-Jazeera. Ein Generalstaatsanwalt untersagte bisherigen ranghohen Vertretern des Regimes die Ausreise. Die Anordnung betreffe Wirtschaftsleute und frühere Minister, berichteten Staatsmedien. Außerdem seien Bankkonten eingefroren worden.

Der Oppositionspolitiker Mohamed ElBaradei sprach von einem kriminellen Akt. Viele Ägypter, die bisher nicht demonstrierten, wurden durch die Straßenschlachten aufgeschreckt und meinten nun auch, es sei Zeit, dass der Präsident sofort geht und nicht bis September bleibt.

Opposition und Regierung haben keine klare Strategie. Vize-Präsident Omar Suleiman, der auch von den meisten ausländischen Regierungen jetzt als Gesprächspartner gesehen wird, hat erklärt, es gebe keine Verhandlungen mit der Opposition, solange demonstriert werde. Dann gab es doch Meldungen über Kontakte. Suleiman kündigte am Donnerstag auch an, die Gewalttäter zur Verantwortung zu ziehen.

Kräfteverhältnis unklar

Die Opposition ist sich uneins, ob sie mit dem Vizepräsidenten und dem Regierungschef reden soll. Das Kräfteverhältnis in dieser unorganisierten Protestbewegung ist aber unklar. Zwei gewichtige Gruppierungen - die Muslimbrüder und die Bewegung für Veränderung von ElBaradei - haben den Rücktritt Mubaraks zur Vorbedingung für einen Dialog gemacht.

Viele Gerüchte und Spekulationen sind im Umlauf - vor allem die Vermutung, die Armee sei durch die fast bürgerkriegsähnlichen Auseinandersetzungen nahe daran, Mubarak fallenzulassen, um die eigene Stellung in einer künftigen Regierung nicht zu gefährden. Prognosen wagt niemand mehr. (Astrid Frefel aus Kairo, STANDARD-Printausgabe, 04.02.2011)

Kommentar posten
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Johannes St.
 
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und wieder einmal sieht man, wie schamlos Länder ausgehungert werden und persönliche Raffgier über allem steht

und von all dem war nie etwas in der Zeitung zu lesen. Nur super-Sonne-Urlaubsland. Zum Glück war ich noch nie dort...

miss chicken
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Regime-Profiteure

soll es geben - in Ägypten.
Warum auch bei uns eine Gruppe von Postern in diesem Forum ständig gegen die ägyptische Revolution anschreibt, das erkärt sich daraus nicht.
Wunderlich und Schütt und Co werden akum auf Mubaraks Gehaltsliste stehen.
Es dürfte eine Gruppe geben, die auf der Mossad-Gehaltsliste steht. Beziehen sie von dort Auftrag, den Volksaufstand zu diskreditieren?
Oder ist in der Tat das Krankheitsbild Islamophobie schon in solch fortgeschrittenem Stadium?

soseies
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wunderlich und schütt sind klerikal oder weltliche ideologen, die eine agenda (ihre?) unters volk bringen wollen....

wobei ich sie eher im rechts-pro-israel milieu vermute...wie gesagt, vermute...

jesus mohamed von wien
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brauche nur 3 mio menschen die mit mir die parlamentschlüssel

verlangen und bekommen. alle anständigen werden sich mir anschliessen. die anderen werden ausgewiesen, da sie kriminell sein müssen, da sie durch nichtunterstützung meiner person als kriminell automatisch entlarvt sind. der saustall wird dann wieder sauber sein und ausgemistet. wählt mich. ich der erbe von burger und dann kreisky (zwar ohne testament)
H.C.Strace

embedded
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Wir sind im Zeitplan

(man rekapituliere die ereignisse. morgen sicherheitskonferenz)

Hlsebastian
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Wenn man nachzählt, wie viele Berufs-Rote und Berufs-Schwarze bei uns

durchgefüttert werden, ist die Frage berechtigt, wann bei uns endlich so durchgegriffen wird wie in Ägypten.

jesus mohamed von wien
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richtig! am besten machen wir es so: alle profiteure

der regierungsbanden ins parlament jagen um zu sehen wieviel wir nicht profiteure sind. dann wer wir non profit bürger entscheiden mit wieviel die profitbürger aussreisen dürfen. ich bin für supernackt ausreisen.

h 90
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2013 ist Wahltag. Nur wie soll man das Problem loesen ohne 2/3 Mehrheit?

fauler Student
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Nimm lieber deine Pillen.

ökolaus nicht nikolaus
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das was HISEBASTIAN schreibt ist kein hirngespinst sondern eine tatsache, ich erlebe es tag für tag in unserer lieben kleinstadt wo ich wohne ;) die pillen gegen engstirnigkeit braucht wohl jemand anders :)

avision
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Herdentrieb ...

<<Der Mensch ist frei geboren und überall liegt er in Ketten.>> Rousseaus zentrales Ziel im Gesellschaftsvertrag besteht darin, die Quellen und Grenzen legitimer Macht zu erklären. Er glaubt, dass unsere Pflichten gegen den Staat aus einem Gesellschaftsvertrag oder Gesellschaftspakt stammen, mittels dessen Individuen sich in einem politischen Körper verwandeln.

Idealismus und einen Herdentrieb bewirkt einiges.

Ägypten: “Marsch der Million“ In Österreich hat man die Beamten gegen das Volk gestemmt. Es braucht kein militärisches Heer um das Volk zu unterdrücken, das geht ganz legitim durch den Beamtenapparat auf dem die Macht weitmöglichst verteilt wurde.

Herr und Frau Österreicher
 
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Ägypten ist nicht Österreich! Es läuft einiges falsch in Ö., aber die verhältnisse sind bei weitem nicht so gravierend wie in Ägypten!
Und was den Beamtenschmäh betrifft: Das sollte konkretisiert werden. Wenn der Beamtenapparat Macht hat und zwar eine, die der Macht der Politik ebenbürdig ist (ist dem so?), dann trifft das auf 90% derjenigen, die vom Beamtenbashing am meisten betroffen sind, nicht zu. Das sind nämlich stinknormale Arbeitnehmer. Wie überall in unserem System herrscht nämlich auch und gerade im öffentlichen Dienst strikte Hierarchie. Es sind also die Spitzenbeamten, die diese Macht besitzen. Die stinknormalen MicrosoftmitarbeiterInnen sind ja auch nicht mächtig, der Konzern aber schon...

Andreas Schneider
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schlag nach bei kafka, wenn es um die macht des kakanischen beamtenapparats geht - die hat sich nicht verkleinert seitdem. wobei das klassische beamtentum ja nur mehr den kern ausmacht, was österreich "beherrscht" lässt sich besser als "verwaltungsapparat" bezeichnen.

genau genommen liegt die macht dieses gefüges nicht einmal bei den spitzenbeamten, sondern im system selbst. das wächst und wuchert und vereinnahmt immer mehr rädchen, nicht nur im staat und in den staatsnahen bereichen.

wie sie vielleicht bemerken, widerspreche ich ihnen nicht, im gegenteil. ihr microsoft-beispiel zeigt treffsicher auf, dass der mechanismus keineswegs auf staatliche macht beschränkt ist...

Herr und Frau Österreicher
 
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Mhm, dass sich jener ausweitet, kann ich nicht bestätigen. Es ist lediglich eine generelle Schwäche der Politik feststellbar, was den "Beamtenapparat" stärkt (weil ja anscheinend irgendwer das Kind schaukeln muss). Aber auch das ist nicht ganz richtig: es wird permanent ausgegliedert, umstrukturiert und privatisiert. Da ist eine neue Clique entstanden, die der "Experten". Jene können durchaus auch beamte sein, in den meisten Fällen sind aber Günstlinge (unterschiedlichster Mentoren)...

Meerwelle
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Ja, ich stelle es mir auch total super vor, wenn Österreicher sich Straßenschlachten mit Österreichern liefern.
Wir würden dann ein Zeltlager am Heldenplatz haben, und ein paar Tausend Österreicher würden versuchen, mit Prügeln und Steinsäcken dieses zu stürmen.
Ich stell es mir auch super vor, wenn vereinzelt Supermärkte geplündert und Autos angezündet werden. Auch die Ärzte kriegen dann endlich was zu tun.

Dann ist also endlich was los und die Gerechtigkeit wird siegen.

Eine Frage habe ich nur noch: Wer sind eigentlich die "Guten" in dem Szenario und wer die "Bösen"?

(Auch wenn ich diese Frage nicht beantworten kann, aber eins scheint mir sicher: Hlsebastian wird sich selbst zu den "Guten" zählen)

daydreamer07
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strassenschlachten?

strassenschlachten werden nicht notwändig sein, doch was absolut notwändig scheint ist die erneuerung dieser korrupten republik, die absetzung der korrupten schwarz-roten politikerkaste, die ausser selbstbeweihräucherung,- u. bereicherung nichts zustandebringt....hunderttausende fleissige kleinunternehmer sichern das system mit ihren steuern u. abgaben und werden von einer beamtenkaste ausgenommen, von den leuten drangsaliert und geschröpft, müssen das aber auch noch selbst finanzieren...irgendwann wird das volk aufwachen und dann wird es ungemütlich, lange hält sich dieser schwarze schleim nicht mehr, der sich über das land gelegt hat, die auswüchse sind in der lächerlichen figur von grasser personifiziert....

h 90
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Es wuerde reichen wenn alle aufhoeren wuerden Steuern zu bezahlen. Die Regierung muesste zuruecktreten.

Kaktus
212

Berufsblaue dürft's auch nicht grad wenig geben.

Pepi friß weniger
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ned scho wieder alle pauschal ins Lager sperren, bitte

es sind auch zwei, drei integere in jeder Partei

beyaz peynir
24
letztklassiges posting

grainsdecafe
47
Tunesien , Ägypten

und wann kommt die Revolution endlich bei uns an ? auch bei uns werden zu viele durchgefüttert - aber es gilt weiterhin die unschuldsvermutung wie wir alle wissen. glaubt ihr ernsthaft,daß diverse regierungen in europa anders handeln würden als ein ben-ali oder mubarak clan ? träumt weiter freunde ...und schlaft gut .......

Bessermacher
310
Na, dann geh auf die Straße, wenn es so schlimm ist, du Klugscheißer.

Aber da müssen ja die anderen anfangen. Du Opfer du.

soseies
00

spontan wollt ich ihnen rot geben...

aber nein, sie haben mehr als recht....

Chris Lance
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ich hoffe mal dass "du opfer du." nicht in einer art gemeint war, wie es eine bestimmte präpubertäre bis pubertäre bevölkerungsguppe in österreich anwendet.
und vom schlimmsein ist nicht die rede, dennoch sollte man die augen mal öffnen was in österreich politisch vorgeht und auch hinter den kulissen schnüffeln --> kleine anmerkung: grasser (unschuldsvermutung) bin mir fast sicher, dass er nicht der einzige ist...

karl bachl
 
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nur fast?

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