Weg vom Kaffeesudlesen bei Bewerberwahl

8. Februar 2011, 17:00
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"Gute Personaler haben Kontrolle der Bewerber im Web nicht nötig" - Trend Richtung "Keep in Touch"

Bis vor kurzem galten Social Media im Recruiting-Bereich eher als neue Möglichkeit Bewerber "auszuspionieren". Tipps und Verhaltensregeln für eine saubere digitale Weste kursierten zuhauf. Nur ja keine verschrobenen Partyfotos sollten in Netzwerken auffindbar sein, denn sie könnten unter falsche Augen geraten. Personaler gaben offen zu, potenzielle Mitarbeiter zu googlen und durchaus gezielt in sozialen Netzwerken auf Spurensuche zu gehen. Es schien fast so, als seien soziale Netzwerke ein Risiko für die Jobsuche

Hat da im Recruiting-Bereich ein Umdenken stattgefunden? "Hoffentlich. Es sollte ein "common sense" herrschen, eine scharfe Trennlinie zwischen Privat- und Berufsleben zu ziehen. Denn welche Erkenntnisse über einen Bewerber können wirklich aus Fotos, Gruppenmitgliedschaften oder anderen Profileinträgen gewonnen werden?", antwortet dazu Michael Bilina, HR-Spezialist im Bereich Staffing und Recruiting bei der Allianz Elementar. Wer hätte schließlich schon die Zeit, sicher zu gehen, dass das gefundene Profil auch wirklich zum Bewerber passt. "Vor dieser Art von Kaffeesudleserei möchte ich deutlich warnen, das haben gute Personaler nicht notwendig", findet Bilina klare Worte.

"Keep in Touch"

Dass nicht Kontrolle, sondern offenes Zugehen von Seiten der Unternehmen auch ein Vorteil sein kann, scheint neuerdings der Trend. Firmen erkennen zunehmend, dass Social Media neue, unkonventionelle Möglichkeiten eröffnen Kontakt mit künftigen Mitarbeitern aufzunehmen.

"Die Arbeitnehmer von morgen wollen die Unternehmenskultur spüren können und nicht nur standardisierte Jobausschreibungstexte vorgesetzt bekommen", glaubt Blogger Hannes Offenbacher von der Beratungsagentur Mehrblick. Wenn es Unternehmen schafften ihren Charakter authentisch via Social Media zu transportieren, gebe es auch das Potenzial, die richtigen Mitarbeiter anzusprechen. Allerdings erfordere das auch den Mut wirklich Einblicke zu gewähren, zum Beispiel in Form eines Corporate Blogs der Mitarbeiter. Auch für Bilina bieten Social Media eine interessante Palette weiterer Möglichkeiten des Employer Brandings oder des "Keep in Touch" bei Mitarbeitern und Bewerbern: "Auf diese Aspekte sollte sich künftig das Hauptaugenmerk des Handelns eines HR-Bereichs in Social Media konzentrieren."

Leicht veränderte Stellenprofile 

Haben sich aufgrund der Social Media auch die Stellenprofile etwas verändert? Die Mitarbeiter von WienTourismus, die die Social Media Kanäle aktiv bearbeiten, wurden zwar nicht speziell für diese Positionen eingestellt. "Sie haben diese neuen Aufgaben in ihre tägliche Arbeit integriert", so die Stellvertretende Leiterin der Abteilung Content Management, Andrea Kostner. Man setze aber auf professionelle Auseinandersetzung mit dem Thema. Die Strategie werde deshalb auch regelmäßig überprüft. Die Social Media Guidelines sind für alle WienTourismus-Mitarbeiter bindend.

Einzelne Stellen in der Unternehmenskommunikation, dem Marketing oder auch Human Resources bei der Allianz haben sehr wohl professionelle Erfahrung um Social Media im Fokus: "Für bestimmte Positionen sind Social Media im Anforderungsprofil verankert", so Bilina. Allerdings sei hier nicht nur das Wissen um facebook, XING oder twitter gefragt, sondern auch um Vodcasts oder kununu als Arbeitgeberbewertungsplattform.

Weg vom "Hineinstolpern"

"Aus meiner Sicht befindet sich die betriebliche Nutzung von Social Media bei vielen Unternehmen noch im Trial and Error Bereich", meint der HR-Spezialist. Richtig professionell durchgestartet ist auch WienTourismus erst im Sommer 2010 - nach Abschluss eines hausinternen Social Media Strategieprozesses.

Langsam, aber doch, kommen die Unternehmen weg vom Ausprobieren und hin zum strategischen Einsatz. Offenbacher ist überzeugt, dass "das spielerische, faszinierte Reinstolpern in die neuen Social Media Kanäle gestern war, es geht wieder um Marketing". Gerade aufgrund der zunehmenden Aufmerksamkeits-Konkurrenz brauche es künftig kreative und auf eine spezifische Zielgruppe zugeschnittene Social Media Projekte und Kampagnen. (Marietta Türk, derStandard.at, 9.2.2011)

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Soziale Netze für Bewerber und Recruiter

"Business goes Social Media"

Nachlese: Fachkonferenz für Führungskräfte, die sich im Entscheidungsprozess befinden, ob und wie sie Social Media im Unternehmen nutzen. Veranstaltet von Business Circle.

Blog von Hannes Offenbacher

  • Das "Ausspionieren" von potenziellen Mitarbeitern im Web sei eine Kaffeesudleserei, meint HR-Spezialist Michael Bilina
    foto: derstandard.at

    Das "Ausspionieren" von potenziellen Mitarbeitern im Web sei eine Kaffeesudleserei, meint HR-Spezialist Michael Bilina

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