Zwölf Uhr mittags

16. September 2003, 17:44
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Der amerikanisch-europäische Antagonismus und die Intellektuellen

Eine große Frage, welche die Sozial- und Geisteswissenschaften seit je her bewegt hat, lautet: Sind es Interessen oder Ideen, die soziale und politische Wirksamkeit entfalten? Muss man „qui bono?“ fragen, oder muss man wissen, was die Herrschenden und ihre Ratgeber denken, um den Lauf der Geschichte zu verstehen? Intellektuelle neigen in der Regel dazu, sich für die Ideen zu entscheiden. Das ist nicht schwer zu verstehen, denn erstens bilden geistige Produkte ihr soziales Kapital, und zweitens ist die Lektüre des Feuilletons einer Zeitung eine angenehmere Tätigkeit als das Studium des Wirtschaftsteils. Manche Intellektuelle, vor allem deutsche Kulturschaffende, sehen den „Geist“ sogar in einer prinzipiellen Gegnerschaft zur durch Interessen geleiteten „Macht“.

So schmückte Günter Grass seine Ablehnung des amerikanischen Krieges gegen den Irak symbolisch mit einem Gedicht von Matthias Claudius. Gerne wird auch dieser Geist mit dem Attribut „europäisch“ (früher meist: „deutsch“) versehen, während die geist-, geschichts- und kulturlose Macht selbstredend in Amerika zu Hause ist. Während amerikanische Außenpolitik nach dieser Vorstellung wahlweise allein durch zynische Interessenpolitik oder von wahnhaften missionarischen Ambitionen bestimmt ist, soll die Politik europäischer Staaten – allen voran die Bundesregierung mit Außenminister Fischer – für eine quasi interessenlose, Vernunft, Recht und Gerechtigkeit anstrebenden Politik stehen. Gerade nach der despektierlichen Rede des Rumsfeldwebel vom „Alten Europa“, wusste die Riege der europäischen Großintellektuellen von Régis Debray über Jürgen Habermas bis Paul Virilio nicht, ob sie beleidigt oder stolz sein sollte.

Zufrieden sind sie in jedem Fall mit der deutschen Regierung: So hat der Verband deutscher Schriftsteller Schröder und Fischer für den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels in Anerkennung für den standhaften Widerstand gegen den unmoralischen Krieg vorgeschlagen. (Manche munkeln allerdings, es handele sich um eine verspätete Auszeichnung für deren dichterische Fähigkeiten – Erfindung des Hufeisenplanes und von Konzentrationslagern – im Jugoslawienkrieg).

Neben diesen „Geist“-Intellektuellen gibt es aber auch Intellektuelle, die keine Berührungsängste mit der Macht haben. Im Gegenteil: Macht ist der Gegenstand ihres Räsonierens, wobei sie natürlich Wert darauf legen, nicht mit ihr identifiziert zu werden, sondern sie aufgeklärt zu analysieren und zu kritisieren. In diesem Selbstverständnis „trafen“ sich im Falle des Golfkrieges sogar Amerikas und Europas Intellektuelle: Die linken amerikanischen Intellektuellen wie Judith Butler, Noam Chomsky oder Michael Walzer verurteilten Amerika und lobten Europa. Die linken europäischen Intellektuellen wie Jacques Derrida, Tareq Ali oder Claus Leggewie verurteilten ebenso Amerika und lobten Europa. (Es ist schon beeindruckend, wie dabei das längst ausgestorbene Wort „Imperialismus“ wieder hoffähig geworden ist.)

Dass in diesem vermeintlichen Gleichklang die eigentliche Asymmetrie liegt, scheint das gute Gewissen der europäischen kritischen Kritiker nicht zu stören. Wie der Großteil der Friedensbewegung sehen sie sich in einer Art Kulturkampf mit „Amerika“, einer Macht die für sich in Anspruch nimmt, ohne das Völkerrecht „Schurkenstaaten“ den Krieg zu erklären, während Europa durch historische Lehren dazu prädestiniert sei, der Welt den Frieden zu erklären.

Da ist es auf dem ersten Blick wohltuend, wenn der amerikanische Senior Associate beim Carnegie Endowment for International Peace und Kolumnist der konservativen „Washington Post“, Robert Kagan, den europäischen Kollegen angesichts ihrer gesinnungsethischen Selbstgerechtigkeit die Leviten liest. Für ihn ist die ideologische Kluft, die sich zwischen Amerika und Europa auftut, zuerst eine Frage von Stärke und Schwäche.

Kagan stellt sich in die Tradition der realistischen Schule: „Als die Vereinigten Staaten [im 19. Jahrhundert; J.S.] schwach waren, verfolgten sie die Strategien der indirekten Einflussnahme, Strategien der Schwäche; nun, da sie mächtig sind, benehmen sie sich auch wie ein mächtiger Staat. Als die europäischen Großmächte stark waren, glaubten sie an Stärke und Kriegsruhm. Heute sehen sie die Welt mit den Augen schwächerer Staaten.“ Weil die Europäer relativ schwach seien, bemühten sie sich um den Aufbau einer internationalen Ordnung, in der das Völkerrecht und internationale Organisationen eine wichtigere Rolle spielen als die Macht einzelner Staaten.

Für die Europäer sei der UN-Sicherheitsrat beispielsweise ein Substitut für die Macht, die ihnen im Übrigen fehle. Aus der Divergenz der strategischen Sichtweisen ergebe sich der Antagonismus strategischer „Kultur“: Die Europäer, die einst die Machtpolitik erfunden hätten, verwandelten sich durch bloßen Willensakt in „wiedergeborene“ Idealisten. Der konservative Theoretiker Kagan ärgert sich über diese europäische Arroganz der Ohnmacht, denn er sieht Amerika und Europa im selben Boot. Die von den Europäern nun beschworene Welt von Gesetzen und Regeln, transnationalen Verhandlungen und internationaler Kooperation, das der Verwirklichung von Kants „Ewigem Frieden“ gleichkomme, habe nur unter dem Schirm amerikanischer Macht gedeihen können, ausgeübt nach den Regeln der alten Hobbesschen Ordnung. Die neue europäische „mission civilisatrice“ – die weltweite Übertragung des posthistorischen Paradies von Frieden und Wohlstand – funktioniere nur, wenn es einen Revolverhelden wie Gary Cooper in „Zwölf Uhr mittags“ gäbe, der die Bürger der Stadt verteidige, ob es denen gefalle oder nicht.

Angesichts der schönen Worten von Demokratie und Freiheit, welche die „westliche Wertegemeinschaft“ seit dem Kalten Krieg zieren, kann man von Kagan eine Menge lernen. Zum Beispiel, dass dieser Westen kaum mehr als ein Produkt der Konfrontation mit der Sowjetunion, im Grunde also die NATO war. Oder dass der Hegemon der Weltordnung ohne eine internationale Doppelmoral nicht auskommen kann, denn er soll zwar den Idealen der „Kant’schen“ fortschrittlichen und zivilisierten Welt folgen, muss aber den Realitäten der Hobbes’schen Welt des Kampfes aller gegen alle mit militärischer Gewalt begegnen, um sich vor dem Ansturm der Unterprivilegierten zu schützen.

Was dem klugen Kagan allerdings nicht in den Sinn will, ist die Möglichkeit, dass Amerikas Problem mit Europa gar nicht so sehr dessen Lebenslügen sind, sondern dass Europa schlicht wieder an den Platz in der Welt möchte, den es mit dem Ersten Weltkrieg, als es sich selbst zerstörte, verlassen hat. Kagan unterschätzt Europa, weil er es in einer strategischen Abhängigkeit zu den USA sieht.

Emmanuel Todd dagegen bewertet die strukturellen Machtrelationen genau umgekehrt. Für den Wissenschaftler am Institut National d‘Études Démographiques, der bereits 1976 den Zusammenbruch der Sowjetunion vorhergesagt hat, ist die USA eine Weltmacht auf Abruf. Im Jahre 2050 werde es sie nicht mehr geben. Ihre relative Wirtschaftskraft habe gegenüber Europa, Russland und Japan dramatisch abgenommen, und die wahre Macht sei wirtschaftlicher Natur. Aufgrund seiner industriellen Schwäche und seiner infolge des immensen Handelsbilanzdefizits wachsenden Abhängigkeit vom Weltmarkt verfolge die USA einen „theatralischen Neo-Imperialismus und Mikromilitarismus“.

Die Vereinigten Staaten seien mittlerweile ein „Problem für die Welt“, ein „Störfaktor“ und „Unruhestifter“, als Militärmacht „überflüssig“, ein „räuberischer Staat“, vom „Fieber der Ungleichheit“ geschüttelt, „tolpatschig“. Amerika sei ein „schwarzes Loch, das Waren und Kapital in sich aufsaugt, ohne selbst gleichwertige Güter liefern zu können“, und die globale Speerspitze einer Revolution gegen die Gleichheit, eines oligarchischen Umbaus für noch mehr Geld und Macht für die Reichsten und Mächtigsten“.

Todd weiß auch, wer sich dieser Bedrohung von Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit entgegenstellen solle: die Vereinten Nationen von Europa in Verbund mit Japan und Russland. Europa berge die Möglichkeit des universellen Friedens in sich, betrachte die Welt mit „egalitären“ Augen und besitze Sensibilität für „internationale Verantwortung“. Todd warnt Amerika, dass es die wirklichen Wirtschaftsmächte gleichrangig behandeln müsse, wenn es weiterhin herrschen wolle.

Er fordert eine europäische „Emanzipation“ als Ergebnis der wirtschaftlichen Stärke des Kontinents und der „Einsicht der Europäer, dass sie sich durch gemeinsame Werte von den Amerikanern unterscheiden“. Diese Emanzipation verlange die Fähigkeit zur „militärischen Verteidigung“ und die Erhöhung der nuklearen Schlagkraft.

Interessant ist, dass sowohl der Realist Kagan als auch der Strukturalist Todd letztendlich die These vom kulturellen Antagonismus, vom Krieg der Ideen zwischen Amerika und Europa teilen. Kagan erinnert die Europäer daran, dass es in einer Welt, die durch die Antagonismen von Staaten und von Armut und Reichtum strukturiert ist, nicht nur „Shopkeeper“, sondern auch „Sheriffs“ geben müsse. Todd glaubt, zwischen Europa und den Vereinigten Staaten bestehe ein Zivilisationskonflikt: „In Europa herrschen die Werte des Agnostizismus, des Friedens und des Ausgleichs vor, die der amerikanischen Gesellschaft dieser Tage fremd sind.“

Kagan reproduziert das aus dem Ersten Weltkrieg stammende Bild Werner Sombarts über Engländer und Deutsche als „Händler und Helden“, „Krämer und Krieger“. Todd bemüht letztendlich das Bild des Parasiten: Die Welt produziere, damit Amerika konsumiere. Die europäischen Gesellschaften seien darüber hinaus historisch aus der Knochenarbeit armer Bauern hervorgegangen, die Völker Eurasiens daher mit der Notwendigkeit ökologischer Rücksichten oder einer ausgeglichenen Handelsbilanz vertraut.

Die amerikanische Gesellschaft dagegen sei das Ergebnis eines kolonialen Experiments, dessen Erfolgsgeschichte auf der Ausbeutung und einseitigen Nutzung von Ressourcen beruhe. Sie kümmere sich deshalb nicht um Nachhaltigkeit und Ausgewogenheit.

Die aufgeklärten Intellektuellen der Macht, Kagan und Todd, die Machtressourcen, Interessen und Strategien zur Analyse internationaler Politk bemühen, landen schließlich bei der „Kultur“ und sind selbst Produkte der Konkurrenz zwischen Amerika und Europa. Sie demonstrieren, dass Ideen einerseits durch Interessen bestimmt werden und es andererseits Ideen sind, die erst definieren, was Interessen – in beiden Fällen nationalistische Interessen – sind. Kagan und Todd sind nicht einfach Boten des Antagonismus, sondern machen gemeinsame Sache mit „ihrer“ Kultur. Sie bedienen binäre Identitätskonstruktionen und zementieren, ja radikalisieren die machtpolitischen Widersprüche zwischen zwei hegemonialen Blöcken. Der Apologist Amerikas und der Apologist Europas haben sich bereits zum Showdown um „zwölf Uhr mittags“ getroffen. (DER STANDARD, Printausgabe, 10./11.5.2003)

Von Jörg Später

Robert Kagan: Macht und Ohnmacht. Amerika und Europa in der neuen Weltordnung, Berlin 2003, Siedler Verlag. Preis? Emmanuel Todd: Weltmacht USA. Ein Nachruf, München, Zürich 2003, Piper Verlag. Preis?

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