Was bleibt, ist Konfuzius

12. Mai 2003, 11:20
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Qiu Xiaolong entwirft ein Sittenbild des modernen China zwischen Partei und Kapitalismus

Schanghai 1990: Zwei alte Freunde absentieren sich für ein paar Stunden vom Job, um fischen zu gehen. Dabei finden sie die Leiche einer jungen Frau. Der Fall wird brisant, als sich herausstellt, dass die Tote eine "nationale Modellarbeiterin" und natürlich auch Parteimitglied gewesen ist.

Oberinspektor Chen, der mit den heiklen Ermittlungen betraut wird, liebt Literatur und übersetzt englische Kriminalromane, und er verkörpert in sich all die Widersprüche, die aus dem Zusammenprall der östlichen und der westlichen Welt resultieren.

Der Autor, der als Professor für chinesische Literatur seit 1988 in den USA lebt, folgt in seinem Debütroman dem klassischen Krimimuster. Interessant ist, was er im Detail über die Mentalitätsunterschiede und die gänzlich anderen Voraussetzungen von Justiz und offizieller sowie persönlicher Moral zu sagen hat. Schanghai erweist sich als ein riesiges Labor, in dem der Versuch einer Synthese zwischen Planwirtschaft und globalisiertem Kapitalismus stattfindet.

Der staatliche und der freie Markt, auf dem natürlich alles teurer ist, existieren nebeneinander. Die Leute sind Pragmatiker. Sie sind trainiert, mit Gegensätzen zu leben. Die allermeisten Figuren in Qiu Cxiaolongs Roman haben schließlich gebrochene Biografien. Ihre "bürgerliche" oder "intellektuelle" Herkunft hat ihnen zumeist endlose Jahre der Umerziehung auf dem Land eingebracht. Heuchelei und Anpassung sind so zur hohen Kunst entwickelt worden. Die immer noch offizielle politische "Moral" zwingt andauernd zu hohltönenden Lippenbekenntnissen. In Wirklichkeit pfeift sowieso jeder auf die roten Tugenden.

Die Tote scheint ein Musterexemplar dieser doppelbödigen Gattung gewesen zu sein, und es erhebt sich die existenzielle Frage: Soll Chen versuchen, hinter die Wahrheit zu kommen, oder ein offiziell genehmes Konstrukt basteln? Die einzige Richtschnur seines Handelns in unsicheren Zeiten ist für Chen immer noch der gute alte Konfuzianismus. Und diesmal hat er mit seiner Aufrichtigkeit Glück: Die Entlarvung des Mörders ist gerade opportun. Denn wenn wieder einmal der Anschein einer unbestechlichen Justiz und einer gerechten Partei gewahrt werden soll, kann man getrost ein paar "Kaderprivilegierte" anklagen, um die Massen zu besänftigen. Die Angeklagten werden dann im schlimmsten Fall unter maximaler Publizität hingerichtet, und die offiziöse heile Welt ist wieder in Ordnung. Indem Chen, der das riskante Manöver nur mithilfe von hoher Protektion übersteht, sich nicht abhalten lässt, den Mörder zu überführen, spielt er diesmal gleichzeitig den Parteiinteressen in die Hände. Ein Dilemma, das unlösbar ist.

Wohnungsnot, Beziehungsnetze, die zentrale Bedeutung von gutem Essen, die Aushöhlung des Systems durch Korruption und Lüge, die Achtung vor der Literatur, der Umgang mit einer traumatischen Vergangenheit, all das sind Details, mit denen der Autor eine Kultur im Umbruch und Widerspruch skizziert: Krimi als Zeitgeschichte. (DER STANDARD, Printausgabe vom 10./11.5.2003)

Von
Ingeborg Sperl

Qiu Xiaolong
Tod einer roten Heldin.

Aus dem Amerikanischen von Holger Fliessbach
€24,20/ 460 Seiten
Zsolnay, Wien 2003

  • Artikelbild
    foto: buchcover
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