"Freiräume durch Verkommerzialisierung enger geworden"

9. April 2004, 16:03
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Manfred Scheuch, ehemaliger Chefredakteur der "AZ", über die "Quoten- besessenheit" des ORF und "subtile Interventionen"

"Die AZ ist ja nicht einmal mehr am Sonntag bei den Standeln rausgestohlen worden". Dieses deutliche Zeichen für den Niedergang der "Arbeiterzeitung" im Speziellen und der österreichischen Parteizeitungen im Allgemeinen zeigte Dr. Manfred Scheuch in seinem Vortrag in der Reihe "Elder Statesmen" am Wiener Publizistik-Institut auf, erinnerte dort aber auch an die Glanzzeiten der SPÖ-Tageszeitung.

Isoliertheit vom Anzeigenmarkt

Von 1970 bis 1989 war Manfred Scheuch Chefredakteur der sozialistischen "Arbeiterzeitung", bis das Blatt von der Partei abgestoßen und an Privatiers verkauft wurde ("Den Preis weiß ich nicht, aber sicher kein hoher"); Robert Hochner versuchte sich kurz als Chefredakteur, dann übernahm der heutige "News"-Chefredakteur Peter Pelinka bis zum endgültigen Aus der Zeitung 1991 die Führung. Der Hauptgrund für das Parteizeitungssterben sei aber nicht etwa zu geringe Auflage gewesen, auch wenn die "Kronen Zeitung" rund 80 Prozent der Leser ("der kleine Mann von der Straße") abgeschöpft hatte, sondern vielmehr die seit jeher bestehende Isoliertheit vom Anzeigenmarkt der freien Wirtschaft. So musste sich das Parteiblatt mit den Inseraten der Verstaatlichten begnügen, und deren Krise in den achtziger Jahren läutete gleichzeitig das Ende der AZ ein.

Freiräume durch die Verkommerzialisierung der Medien enger geworden

Scheuch selbst, 1929 in Wien geboren, konzentrierte sich nach seinem Weggang von der AZ verstärkt auf sein Faible für die Geschichte, was sich in der Erstellung von zahlreichen historischen Atlanten (Schwerpunkt Geschichte im 20. und 21. Jahrhundert, erschienen im Brandstätter Verlag) und zeitgeschichtlichen Themen-Serien im STANDARD manifestierte. Schon bei der AZ war er besonders stolz auf die Wochenendbeilage gewesen, die besondere journalistische Freiräume schuf und mit gut recherchierten themenbezogenen Heften auf Anerkennung stieß. Noch heute bekommt Scheuch im Gespräch oft zu hören, dass man viele AZ-Wochenendbeilagen von damals noch immer aufbewahre. Solche Freiräume seien heute durch die Verkommerzialisierung der Medien enger geworden, allerdings warnte Scheuch auch vor einer Mythologisierung der Vergangenheit.

"Sonnenkönig" Kreisky

Bei seinem Besuch in der Lehrveranstaltung ließ Scheuch auf sympathische und aufschlussreiche Art die alten sozialistischen Zeiten eines Bruno Kreisky wieder aufleben, die - auch wenn es einem angesichts der heutigen Lage wie ewig vergangene Zeiten vorkommen mag - doch erst vor 25 Jahren waren. Eine Persönlichkeit wie Kreisky gebe es heutzutage in der heimischen Politik einfach nicht, und man spürt Scheuchs Achtung, wenn er aus dem Nähkästchen plaudert - er kannte den "Sonnenkönig" sehr gut, denn Kreisky behielt die Berichterstattung der "Arbeiterzeitung" genau im Auge.

Messgenau auf Parteilinie

Natürlich sei es klar gewesen, dass man als Journalist bei der "AZ" messgenau auf dem Strich der Parteilinie gehen musste. Die den Publizistik-Studenten heute so wichtige geistige Unabhängigkeit habe man manchmal hintanstellen müssen. Man habe sich eben dafür entschieden, dem Erfolg der Partei so gut es ging förderlich zu sein, und da man der sozialistischen Ideologie ohnehin anhing, waren arge Gewissenkonflikte über die verbreitete Darstellung selten. Manchmal leistete sich das Blatt aber doch Abweichungen von Kreiskys Wille, etwa beim unseligen Streit zwischen dem Kanzler und Simon Wiesenthal, der 1975 im Zuge der Aufdeckung der Kriegsverbrechen von FPÖ-Chef Friedrich Peter entflammte. Damals dämpfte die Redaktion die hitzigen Äußerungen ab, und Kreisky nahm das auch hin.

"Subtile Interventionen"

In der Konsequenz ergab es zwar dasselbe, wenn Kreisky zum Telefonhörer griff und sich bei Journalisten erkundigte, was sie denn so schrieben, doch mit einschüchternden Parteisekretär-Anrufen in Redaktionsstuben, wie sie heutzutage zuweilen vorkommen sollen, konnte man die subtilen Interventionen des Kanzlers nicht vergleichen. Vielmehr überzeugte er durch seinen eindrucksvollen Charakter, was etwa die Anekdote bezeugt, wie ein kritischer rechtskonservativer Journalist nach einem Mittagessen mit Kreisky verzückt seinen Kollegen vorschwärmte, was für ein bewundernswerter Mann der Kanzler doch sei. Durch ein relativ kurzes Arbeitsessen sei dieser Zeitungsmensch viel mehr korrumpiert worden, als es Dutzende muskelspielende Telefonate vermocht hätten.

"Quotenbesessenheit"

In Bezug auf den ORF bemängelte Scheuch die Vernachlässigung des Kultur- und Bildungsauftrags. Die "Quotenbesessenheit" führe dazu, dass das Programm zumeist "katastrophal" sei, sehenswerte Filme würden viel zu spät gezeigt. Der Bayerische Rundfunk oder das ZDF könnten dem ORF als Vorbilder dienen, das besser zu machen.

Die heutige Printmedienlandschaft in Österreich sieht Scheuch zwiespältig: Zwar stimme es, dass die Konzentration der Besitzverhältnisse auf wenige Eigentümer außergewöhnliche Ausmaße angenommen habe, aber inhaltlich wirke sich das bis jetzt noch nicht aus: "Es gibt oft nichts Kontroversielleres als die Kommentare von "Kurier" und "Krone". Trotzdem: "Kartellgesetze sind immer gut, ja."

Ansichtssache

"Elder Statesmen"
9. Mai: Manfred Scheuch


Von Martin Josef Haas.

Der Autor ist Teilnehmer der Lehrveranstaltung "Elder Statesmen" am Institut für Publizistik- und Kommunikations- wissenschaft.
  • Artikelbild
    foto: alina weidmann
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