Feinabstufungen und psychologische Geflechte

2. Februar 2011, 19:01
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Pianist Yefim Bronfman, Dirigent Daniel Barenboim und die Staatskapelle Berlin

Wien - Diesmal wurde im Musikverein die Erwartunghaltung voll eingelöst, die mit dem Zyklustitel "Meisterinterpreten" verbunden ist. Auch die größten Künstler garantieren ja nicht schon von vornherein für jedes Mal gleich meisterhafte Interpretationen.

Doch die Zugänge von Yefim Bronfman und Daniel Barenboim zu Bartók und Tschaikowsky erfüllten am Dienstag vollständig das, was von jeder guten musikalischen Interpretation erwartet werden sollte - nämlich eigenständige, profilierte Perspektiven auf die gespielten Werke, was beileibe alles andere als eine Selbstverständlichkeit darstellt.

Besonders wesentlich ist dies bei Komponisten, die zu guten Teilen über Stereotype wahrgenommen werden: Bartók als der Befreier des stampfenden Rhythmus, der dann angeblich vor allem rohe Gewalt liefert und das Klavier nur noch als Schlaginstrument benutzt; Tschaikowsky, der seichte Tränendrüsendrücker, der außer schönen Melodien weiter nichts zu bieten habe.

Beide Vorstellungen wurden am ersten Abend eines dreitägigen Gastspiels der Staatskapelle Berlin mit ihrem GMD je auf eigene Weise Lügen gestraft. Bei Bartók ging dies vor allem auf das Konto des Pianisten: Bronfman hielt sich zwar beim nötigen Muskelspiel keineswegs zurück, hämmerte die Kaskaden des zweiten Klavierkonzerts griffig und mit brillanter Schärfe in die Tasten.

Vor allem aber widmete er sich der sinnlichen Seite dieser Musik, und das bei weitem nicht nur in den lyrischen Passagen, sondern auch an belebten Stellen. Mit einer Feinabstufung auch, die zu einer sonst oft ungeahnten Vielfalt der Farben führte.

Während das Orchester hier mehr oder weniger artig sekundierte (und besonders im Zusammenspiel des Schlagzeugs mit dem Pianisten noch etwas Feinschliff vertragen hätte), lief es dann zu Höchstform auf.

Bei Tschaikowskys vierter Symphonie erreichte es nicht nur hinsichtlich der Lautstärke Superlative, die zeitweise dem Eindruck der Übersteuerung nahekamen. Vor allem nahm es Barenboims Anregungen auf, das Geflecht von Nebenstimmen ebenso ernst zu nehmen wie die psychologische Dimension des Werks, das auch seine widersprüchlichen Seiten hat. Dass Barenboim und Bronfman dann als Zugabe vierhändig in die Tasten griffen, geriet zum schönen Symbol dafür, was Musizieren in seinen besten Momenten immer auch ist: spontan. (Daniel Ender/ DER STANDARD, Printausgabe, 3.2.2011)

Am Donnerstag, 3.2., spielt die Staatskapelle Berlin unter Barenboim und mit Bronfman Bartóks 1. Klavierkonzert und Tschaikowskys 6. Symphonie ("Pathétique"). Musikverein, 19.30

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    Tschaikowsky ernst genommen: Dirigent Daniel Barenboim

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