Kulturelle Teilhabe: Wenn das Mauern die Strategie ist

2. Februar 2011, 18:22
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Der Soziologe Norbert Sievers glaubt, dass sich die Kulturpolitik angesichts Armut und Migration neu erfinden muss. Die Wiener Kulturpolitik will davon (noch) nichts wissen; in der SP aber gärt es bereits.

 

Wien - In den 1970ern, unter Bruno Kreisky, zuckten die Bürgerlichen bei der Forderung "Kultur für alle" zusammen: Sie befürchteten einen Angriff auf ihre Bastionen. Irgendwann konnten sie sich wieder beruhigt zurücklehnen. Zwischen Idee und Umsetzung klafft mitunter ein riesiger Spalt.

Seit einiger Zeit aber taucht das beherzte Diktum von einst im neuen Gewand auf: Als Sozialdemokratin ist Kulturministerin Claudia Schmied die Förderung kultureller Teilhabe ein besonderes Anliegen. Und auch die Grünen pochen immerzu auf Maßnahmen.

Es lag daher nahe, dass sich die die SP-nahe Österreichische Gesellschaft für Kulturpolitik des Themas annahm: Sie lud unter dem Titel Kultur für wen? zu einer erstaunlich gut besuchten und von Michael Wimmer souverän geleiteten Diskussion in den Räume der IG Architektur. Eigentlich hätte es um "Strategien zur Förderung kultureller Teilhabe" gehen sollen. Im Endeffekt wurde es eine ziemlich grundsätzliche Debatte.

Kultur nur für wenige

Denn der deutsche Soziologe Norbert Sievers hielt einen äußerst brisanten Vortrag, auch wenn die Grundthesen bereits aus 2008 stammen. In den letzten Jahrzehnten hätten sich, so Sievers, die Voraussetzungen für kulturelle Partizipation - mehr Kaufkraft, mehr Freizeit, mehr Bildung und mehr Angebot - zwar erheblich verbessert, das Interesse an Kultur sei aber nicht gestiegen. Man lüge sich in den Sack, wenn man von Besuchersteigerungen spreche: Gestiegen sei lediglich die Nutzungsfrequenz des ohnedies kulturaffinen Publikums, und das seien eben fünf bis zehn Prozent der Bevölkerung.

Hinzu käme die soziale Lage. Die Armut reiche bereits in die Mittelschicht hinein. Diese Entwicklung führe dazu, dass immer weniger Menschen am kulturellen Leben teilnehmen könnten. Die Schaffung von immer mehr Angeboten sei kontraproduktiv, weil immer mehr sozial Schwache ausgeschlossen würden. Auch deshalb, weil die Kulturpolitik nach wie vor auf das Bildungsbürgertum fokussiert sei - und den steigenden Anteil von Menschen mit Migrationshintergrund übersehe. Es sei daher dringend notwendig, aufgebaute Strukturen zu überdenken und von einer Angebotsorientiertheit zu einer Nachfrageorientiertheit zu wechseln.

Die Regisseurin Ülkü Akbaba pflichtete begeistert bei: "Es gibt in Wien immer mehr Menschen mit Migrationshintergrund, aber keine kulturellen Angebote für sie." Den demografischen Wandel würden zum Beispiel die Theaterhäuser nicht mitmachen.

Ülkü Akbaba konnte dies dem Kulturstadtrat erwartungsgemäß nicht ins Gesicht sagen: Andreas Mailath-Pokorny schickte kurzfristig SP-Kultursprecher Ernst Woller. Und der Funktionär mauerte. Dass es Parallelgesellschaften gibt, will er nicht akzeptieren: 44 Prozent hätten zwar Migrationshintergrund, aber die meisten sprächen Deutsch. Zu diesen zähle u. a. Mailath, und dieser nutze sehr wohl die Einrichtungen.

Ein Überangebot gebe es lediglich in der darstellenden Kunst: Man würde in der SP genau wissen, welche Theater man schließen müsse, aber man habe Angst: Diese Häuser seien in der Lage, einen Skandal zu entfachen. Ex-Ministerin Hilde Hawlicek ergänzte, dass sie Mitleid mit den arbeitslosen Schauspielern hätte. Einziges Rezept sei eine Erhöhung des Kulturbudgets und eine Erweiterung des Angebots. Aber die SP habe ohnedies schon so viel gemacht.

Das war ziemlich skurril. Gabi Gerbasits von der IG Kultur musste Woller darauf hinweisen, dass die Idee zu Hunger auf Kunst und Kultur nicht von der Stadt stammt, sondern vom Schauspielhaus unter Airan Berg. Und Akbaba fasste es nicht, dass auch der Kunstsozialraum Brunnenpassage als Beispiel diente: "Überlassen wir die Kulturpolitik jetzt der Caritas?"

Immer nur mehr Geld, sei der falsche Weg, warnte Sievers: Irgendwann sei der Markt gesättigt. Die Kulturpolitik müsse sich neu erfinden. Doch der Ruf verhallte. (Thomas Trenkler/ DER STANDARD, Printausgabe, 3.2.2011)

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