Hoffen auf den Kommunal-Messias

2. Februar 2011, 18:07
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In Zeiten roter Zahlen setzen viele Kommunen auf große Tourismus­projekte, eine Gratwanderung zwischen Erfolg und schwerem Flop

Wien/Linz/Salzburg - Man zähle "halt nicht zu den Tourismus-Topstandorten in Österreich". Wilfried Kellermann, Bürgermeister der kleinen Mühlviertler Gemeinde Ulrichsberg, verschließt nicht die Augen vor der (Wirtschafts)Realität im Böhmerwald-Gebiet nahe der tschechischen Grenze. "Landschaftlich sicher reizvoll, aber für den Tourismus einfach schwer zu erschließen", erläutert das ÖVP-Gemeindeoberhaupt. Doch das sollte mit dem Entschluss zu einem touristischen Prestigeprojekt anders werden.

Seit 2007 wird in Ulrichsberg-Schöneben das sogenannte Waldkompetenzzentrum gebaut. Ein moderner Bau mit kleinem Waldmuseum, Gastronomie, Aussichtsturm, Themenhütten - alles in Verbindung mit dem Langlaufzentrum Böhmerwald. Dazu noch das Versprechen einer Investorengruppe, neben der Gastronomie auch das "Sport- und Vitalressort Böhmerwald" mit 90 Betten der Vier-Sterne-Kategorie zu errichten. Bis Ende 2012 sollen zudem noch 20 Chalets hinzukommen.

Die Gesamtkosten belaufen sich auf 5,3 Millionen Euro, mehr als die Hälfte davon sind Fördermittel. Die gemeindeeigene Errichtungs-GmbH verbucht heute ein Minus von gut zwei Millionen Euro. Und das gesamte Projekt wurde zu einer Zitterpartie. Während der Bauphase sprang der Investor ab. Erst mit Ende 2010 fand sich ein Pächter für die Gastronomie, ob dieser - wie von der Gemeinde angedacht - in Zukunft Luxusnächtigungen im Böhmerwald möglich machen wird, ist weiterhin offen. Kellermann: "Wir bereuen dennoch nichts, es war die richtige Entscheidung."

Jobmotor Tourismus

Im September 2007 hat der Österreichische Gemeindebund in einer eigenen Tourismusdeklaration festgehalten, dass "im Sinne der Nachhaltigkeit verstärktes proaktives Handeln der Gemeinden im touristischen Bereich erforderlich ist". Untermauert wird diese Forderung durch die Studie "Der Stellenwert des Tourismus für die Gemeinden" vom Österreichischen Institut für Raumplanung (ÖIR). Speziell für kleine und mittlere Gemeinden trage die Tourismus- und Freizeitwirtschaft zu einer Stabilisierung der "lokalen und regionalen Wirtschaft bei", heißt es darin.

So entfallen mehr als 70 Prozent aller Nächtigungen auf Gemeinden mit bis zu 5000 Einwohnern. "Etwa jeder fünfte Vollarbeitsplatz wird in den kleinen und mittleren Gemeinden durch Impulse der Tourismus- und Freizeitwirtschaft generiert", erhob das ÖIR 2008.

Peter Zellmann, Leiter des Instituts für Freizeit- und Tourismusforschung in Wien, ist ohnehin der Auffassung, dass der Tourismus weit mehr als ein "Rettungsanker" für die 2357 Gemeinden ist, von denen 2009 bereits 1642 defizitär waren. Er sieht ihn "volkswirtschaftlich betrachtet als einzig echten Hoffnungsmarkt". Durch "personenbezogene Dienstleistung" würden Arbeitsplätze vor Ort gesichert. Das wirke zugleich der Landflucht entgegen, erläutert der Institutsleiter.

Laut einer Market-Umfrage im Krisenjahr 2009 waren 70 Prozent der Befragten überzeugt, dass "die touristische Stärke Österreichs wesentlich dazu beiträgt, dass die Krise hier weniger spürbar ist". Doch, so kritisiert Zellmann, bei den meisten Politikern vermisse er dieses Bewusstsein. Als aktuelles Beispiel nennt er die steirische Gemeinde Fohnsdorf mit ihrer verlustträchtigen Therme. Anstelle das "Alleinstellungsmerkmal der Region" zu vermarkten, habe der Gemeinderat "blauäugig" und ohne Berücksichtigung der regionalen Gegebenheiten die "x-te Therme" errichten lassen.

"Stille Nacht" als Attraktion

Im Salzburger Tennengau wird jetzt auf besagtes Alleinstellungsmerkmal gesetzt. Der Bezirk Hallein gilt seit dem Aus der Papierproduktion in der Stadt Hallein 2009 als Krisenregion. In der Bezirkshauptstadt will man nun einen Stille Nacht-Tourismus ankurbeln. Der Komponist des berühmten Weihnachtslieds, Franz Xaver Gruber, war Organist in der Stadtpfarrkirche. Man hat sogar einen Antrag auf Aufnahme des Lieds in die Liste des Unesco-Weltkulturerbe gestellt.

In Hallein hat man mit der Umwandlung von industriell genutztem Raum in eine Tourismus- und Kultureinrichtung bereits positive Erfahrungen. Nach Ende der Salzproduktion am Dürrnberg 1989 ist die Pernerinsel wichtige Produktionsstätte der Salzburger Festspiele geworden. (ker, mro, neu, DER STANDARD; Print-Ausgabe, 3.2.2010)

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    An Postkartenmotiven mangelt es nicht. Im Fremdenverkehr liegt die Hoffnung vor allem für viele kleinere Gemeinden.

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