"Die Türkei ist eine Quelle der Inspiration"

2. Februar 2011, 17:48
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Politik- und Wirtschaftsexperte Özgür Ünlühisarcikli: Islamisten in Ägypten und Tunesien werden sich nach AKP-Vorbild demokratisieren

Die Islamisten in Ägypten und Tunesien werden dem Vorbild der türkischen Regierungspartei AKP folgen und sich demokratisieren, glaubt der Politik- und Wirtschaftsexperte Özgür Ünlühisarcikli. Markus Bernath sprach mit ihm.

STANDARD: Wenn man sich die Wortmeldungen türkischer Politiker und Unternehmer in diesen Tagen anhört, dann hat die Türkei die Revolution in den arabischen Ländern gemacht: eine demokratische, wirtschaftlich erfolgreiche, überwiegend muslimische Nation, die zum Vorbild der arabischen Bevölkerung geworden ist. So war das also?

Ünlühisarcikli: So weit würde ich nicht gehen. Entwicklungen von solchem Ausmaß haben mehr als einen Grund. Richtig ist aber, dass die Türkei eine Quelle der Inspiration für diese Länder ist, und vielleicht mehr, als wir noch vor ein paar Monaten dachten. Wir alle hatten unsere Annahmen über den Nahen Osten, doch die Dynamik ist nun so neu und groß, dass wir unsere Vorstellungen überdenken müssen.

STANDARD: Recep Tayyip Erdogan spricht häufig mit anti-israelischen Reden die "arabische Straße" an. Jetzt forderte er Mubarak zum Rücktritt auf, nachdrücklicher als jeder andere amtierende Regierungschef. Was hat er vor?

Ünlühisarcikli: Erdogan hat zwei verschiedene Erklärungen abgegeben, eine vor und eine nach der Fernsehrede von Hosni Mubarak. Zuerst forderte er Mubarak auf, seinem Volk zuzuhören. Als Erdogan die negative Reaktion der Demonstranten in Kairo auf Mubaraks Rede gesehen hat, ging er viel weiter und verlangte indirekt den Rücktritt. Erdogans Timing war gut. Er hat sich in einer unwägbaren Situation für das Risiko entschieden. Jetzt steuern wir auf den Punkt zu, an dem die Armee gegen das ägyptische Volk gestellt wird. Sie wird nicht gegen die Bevölkerung kämpfen, und Mubarak muss dann aufgeben. Wenn das geschieht, wird Premierminister Erdogan auf der richtigen Seite der Geschichte stehen, als erster Führer, der Mubaraks Rücktritt gefordert hat. Und das ist es, was er will.

STANDARD: Die islamistischen Parteien in Ägypten und Tunesien werden wohl eine Rolle in den künftigen Übergangsregierungen übernehmen. Wie angenehm ist diese Aussicht wirklich für die konservativ-muslimische AKP in der Türkei?

Ünlühisarcikli: Die Türkei ist traditionell eine Status-quo-Macht, die keine Unsicherheiten mag. Und so sind auch die Leute, wir wollen immer eine klare Zukunft sehen. In Tunesien wie in Ägypten möchte die Türkei deshalb einen kontrollierten Übergang haben. Ist die islamistische Partei in Tunesien und mehr noch die Muslimbruderschaft in Ägypten in der Lage, dem Weg zu folgen, den der politische Islam in der Türkei genommen hat? Sich mit Demokratie und Säkularismus zu versöhnen? Ich glaube, ja. Denn: In Tunesien und Ägypten haben die Menschen "Genug!" gesagt, ganz genauso wie in der Türkei, als die Bevölkerung gegen die Alleinherrschaft der Kemalisten protestierte (zwischen 1940 und 1950, Anm.) und ein Mehrparteiensystem kam, unter Überwachung des Militärs.

Die Muslimbruderschaft wird die wirtschaftliche Realität nicht ignorieren. Ägypten ist ein Land, das den Tourismus braucht und die Auslandshilfe. Es wird kein sunnitischer Gottesstaat werden. (DER STANDARD, Printausgabe, 3.2.2011)

  • Özgür Ünlühisarcikli (37) leitet das Ankara-Büro des transatlantischen 
Thinktank German Marshall Fund.

    Özgür Ünlühisarcikli (37) leitet das Ankara-Büro des transatlantischen Thinktank German Marshall Fund.

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