Licht und Schatten im "Jahr der Chemie"

2. Februar 2011, 15:53
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2011 steht ein Doppeljubiläum an - während es in Österreich an Chemielehrern mangelt

Wien - Die Vereinten Nationen haben 2011 zum "Internationalen Jahr der Chemie" erklärt. Unter dem Motto "Chemie - unser Leben, unsere Zukunft" soll an die Errungenschaften der Forschungsdisziplin erinnert und das Interesse junger Menschen an dem Fach gesteigert werden, wie es seitens der UNESCO heißt. Anlässe gibt es zwei: 2011 jährt sich zum 100. Mal die Verleihung des Chemie-Nobelpreises an Marie Curie, die 1911 als erste Frau in diesem Fachgebiet die Auszeichnung für bahnbrechende Erkenntnisse über die Radioaktivität erhielt. Im selben Jahr wurde der "Internationale Verband der chemischen Gesellschaften" (IACS) gegründet. In Österreich wird das "Jahr der Chemie" am Donnerstag von Wissenschaftsministerin Beatrix Karl in Wien eröffnet.

Bei der internationalen Eröffnung des "Jahrs der Chemie" vergangene Woche in Paris verwies UNESCO-Generaldirektorin Irina Bokowa nicht nur auf die guten Seiten der Chemie, man wolle "auch ihre gefährlichen und giftigen Aspekte berücksichtigen". "Entwicklungsländer sollten nicht die selben Fehler machen wie Europa und Amerika und chemische Produkte in der Landwirtschaft einsetzen." Die Vereinten Nationen wollen zudem einen Schwerpunkt auf "grüne Chemie" legen und herausstellen, was sie positiv zur Debatte um den Klimawandel und zum Umweltschutz beitragen kann. "Solarenergie und Biokraftstoffe sind auch zum Teil Chemie", sagte Bokowa.

In Österreich werden sich die öffentlichkeitswirksamen Aktivitäten auf die "Woche der Chemie" von 1. bis 10. Oktober konzentrieren. Nach derartigen Veranstaltungen in den Jahren 2004 und 2006 soll dabei wieder "bei österreichweiten Aktionen und Veranstaltungen die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit auf die Chemie als wichtigen Wirtschafts- und Wissenschaftszweig" gelenkt werden, wie es seitens der Gesellschaft Österreichischer Chemiker (GÖCH) heißt. Ein Programm für diese Woche steht noch nicht fest.

Lehrermangel

Doch trotz der Feierlichkeiten ist nicht alles eitel Wonne: "Gravierende Probleme" beim Nachwuchs von Chemie-Lehrern ortet nämlich der Präsident der Gesellschaft Österreichischer Chemiker (GÖCH), Herbert Ipser. Im vergangenen Jahrzehnt haben im Schnitt nur rund 25 Personen pro Jahr ein Lehramt für Chemie an einer heimischen Uni abgeschlossen. Dem steht in den kommenden Jahre eine erwartete Pensionierungswelle bei Chemielehrern gegenüber. "Diesen Bedarf kann man mit diesen Absolventenzahlen nicht abdecken, das ist eine wirklich ernste Sorge", so Ipser.

Schon jetzt müssten höhersemestrige Studenten über Sonderverträge an Schulen unterrichten. "Das ist nicht Sinn der Sache, aber die Direktoren wissen sich nicht anders zu helfen", erklärte Ipser, der Vorstand des Instituts für Anorganische Chemie und Materialchemie an der Uni Wien ist. Im vergangenen Jahr hat die GÖCH begonnen, in 7. und 8. AHS-Klassen für das Lehramtsstudium Chemie zu werben. "Das Problem ist, dass jemand, der Chemie studiert, schon wirklich ein Herz für den Lehrberuf haben muss. Denn in der Industrie geht es einem momentan besser", betonte Ipser unter Hinweis vor allem auf das schlechte Image der Lehrer.

Pensionierungswelle verschlimmert Situation

Eckehard Quin, Vorsitzender der AHS-Lehrergewerkschaft und selbst Chemie-Lehrer, schätzt, dass in den nächsten acht bis zehn Jahren die Hälfte der Chemie-Lehrer in Pension geht. In den meisten Regionen gebe es jetzt schon einen Mangel - vor allem in den großen Bundesländern Wien, Niederösterreich und Oberösterreich. Neben Sonderverträgen helfen sich die Schulen mit Überstunden von regulären Chemie-Lehrern bzw. Inhabern der "Kleinen Chemie": Bio- und Physik-Lehrer durften früher durch das Absolvieren einiger Lehrveranstaltungen in der Unterstufe Chemie unterrichten - diese Möglichkeit gibt es zwar mittlerweile nicht mehr, die Inhaber dieser Berechtigung sind aber nach wie vor im Einsatz.

Anders ist die Situation beim Diplom- bzw. Bachelor-Studium Chemie: Hier gab es im Schnitt der vergangenen Jahre rund 500 Studienanfänger, die Absolventenzahl pendelt zwischen 150 und 200 pro Jahr. Nach Angaben des Fachverbands der chemischen Industrie haben diese Absolventen derzeit gute Berufsaussichten. Laut Ipser zeichnet sich nach der Wirtschaftskrise sogar ein Mangel an Fachkräften ab, nicht nur auf akademischen Niveau, sondern auch bei Absolventen von Fachschulen oder einer Lehre.

Je höher die Ausbildung, desto besser sind auch die Chancen, ist der GÖCH-Chef überzeugt. Die Wirtschaft schätze einen Abschluss wie das Doktorat, bei dem man schon mehrere Jahre selbstständig gearbeitet haben muss. Dagegen ist Ipser skeptisch, was die Beschäftigungsfähigkeit von Bachelor-Absolventen angeht. Seine Erfahrung ist, "dass alle, die irgendwie Interesse an dem Studium haben, auch gleich ein Masterstudium anschließen".

Frustrationen

Die Studienanfänger- und Absolventenzahlen zeigen aber auch die hohe Drop-Out-Rate in dem Studium von 50 bis 70 Prozent. Den Grund dafür sieht Ipser in der "völlig falschen Vorstellung, mit denen viele Studenten kommen". Viele hätten von Biochemie gehört, wollen den Geheimnissen der Natur auf die Spur kommen "und merken dann, dass man dafür auch Grundlagen braucht, an denen sie schließlich scheitern".

Ipser räumt ein, dass Schülern das Interesse am Fach oft schon in der Schule vermiest werde: "Daher würde uns ja sehr daran liegen, dass wir viele engagierte Chemielehrer haben." Der GÖCH-Präsident fordert auch mehr Chemie-Unterricht an den Schulen. Derzeit werden an einer AHS nur in der 4., 7. und 8. Klasse je zwei Stunden Chemie pro Woche unterrichtet, da könne man keine Affinität zu dem Fach aufbauen. Auch Role-Models, wie es sie in anderen Fächern durchaus gibt, fehlen der Chemie offensichtlich, "da tun wir uns momentan ein bisschen schwer", meint Ipser. (APA/red)

 

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