Eine romantisch verklärte Vorstellung vom "reichen Ausland“

2. Februar 2011, 15:43
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Radmila Marković* kam im Alter von 19 Jahren nach Österreich. Im daStandard-Interview erzählt die heute 58jährige von den ersten Jahren in der neuen Heimat

Sie kamen als arbeitende Gäste und verbrachten ihr Leben in Österreich. Ihre Geschichten sind weitgehend unbekannt. In unserer neuen Serie dageblieben lassen wir die  MigrantInnen der ersten Generation zu Wort kommen. Den Anfang macht Radmila Marković mit ihrer Geschichte über die erste Wohnung in Österreich, die sie das "Kellerloch" nennt, über illegale Arbeit, das berühmt-berüchtigte "Tschuschendeutsch" und über ihre romantisch verklärte Vorstellung vom "reichen Ausland".

daStandard.at: Frau Marković*, wann kamen Sie nach Österreich?

Marković: Ich kam 1972 hierher. Mein Mann war bereits mehrere Monate in Wien. Er arbeitete am Bau. Nachdem er eine kleine Wohnung für uns gefunden hatte, konnte ich nachkommen.

daStandard.at: Was waren die Gründe für Ihre Auswanderung?

Marković: Vor allem die Perspektivlosigkeit im damaligen Jugoslawien. Mein Mann und ich kommen aus demselben Dorf in Serbien. Der Großteil der Einwohner arbeitet dort in der Landwirtschaft - auch heute noch. Die Aussicht darauf, für wenig Geld am Land hart zu schuften, war wenig verlockend. Genauso wie der Gedanke daran, mit meinen Schwiegereltern im selben Haus zu wohnen (lacht). Auch hatten wir eine romantisch verklärte Vorstellung vom "reichen Ausland". Wir dachten, dass wir dort in kurzer Zeit viel Geld sparen können würden.

daStandard.at: Wo haben Sie nach Ihrer Einreise gewohnt?

Marković: Unsere erste Wohnung war ca. 40 Quadratmeter groß und im Parterre eines heruntergekommenen Miethauses. Es war ein schlauchartiges, dunkles Kellerloch mit nur einem Wasseranschluss und einem Fenster. Keine Dusche, WC am Gang. Als ich sie zum ersten Mal sah, war ich aus Verzweiflung den Tränen nahe. Dass so etwas legal vermietet werden konnte ... Das war einer der wenigen Momente seit meiner Ankunft in Österreich, in dem ich wieder zurück wollte.

daStandard.at: Ihr Mann arbeitete am Bau, welcher Tätigkeit gingen Sie nach?

Marković: Ich habe mich zunächst bewusst gegen das Arbeiten entschieden. Der Lohn meines Mannes reichte aus und es war mir wichtig, bei den Kindern zu sein. Außerdem hatte ich mit dem Haushalt genug um die Ohren. Wir hatten damals ja weder eine Waschmaschine, noch andere Geräte, die heutzutage selbstverständlich sind. Erst als die Kinder größer waren, habe ich mich nach Arbeit umgesehen. Und schnell frustriert festgestellt, dass es für eine Frau aus Jugoslawien fast unmöglich ist, legale Arbeit zu bekommen.

daStandard.at: Woran lag das Ihrer Meinung nach?

Marković: Damals war es noch nicht selbstverständlich, dass Frauen überhaupt arbeiten gehen. Dann war mein Deutsch viel schlechter als heute, auch war ich nicht gut genug ausgebildet. Und die Arbeitgeber suchten natürlich billige Arbeitskräfte, die es haufenweise gab. Was ist billiger, als einen Menschen illegal um wenig Geld zu beschäftigen?

daStandard.at: Also haben auch Sie illegal gearbeitet?

Marković: Ja, es blieb mir nichts anderes übrig. Die Kinder wurden größer, kosteten mehr Geld, die Wohnung war teuer, die jährliche Urlaubsreise nach Serbien verschlang Unsummen. Nicht, dass wir im Urlaub soviel ausgegeben hätten. Aber es mussten natürlich Geschenke für die Familie mitgebracht werden. Auch griffen wir meinen Schwiegereltern unter die Arme.

daStandard.at: Was waren Ihre ersten Arbeitsstellen?

Marković: Zuerst habe ich in einer Gärtnerei, dann in einer Schneiderei gearbeitet und später in einem Supermarkt Regale geschlichtet.

daStandard.at: Erinnern Sie sich noch an Ihren damaligen Stundenlohn?

Marković: In der Schneiderei habe ich Kleider gebügelt und pro Kleid gab es, wenn ich mich richtig erinnere, ungefähr 50 Groschen. Im Supermarkt müssen es ca. zehn Schilling pro Stunde gewesen sein.

daStandard.at: Hatten Sie an Ihren Arbeitsplätzen die Möglichkeit mit ÖsterreicherInnen zu kommunizieren?

Marković: Erst im Supermarkt. Aber nicht alle Kollegen waren freundlich. Einige haben mit mir im berühmten Tschuschendeutsch gesprochen. Und wenn sie nicht wollten, dass ich sie verstehe, haben sie besonders schnell oder im Dialekt geredet. Da kam ich nicht mit und hatte immer das unschöne Gefühl, dass sie über mich sprechen. Das wäre heute kein Problem mehr.

daStandard.at: Wie haben Sie Deutsch gelernt?

Marković: Die notwendigsten Dinge haben uns Freunde, die schon länger hier waren, beigebracht. Vieles, etwa Bezeichnungen für Obst und Gemüse, habe ich beim Einkaufen aufgeschnappt. Anderes beim Fernsehen. Und ganz viel durch Gespräche mit der damaligen Nachbarin, einer pensionierten Lehrerin. Sie hatte keine Kinder und wurde über die Jahre eine Art Ersatzmutter für mich. Für die Kinder war sie immer "die Oma" gewesen. Sie war eine der wenigen, die korrektes Deutsch mit mir gesprochen und mich ausgebessert hat, wenn ich Fehler machte.

daStandard.at: Wie lange wollten Sie ursprünglich in Österreich bleiben?

Marković: Nur ein paar Jahre, höchstens fünf. Wir träumten vom eigenen Haus in der Heimat und wollten Geld zusammensparen, um diesen Traum zu verwirklichen. Wir waren jung, naiv und dachten, dass das in fünf Jahren machbar sein müsste (lacht). Aber obwohl wir sparsam gelebt haben, blieb nicht viel übrig. Nicht zuletzt auch deshalb, weil wir die Familie meines Mannes finanziell unterstützten. Als unser Sohn dann schulpflichtig wurde, mussten wir entscheiden: Wo soll er in die Schule gehen? Mein Mann wollte zurückkehren, ich hier bleiben. Hier hatten wir eine Wohnung, ein regelmäßiges Einkommen und die Hoffnung auf gute Zukunftsperspektiven für die Kinder. Ich habe mich durchgesetzt (lacht), wir sind hier geblieben und beide sehr froh darüber.

daStandard.at: Sie würden heute also nicht anders entscheiden?

Marković: Auf keinen Fall! Auch wenn es in den ersten Jahren hier sehr schwer für uns war. Aber alles, was wir uns erwirtschaftet haben, hätten wir uns in Serbien nie leisten können. Damit meine ich nicht nur Wohnung, Auto und Urlaube. Sondern auch, dass wir unsere Kinder großziehen und ihnen eine gute Ausbildung ermöglichen konnten. Beide haben studiert und tolle Jobs: Unser Sohn ist Chemiker und unsere Tochter im Management-Bereich tätig. (Meri Disoski, 02. Februar 2010, daStandard.at)

* Name von der Redaktion geändert

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