"Mit den Türken kann immer alles passieren"

2. Februar 2011, 17:01
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Spieler-Manager Max Hagmayr über schweißtreibende Verhandlungen mit türkischen Vereinen, private Investoren im Transferkarussell und drittklassige Spanier, die in der Bundesliga aufgeigen

"In den letzten vier Jahren war ich drei Mal im Spital - weil ich dachte, ich hätte einen Herzinfarkt". Das sagte Spieler-Manager Max Hagmayr einmal zum Stichwort Stress. Der Mann, der einst für VOEST Linz, den Karlsruher SC, Rapid Wien und den LASK kickte, ist ein Hansdampf in allen Gassen, betreut über 100 heimische Fußballprofis, darunter Teamspieler wie Daniel Beichler, Ümit Korkmaz, Stefan Maierhofer oder Jimmy Hoffer. Über unberechenbare türkische Transferpoker, die Unvermittelbarkeit von heimischen Talenten nach Spanien und warum private Investoren dem Spielermarkt schaden könnten, sprach er mit Florian Vetter.

derStandard.at: Fernando Torres wechselt für 60 Mio. Euro zu Chelsea. Auch in Deutschland wurde wieder mehr investiert. Geht's dem internationalen Fußball finanziell wieder gut?

Max Hagmayr: Das glaube ich nicht. Die Vereine, die finanziell stark sind, investieren. Und Spieler mit Qualität kosten nach wie vor Geld. Die anderen bleiben auf der Strecke.

derStandard.at: Am 31. Jänner war traditionell Transferschluss: War das ein Montag der Panik?

Hagmayr: Ich empfand es nicht als Panik. Viele Transfers werden halt lange vorbereitet und funktionieren erst am Ende.

derStandard.at: Salzburg scheiterte beim Robert Vittek-Deal an einem defekten türkischen Faxgerät und drei Minuten Verspätung. Wenn Spielertransfers derart ablaufen, greift sich ein Außenstehender doch auf den Kopf oder?

Hagmayr: Das ist richtig. Bei Transfersummen und Spielergehältern wird aber oft bis zum Schluss gepokert. Wenn ein Klub einen Spieler wirklich will, dann wird auch der Preis in die Höhe getrieben. Da brauchen sich die Türken jetzt nicht auf die Nase greifen. Wenn das Faxgerät nicht funktioniert, dann schicke ich den Vertrag halt von einer anderen Stelle weg. Das hat mich sehr verwundert. Mit den Türken kann aber immer alles passieren, wenn du nicht vor Ort bist und ihnen die Hand führst. Das hat uns in Verhandlungen schon viele Nerven gekostet. Als Unternehmer in der Privatwirtschaft könnte man so nicht arbeiten.

derStandard.at: Was halten sie vom Projekt "Rising Stars" der Austria Wien, wo Fußballer von privaten Investoren finanziert werden, die an den Ablösesummen mitkassieren dürfen?

Hagmayr: Die Idee ist nicht neu und hat ein paar Haken. Für mich stellen sich einige Fragen: Was passiert, wenn ein Spieler keinen Vertrag mehr hat? Was geschieht dann mit der nicht existenten Transferentschädigung? Wer zwingt den Verein, einen Spieler unter Vertrag zu halten? Ich möchte nicht die Investoren im Nacken haben, die ihr Geld zurück haben wollen beziehungsweise den Gewinn, den man ihnen ja eigentlich verspricht. Fußball ist komplex. Der Erfolg hängt vom Verein und vom Trainer ab, der den Spieler fördert oder eben nicht. Das Privatleben des Profis spielt eine Rolle: Gibt es Befürchtungen eines Leistungsabfalls? Wenn es schief geht: Zahlt der Verein die Investitionssumme plus Zinsen zurück? Ich weiß nicht, ob dieses Geschäftsmodell das Gelbe vom Ei ist. Das ist auch eine Gefahr für die Mannschaft. Spielt dann derjenige, der Investoren im Rücken hat und mein Spieler sitzt auf der Bank? Das kann es doch nicht sein.

derStandard.at: In Österreich rollt eine spanische Welle an. Werden billige Retter verzweifelt gesucht?

Hagmayr: Grundsätzlich ist es keine schlechte Entwicklung, wenn man seine Fühler in Richtung Spanien ausstreckt. Was mich stört, ist, dass diese Leute zweit- oder drittklassiges Niveau haben und in ihrer Heimat keine Verträge mehr bekommen. Bei uns geigen sie dann in der Bundesliga auch noch auf. Das stimmt mich nachdenklich. Wie soll ich dann einen österreichischen Spieler nach Spanien vermitteln? Die dortigen Vereine fragen mich dann, was wir für ein schlechtes Niveau haben in der heimischen Liga.

derStandard.at: Am "Calciomercato" in Mailand werden jeden Jänner und August Fußballer zu Bestpreisen verklopft. Kommt das einem modernen Sklavenmarkt gleich?

Hagmayr: Als Sklavenmarkt würde ich es nicht bezeichnen. Außerdem: Der Sklave von mir möchte ich sein. Wenn ich so viel Geld verdiene und so gut leben kann, dann hat das nichts mit Ausbeutung zu tun. Die Entscheidung liegt letztendlich beim Spieler. Es spielt sich aber nicht wie auf einem Viehmarkt ab, die Manager sind alle sehr gut gekleidet. Ob am Parkplatz, im Hotelzimmer oder im Flieger, wo verhandelt wird kann ich mir auch nicht aussuchen. Zu Transferschluss bin ich wegen einem Transfergespräch um 11 Uhr in Deutschland angekommen, hab im Maritim-Hotel in Düsseldorf bis um 12.30 Uhr verhandelt und bin um 13 Uhr wieder heimgeflogen. Das ist für mich so, wie wenn sie zum Meinl oder Billa einkaufen gehen. Oder sie treffen sich mit jemandem auf einen Kaffee.

derStandard.at: Welche Auswirkungen werden die von der Uefa beschlossenen Regeln von Financial Fairplay auf den Transfermarkt haben? (Anm.: Die Financial Fairplay-Kriterien besagen, dass von der Saison 2013/2014 an nur noch die Klubs international spielen dürfen, die einen ausgeglichenen Haushalt aufweisen. Die Bilanzen der kommenden Saison werden erstmals in die Bewertung einfließen)

Hagmayr: Bisher war es schon so, dass Vereine keine offenen Forderungen gegenüber Spielern haben durften, um im Europacup spielen zu können. Das wurde genauso wenig genau durchgehalten, wie alle anderen Vorstöße in diese Richtung. Die Vereine finden immer Wege, derartige Regelungen zu umgehen. Wie soll Real Madrid mit über 300 Millionen Euro Schulden in einem Jahr ausgeglichen bilanzieren? Gibt es einen Schuldenerlass? Darauf bin ich sehr gespannt. Grundsätzlich begrüße ich es, wenn Vereine ordentlich wirtschaften. Dann gibt es weniger Gehaltsforderungen für meine Spieler und auch für meine Firma.

derStandard.at: In Österreich wurde trotzdem zurückhaltend investiert, knapp 40 Spieler wurden in der Bundesliga verpflichtet oder abgegeben. Wohin geht die Entwicklung am heimischen Transfermarkt?

Hagmayr: Qualität wird immer vorrangig sein. Der Wintertransfermarkt ist aber immer schwieriger, weil du kaum ablösefreie Spieler findest, die Spielpraxis haben. Man bekommt meist nur Leute, die gerade irgendwo Probleme haben und nicht eingesetzt werden. Für alles andere muss man viel zahlen. Kein Verein lässt einen guten Mann ziehen, den er braucht. Außer er wird mit Geld erschlagen, wie im Fall von Fernando Torres.

derStandard.at: Zu einem ihrer Klienten: Hat Daniel Beichler das Kapitel Deutschland zu früh abgehakt?

Hagmayr: Nein. Ich bin grundsätzlich dagegen, zu früh zu gehen. Man muss alles versuchen, um sich durchzusetzen. Wenn es aber mit dem Trainer nicht geht, dann muss man etwas unternehmen. Berlin wollte Beichler nicht hergeben, aber von Babbel gab es kein Feedback mehr, es war kein Weiterarbeiten möglich. Dasselbe Problem gab es bei Korkmaz, der einen Konflikt mit Skibbe hatte. Die Karriere des Spielers muss in jedem Fall in Schwung gehalten werden.

derStandard.at: Ist der Wechsel von Robert Gucher von Frosinone zu Kapfenberg kein Abstieg?

Hagmayr: Nein. Anfangs lief es ja gut: Gucher und auch Elsneg waren unter den jüngsten Spielern in der Serie B. Frosinone hat sich als Verein aber nicht so entwickelt wie es den Anschein hatte. Es gab zu viele Trainerwechsel, im Abstiegsstrudel spielt ein italienischer Verein nicht mit Jungen. Wir mussten die Notbremse ziehen.

derStandard.at: Zum Schluß ein Alex Ferguson-Zitat: "Der Transfermarkt kennt keinen Wertemaßstab". Ihre Meinung?

Hagmayr: Am Ende des Tages ist der Marktwert eines Spielers das, was ein Verein für ihn zahlt. Das ist die Quintessenz. Was nützt es mir, wenn mein Spieler mit drei Millionen Euro bemessen wird und ich muss ihn aber um 500.000 Euro verkaufen? Was ist der Spieler wert? Richtig: 500.000. (Florian Vetter, derStandard.at, 2.2.2011)

Max Hagmayr ist Gründer und Geschäftsführer der HAGMAYR Sportmanagement GmbH. Er kickte für VOEST Linz, den Karlsruher SC, Rapid Wien und den LASK. Heute gilt der 55-Jährige als einer der umtriebigsten Spielermanager des Landes und betreut zig Profifußballer im In- und Ausland bei ihren Vertragsagenden.

  • Max Hagmayr: "Wie soll ich einen österreichischen Spieler nach Spanien vermitteln? Die dortigen Vereine fragen mich dann, was wir für ein schlechtes Niveau haben in der heimischen Liga."
    foto: hagmayr sportmanagement gmbh

    Max Hagmayr: "Wie soll ich einen österreichischen Spieler nach Spanien vermitteln? Die dortigen Vereine fragen mich dann, was wir für ein schlechtes Niveau haben in der heimischen Liga."

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