"Extreme Gefühle"

2. Februar 2011, 15:21
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Felix Neureuther ist voll der Vor­freude auf die WM in seinem Hei­matort Garmisch - Als Vorjahres­sieger zählt er wie 30 andere "Jungs" zu den Medaillen­kandidaten - ein Interview

In der kommenden Woche beginnen die alpinen Ski-Weltmeisterschaften in Garmisch-Partenkirchen. Bei der Generalprobe im vergangenen Jahr haben Sie den Slalom gewonnen. Mit welchen Gefühlen sehen sie der WM entgegen?

Neureuther: Nur mit positiven Gefühlen. Garmisch, meine Heimat. Meine Freunde. Der Berg, meine Liebe. Da bin ich einfach schon extrem heiß drauf. Da bin ich schon seit fünf Jahren heiß drauf (Anm.: seit der Vergabe der WM) - auf diesen einen Moment, dort dann am Start zu stehen. Das ist mit Sicherheit das Größte und Schönste, was einem Sportler in seiner Karriere passieren kann. Wenn man in seinem eigenen Land, in seiner eigenen Stadt eine Weltmeisterschaft erleben darf. Das sind meine Gefühle und die sind natürlich schon extrem.

Besteht da nicht die Gefahr, dass man überdreht und sich zuviel vornimmt?

Neureuther: Die Gefahr besteht eigentlich immer. Speziell beim Slalom. Man muss genau die richtige Mischung zwischen Sicherheit und Risiko finden. Und genau diese Mischung probiere ich zu finden. Natürlich ist man durch die ganzen Leute und die Zuschauer extrem motiviert. Aber ich denke, ich habe schon letztes Jahr gezeigt, dass ich diesem Druck standhalten kann, auch wenn dort unten tausende Menschen stehen und einem zujubeln. Man weiß, es hat schon einmal funktioniert. Und dann probiert man auch nicht zu überpacen.

Würden Sie sich zu den Favoriten im Slalom zählen?

Neureuther: Es gibt viele Favoriten. Bei den Herren können meiner Meinung nach 30 Jungs eine Medaille gewinnen. Das ist extrem von der Tagesform abhängig. Ich gehöre sicher zu den Favoriten auf eine Medaille, ich habe dort letztes Jahr gewonnen. Da ist man automatisch Favorit. Ich habe also selber Schuld, dass ich zum engeren Favoritenkreis dazu gehöre. Aber das ist eigentlich auch ein gutes Gefühl. Aber, wie gesagt, es können auch sehr viele andere gewinnen. Und da muss man auch sehr aufpassen, dass man nicht zu sehr rausposaunt: Ich will Gold. Das werde ich mit Sicherheit nicht machen.

Also lieber ein bisschen Understatement?

Neureuther: Definitiv!

Sie kennen den Gudiberg in- und auswendig. Haben Sie dort einen Heimvorteil?"

Neureuther: "Gut, ich bin den Berg so oft herunter gefahren wie sonst kein anderer. Das ist mit Sicherheit ein Vorteil. Ich glaube auch, dass es ein Vorteil ist, wenn man die Atmosphäre in der Stadt, die jetzt schon greifbar ist, weit vor der Konkurrenz aufsaugen kann. Das gibt Dir so ein gutes Gefühl und so eine große Vorfreude, dass Du automatisch einen Vorteil gegenüber den Konkurrenten hast. Und nicht nur, weil man den Berg schon so gut kennt."

Nun ist dies nicht Ihre erste WM ...

Neureuther: ... ja, das ist schon meine fünfte.

Können Sie die bisherigen etwas Revue passieren lassen? Sie hatten ja stets spektakuläre Auftritte, wenn auch nicht immer erfolgreich.

Neureuther: 2003 war natrlich ein großer Knall. Ich bin davor noch nie einen Weltcup-Slalom gefahren. Das war mein erster großer Auftritt und habe dann als ganz junger Kerl im zweiten Durchgang direkt Laufbestzeit gefahren. Das war etwas ganz Besonderes für mich. 2005 in Bormio sind wir dann Team-Weltmeister geworden. Im Slalom bin ich damals Bestzeit gefahren, war im Spezial-Slalom auch sehr gut unterwegs, habe aber dann einen riesigen Fehler gemacht und bin nur 19. geworden. 2007 war ich Zweiter nach dem ersten Durchgang, mit Zwischen-Bestzeit kurz vor dem Ziel ausgeschieden. Das war natürlich extrem bitter.

So nahe waren Sie nie dran an einer Einzelmedaille, die Enttäuschung damals muss groß gewesen sein?

Neureuther: Ich kann mich noch erinnern, als ich damals ausgeschieden war, da war ich sehr sauer. Und als ich dann ins Ziel kam, da stand dann auch noch ein Dopingkontrolleur und ich wurde zur Dopingkontrolle ausgelost. Und dann stehst Du da mit den ganzen Siegern bei der Dopingkontrolle - alle jubeln und Du musst das auch noch alles ertragen. Das hat mich gepackt. Eine Woche später bin ich in Garmisch Zweiter geworden beim Weltcup-Slalom. Das war dann etwas Entschädigung.

2009 war es auch sehr knapp, sie wurden Vierter.

Neureuther: Und nur ein paar Hundertstel haben zur Medaille gefehlt. Insgesamt ist das ein ganz guter Trend. Ich habe sehr gut angefangen, bin in Bormio Team-Weltmeister geworden und war zwischendurch schon mal Zweiter. Vielleicht reicht es jetzt in diesem Jahr für ganz oben.

Sie waren Team-Weltmeister 2005. Fühlen Sie sich als Weltmeister?

Neureuther: Damals ist die WM nicht gut für den DSV gelaufen. Wir hatten bis dahin noch keine einzige Medaille gewonnen und sind dann Team-Weltmeister geworden. Obwohl das niemand von uns erwartet hat. Das war etwas unglaublich Schönes und ein ganz ganz tolles Gefühl. Auch wenn eine Einzel-Medaille schon noch einen anderen Stellenwert hat, die Medaille als Team-Weltmeister hat für mich einen ganz großen Stellenwert.

Werden Sie bei Ihrer Heim-WM denn Heimschläfer sein?

Neureuther: Nein, ich schlafe im Teamhotel. Da habe ich mehr Ruhe und da sind auch alle Trainer und Physiotherapeuten. Es ist wesentlich einfacher für mich, im Teamhotel zu schlafen. Daheim wird man zu sehr abgelenkt. Da kommt der, und dann will der was ... Im Hotel habe ich meine Ruhe.

 "Nachdem Sie im vergangenen Jahr in Garmisch-Partenkirchen gewonnen haben: Neigen Sie dazu, den Tagesablauf bei der WM zu gestalten wie damals, um vielleicht auch das gleiche Ergebnis zu erzielen?"

Neureuther: (grinst) Es kann schon sein. Man hält schon sehr gerne an etwas fest, was damals funktioniert hat. So einen kleinen Aberglauben hat man schon.

Können Sie ein Detail verraten? Muss sich Ihr Vater auch wieder an den gleichen Fleck im Wald stellen wie im Vorjahr?

Neureuther: (lacht) Das kann schon sein, dass sich der Papa an den gleichen Fleck im Wald stellt, weil es letztes Jahr auch funktioniert hat. Aber das weiß ich nicht. Ich geh grundsätzlich immer zuerst in den linken Skischuh und in den linken Ski rein. Aber das mache ich vor jedem Rennen. Es würde mich stören, wenn ich das jemals anders herum machen würde. Ich weiß aber nicht warum. Ich bin zwar Rechtshänder, aber der linke Fuß muss immer zuerst in den Skischuh rein. (sid)

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    Neureuther: "Es können auch sehr viele andere gewinnen. Und da muss man auch sehr aufpassen, dass man nicht zu sehr rausposaunt: Ich will Gold. Das werde ich mit Sicherheit nicht machen."

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