Lebensqualität - kein Thema für Fachfrauen

4. Februar 2011, 15:54
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Protest regt sich: Deutsche Enquete-Kommission "Wachstum, Wohlstand, Lebensqualität" verzichtet auf die Expertise von Frauen aus Wissenschaft und Praxis

Mitte Januar hat die in Deutschland neu eingesetzte Enquete-Kommission "Wachstum, Wohlstand, Lebensqualität - Wege zu nachhaltigem Wirtschaften und gesellschaftlichen Fortschritt in der Sozialen Marktwirtschaft" ihre Arbeit aufgenommen. Wie es auf der Seite der Kommission heißt, soll sie "den Stellenwert von Wachstum in Wirtschaft und Gesellschaft ermitteln, einen ganzheitlichen Wohlstands- und Fortschrittsindikator entwickeln und die Möglichkeiten und Grenzen der Entkopplung von Wachstum, Ressourcenverbrauch und technischem Fortschritt ausloten".

Damit reagiert Deutschland auf einen in Europa schon lange bestehenden Diskurs über das für viele nicht mehr selbstverständliche Verhältnis zwischen Wachstum, Wohlstand und Lebensqualität: In den Ländern Südeuropas existiert dazu seit mehreren Jahren eine breit gefächerte soziale Bewegung. Seit einigen Jahren ist diese kritische Perspektive auch in Großbritannien durch die Arbeiten der dortigen "Sustainable Development Commission" angekommen. Die vom französischen Präsidenten Sarkozy eingerichtete Stiglitz-Sen-Fitoussi-Kommission hat einen umfangreichen Bericht dazu erarbeitet. Und nun findet dieses Thema auch in Deutschland Beachtung.

Die Kommission ist paritätisch durch je 17 Bundestagsabgeordnete und von den Parteien vorgeschlagene Sachverständige besetzt: Experten sollen aus fachlicher Perspektive die Arbeit der Kommission unterstützen. Was allerdings auf Widerstand stößt, ist die Tatsache, dass kein einziges der 17 Mitglieder weiblich ist.

"Unfassbar"

Gegen diese einseitige Besetzungspolitik haben WissenschafterInnen der Universität Marburg einen Protestappell an den deutschen Bundespräsidenten Wulff formuliert. "Forschungsgruppe starke Nachhaltigkeit und (Re)Produktivität" der Universität Marburg in Umlauf. Die ProtestführerInnen betonen, dass es gerade im Bereich nachhaltiges Wirtschaften und gesellschaftlicher Fortschritt in der Sozialen Marktwirtschaft Frauen aus Wissenschaft und Praxis sind, die sich seit Jahrzehnten mit alternativen Wohlstandsmodellen und Fragen des "guten Lebens", mit der Verbindung zwischen produktiven und reproduktiven Tätigkeiten sowie mit Geschlechter- und Generationengerechtigkeit beschäftigen.

Vor diesem Hintergrund sei es "unfassbar", dass die Auseinandersetzung mit der Frage von Wohlstand und Lebensqualität ohne die explizite Berücksichtigung dieser Beiträge und damit ohne die dort entwickelte lebensweltliche Perspektive auf die Wirtschaft erfolgen soll. "Die Besetzung der Kommission gibt so ein ganz falsches Signal", das rasch korrigiert werden sollte, heißt es. (red)

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