Überreste einer Kleingalaxie, die unsere Milchstraße verschlungen hat

2. Februar 2011, 14:53
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Astronomin: "Der Strom liegt direkt vor unserer Haustür, und doch konnten wir ihn nicht sehen"

Potsdam - Kein "Dawning of Aquarius", sondern nur noch ein mattes Nachglühen nach dem Untergang: Vor etwa 700 Millionen Jahren hat sich unsere Milchstraße eine Zwischenmahlzeit gegönnt, eine kleine Nachbargalaxis aueinandergerissen und verschlungen. Die Überreste dieser Galaxie hat ein internationales Astronomen-Team um die Neuseeländerin Mary Williams in Form eines bis dato unbekannten Sternstroms in der Milchstraße entdeckt.

"I have a stream": mit diesen Worten stellte Williams ihre Entdeckung begeistert dem Fachpublikum einer internationalen Konferenz vor. Denn der Strom, der nach dem Sternbild des Wassermanns auf "Aquarius-Strom" getauft wurde, war durchaus nicht leicht zu finden. Im Gegensatz zu fast allen bekannten Strömen befindet er sich innerhalb der galaktischen Scheibe, wo die hohe Sternenkonzentration den Blick versperrt. Der Strom als lokalisierte, geometrische Form ist im Gesamtbild zunächst gar nicht zu erkennen. "Der Strom liegt direkt vor unserer Haustür, und doch konnten wir ihn nicht sehen", so Williams.

Auf eigener Bahn

Der Fund ist Ergebnis der Vermessung der Geschwindigkeiten von 250.000 Sternen mit dem am Australian Astronomical Observatory stationierten RAVE Survey. Mit RAVE hat die Astronomin auch erstmals die Radialgeschwindigkeiten von 12.000 Sternen in der betreffenden Region vermessen. So fand sie heraus, dass sich 15 Sterne in ihrem Geschwindigkeitsmuster von den anderen unterscheiden und mit Relativgeschwindigkeiten von bis zu 15.000 km/h durch die rotierende Scheibe der Milchstraße hindurch schießen. Der Vergleich der Sternparameter mit Simulationen zeigte, dass die Sterne als Teil eines größeren Sternstroms ursprünglich von einer Nachbargalaxie stammen.

Diese traf, von der Schwerkraft der Milchstraße angezogen, vor etwa 700 Millionen Jahren auf die Milchstraße, wurde auseinandergerissen und formte aufgrund der Dynamik schließlich einen Sternstrom. Damit ist der Aquarius-Strom ein besonderer und vergleichsweise sehr junger Strom. Andere bekannte Ströme sind Milliarden von Jahre alt und in den Außenbereichen der Milchstraße lokalisiert. Bis 2012 soll RAVE die Charakteristika von bis zu einer Million Sterne unserer Milchstraße vermessen haben, man hofft auf weitere Funde.

Kleine Happen und ein dicker Brocken

"Mit RAVE wollen wir die Entstehungsgeschichte unserer Milchstraße verstehen" erläutert Matthias Steinmetz, der Projektleiter der multinationalen RAVE-Kollaboration am Astrophysikalischen Institut Potsdam. "Wir wollen wissen, wie häufig solche Verschmelzungen mit Nachbargalaxien in der Vergangenheit vorgekommen sind und welche wir in Zukunft zu erwarten haben."

In Zukunft könnte sich die Milchstraße noch weitere Zwerggalaxien aus der unmittelbaren kosmischen Nachbarschaft einverleiben, von denen einige erst in den letzten Jahren entdeckt wurden. Ein wesentlich dickerer Brocken steht ihr aber vermutlich in einem Zeitraum von drei bis zehn Milliarden Jahren bevor, wenn sie - gemäß den meisten astronomischen Prognosen - mit der Andromeda-Galaxie kollidiert. Von Verschlingen kann dann keine Rede mehr sein - statt dessen werden die beiden größenmäßig einander ebenbürtigen Galaxien zu etwas Neuem verschmelzen. (red)

  • Pink hervorgehoben ist das, was einmal eine eigene kleine Galaxie war und nun als Sternstrom durch die Milchstraße kreuzt.
    illustration: arman khalatyan, aip

    Pink hervorgehoben ist das, was einmal eine eigene kleine Galaxie war und nun als Sternstrom durch die Milchstraße kreuzt.

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