Kinderlos trotz Kinderwunsch

6. Februar 2011, 17:00
147 Postings

Wissenschafterinnen werden in Österreich seltener Mütter als anderswo: ÖAW-Forscherinnen untersuchen die Hürden bei der Verwirklichung einer Familiengründung

Wissenschafterinnen sind in Österreich doppelt so häufig kinderlos wie ihre männlichen Kollegen. In der Altersgruppe der Über-Fünfzigjährigen haben 45 bis 60 Prozent keinen Nachwuchs - bei der weiblichen Restbevölkerung sind es nur 13 bis 16 Prozent. Woran kann dieser signifikante Unterschied festgemacht werden? Treffen Frauen in Wissenschaft und Forschung diese Entscheidung bewusst oder wird sie ihnen durch Arbeitsstrukturen und Anforderungen gleichsam abgenommen?

Diesen Fragen sind drei Forscherinnen des Instituts für Demographie der Österreichischen Akademie der Wissenschaften nachgegangen: Isabella Buber-Ennser, Caroline Berghammer und Alexia Prskawetz haben 196 Frauen zwischen 25 und 45 Jahren, die in wissenschaftlichen Bereichen tätig sind, zu Kinderwunsch und Partnerschaft befragt. "Eine derartige Studie ist bislang einzigartig in Österreich", konstatiert Buber-Ennser, und habe "sehr interessante Einblicke im Bereich Familiengründung und Familienwünsche" ergeben.

Große Kluft zwischen Wunsch und Wirklichkeit

Zum Beispiel, dass nur rund zehn Prozent der Forscherinnen von vornherein keine Kinder wollen. Für die restlichen 90 Prozent heißt das, dass sie sich im Laufe ihrer Berufslaufbahn von ihrem Wunsch nach - meistens zwei - Kindern verabschieden.

Dass das nicht so sein muss, zeigt in Blick in EU-Länder wie Frankreich oder Spanien, wo nur zehn Prozent der Wissenschafterinnen kinderlos sind. Oder auch nach Schweden, wo 80 Prozent Nachwuchs bekommen. Was läuft in Österreich denn schief, dass viele hochqualifizierte Frauen in die Situation kommen, sich zwischen Beruf und Familie entscheiden zu müssen?

Väter in Karenz und gleiche Bezahlung

"Auf gesellschaftlicher Ebene sollte die Kinderbetreuung viel stärker als Angelegenheit von Mutter und Vater gesehen werden", resümmiert Buber-Ennser. "Wir haben gesehen, dass unter den befragten Wissenschaftlerinnen mit Kindern relativ viele angaben, dass der Partner in Elternkarenz war. Dies zeigt die Bedeutung des Partners für die Entscheidung für oder gegen ein Kind."

Wenn die Verantwortung auf beide Elternteile aufgeteilt sei, wäre die strukturelle Benachteiligung von Frauen als potenziellen Müttern auf dem Arbeitsmarkt weniger ausgeprägt als sie in Österreich ist, so die Forscherin gegenüber dieStandard.at. Das hieße auch, "gender equality" in gleiche Bezahlung bei gleicher Arbeit umzusetzen - ein Punkt, den die Studienteilnehmerinnen oft angesprochen hätten, betont Buber-Ennser.

Bessere Verträge - auch für den Partner

Insofern legt die Studie neben dem Ausbau an Kinderbetreuungsplätzen und fixen statt befristeten Arbeitsverträgen, um Forscherinnenlaufbahnen zu stabilisieren und dadurch Familiengründungen zu ermöglichen, auch Verträge für Partner von Seiten der Forschungseinrichtungen nahe - wie es die fünf steirischen Unis einmalig in Österreich bereits anbieten. "Modelle, die in diese Richtung gehen, sind nur zu unterstützen. Ihr Erfolg wird sich herumsprechen", meint Buber-Ennser, die überzeugt ist, dass sich ein derartiges Angebot auch in Rest-Österreich durchsetzen kann, denn "erfolgreiche Modelle werden sicherlich gerne übernommen. Es sollte im Sinne der Wissenschaft und der Universitäten sein, gute Forschende und Lehrende zu halten, ihr Humankapital optimal zu nutzen und nicht brach liegen zu lassen."

Vereinbarkeit stärker in den Fokus rücken

Was aber ist der Frauenförderungspraxis an den Unis in diesem Punkt zuzutrauen? Nehmen diese Modelle denn auch genug Rücksicht auf Kind(er) und Familie? "Frauenförderung soll sich nicht auf Berufseinsteigerinnen, auf pre-docs beschränken, sondern auf allen Ebenen stattfinden", meint Buber-Ennser. Was die Situation an Universitäten und Forschungseinrichtungen anbelangt, habe sich sicher etwas getan durch den steigenden Anteil der Frauen. Aber: "Was die Vereinbarkeit von Familie und Beruf betrifft, so stellt diese doch für viele Mütter ein Problem dar. Auch für die Kassiererin in einem Supermarkt ist es oft schwierig, die fixen Dienstzeiten mit Öffnungszeiten von Kindergarten und Schule zu vereinbaren. Diesbezüglich haben Wissenschaftlerinnen Vorteile, weil sie eher flexiblere Arbeitszeiten haben. Es ist aber für sie eine höhere Mobilität wichtig, die in anderen Berufen nicht erforderlich ist", skizziert Buber-Ennser die Lage. Neben der oftmaligen örtlichen Trennung vom Partner komme ständiges Arbeiten ohne fixe Auszeiten wie Wochenende oder abends hinzu.

Post für die Zuständigen

Nichtsdestotrotz: Die Zahlen aus Frankreich und Co. zeigen, dass Wissenschaft sehr wohl zu einem "Vereinbarkeitsberuf" werden kann, so die Forscherin. Damit er das auch hierzulande wird, möchten die Studienautorinnen "die Wünsche der Wissenschaftlerinnen bezüglich Familie und Beruf an die Politik, an das Wissenschaftsmanagement, an Firmen, die Wissenschaftlerinnen beschäftigen sowie an das Wissenschaftsministerium" weiterleiten. "Wir haben dazu viele Vorschläge bekommen, die wir zusammenfassen möchten und hoffen, so mehr Bewusstsein für die Problematik der Vereinbarkeit von Familie und Beruf für diese Gruppe von Frauen zu schaffen." (bto/dieStandard.at, 7.2.2011)


Link

Institut für Demographie der Österreichischen Akademie der Wissenschaften
Vienna Institute of Demography (VID) - Austrian Academy of Sciences

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Je qualifizierter, desto weniger Kinder (wider Willen): Für die Studie "Doing science, forgoing childbearing?" haben drei Forscherinnen der ÖAW an die 200 Frauen in Wissenschaft und Forschung zu ihren Vorstellungen von Familie befragt und die größten Hürden auf dem Weg vom Kinderwunsch zur Realisierung ausgemacht.

  • Alexia Fürnkranz-Prskawetz ist Professorin für Mathematische Ökonomie am Institut für Wirtschaftsmathematik der TU Wien und stellvertretende Direktorin des ÖAW-Instituts für Demographie.
    foto: blazina

    Alexia Fürnkranz-Prskawetz ist Professorin für Mathematische Ökonomie am Institut für Wirtschaftsmathematik der TU Wien und stellvertretende Direktorin des ÖAW-Instituts für Demographie.

  • Isabella Buber-Ennser ist Stellvertretende Forschungsgruppenleiterin sowie Generations and Gender Surveys (GGS)-Projektleiterin am VID.
    foto: privat

    Isabella Buber-Ennser ist Stellvertretende Forschungsgruppenleiterin sowie Generations and Gender Surveys (GGS)-Projektleiterin am VID.

  • Caroline Berghammer ist Wissenschaftliche Mitarbeiterin am ÖAW.
    foto: privat

    Caroline Berghammer ist Wissenschaftliche Mitarbeiterin am ÖAW.

Share if you care.