720 Missbrauchs-Meldungen gingen ein

1. Februar 2011, 19:32
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Betroffene und Zeugen von Gewalt und sexuellem Missbrauch wendeten sich bis jetzt an Opferstellen der Länder

Wien - Die Aufarbeitung von Missbrauchs- und Gewaltdelikten in Schulen, Internaten und Kinderheimen war bis jetzt Ländersache. Wohl eher unfreiwillig, da sich die Bundesregierung trotz massiver Kritik und dringender Apelle bislang weigerte, eine staatliche Kommission zur Aufarbeitung der Missbrauchsfälle einzurichten.

Zwischenbilanz

Von Länderseite liegt jetzt eine erste Zwischenbilanz vor: Rund 720 Betroffene und Zeugen von Gewalt, Erniedrigungen und auch sexuellem Missbrauch haben sich bisher bei den Opferstellen gemeldet. In Wien, Tirol und Vorarlberg wurden bereits Entschädigungen für Betroffene beschlossen. Insgesamt ist die Anlaufstelle in Tirol von 214 Personen kontaktiert worden, die in Wien von 211, jene in Vorarlberg von 60 Betroffenen. In Salzburg haben sich bisher 64 Betroffene gemeldet, in Oberösterreich 80, in Kärnten 30, in Niederösterreich 25. Ebenso viele im Burgenland. In der Steiermark gab es bis dato 12 Meldungen.

Die Schilderungen Betroffener offenbaren einen schaurigen Erziehungsalltag. So erzählte etwa der Vorarlberger Kinder- und Jugendanwalt Michael Rauch im Ö1-Interview, dass einige Kinder im früheren Landeserziehungsheim Jagdberg Opfer von purem Sadismus gewesen seien. Kinder seien mit Schläuchen und Zaunlatten geprügelt und verletzt worden.

Kirche als Vorbild 

Und man scheint jetzt, spät aber doch, auch von staatlicher Seite handlungsbereit zu sein. Der Bund plant nämlich in Zusammenarbeit mit der Verbrechensopfer-Organisation "Weißer Ring" eine eigene Kommission, die Missbrauchsfälle in staatlichen Einrichtungen wie Kinderheimen und Internaten aufarbeiten soll.

Laut Udo Jesionek, Präsident des "Weißen Rings", sollte das Gremium "unter den gleichen Voraussetzungen" wie zum Beispiel die bereits eingerichtete Kommission für Wien und ähnlich wie die kirchliche unter der Leitung der steirischen Alt-Landeshauptfrau Waltraud Klasnic (VP) agieren: Abwicklung ohne Prüfung von Verjährung und Kausalität zwischen Misshandlung, Missbrauch und eventuell auch noch nach Jahrzehnten bestehenden Schädigungen. Auch bei den Entschädigungen könnte man auf bereits verwendete Kategorien von 5000, 15.000, 25.000 Euro sowie in Extremfällen darüber zurückgreifen.

Die von Kardinal Christoph Schönborn eingesetzte Opferschutzanwaltschaft hat bisher 100 Entscheidungen getroffen: 97 Entschädigungen wurden zugesprochen, drei Fälle wurden abgelehnt. (APA, mro, DER STANDARD Printausgabe, 2.2.2011)

 

 

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