Schnitz'l

1. Februar 2011, 18:46
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Unlängst stand ich tief erschüttert vor einem Restaurationsbetrieb

Bei der Besichtigung des halb wiederhergestellten Wiener Westbahnhofs stand ich unlängst tief erschüttert vor einem Restaurationsbetrieb, nicht nur wegen der kulinarischen Verfallserscheinungen, die uns allerorten umgeben, sondern wegen der grassierenden sprachlichen, in dem Fall orthografischen, wenn man das so nennen kann, Idiotie in diesem Land.

Apf'lstrud'l

Also, dieses Lokal heißt "Schnitz'l-Land". Der hyperkorrekte Apostroph ist schon spaßig genug, aber so richtig schräg wird es erst, wenn man diese Schreibweise anhand der Speisekarte durchdekliniert. Auf der stehen nämlich auch der Apfelstrudel und die Preiselbeeren (kann mich jetzt nicht erinnern, ob die zum Schnitz'l gehören), für die ich die gleichen idiotografischen Rechte einfordere, wie fürs Schnitz'l: also Apf'lstrud'l und Preis'lbeeren (auch -beer'n wäre übrigens denkbar). Ein Ausreißer auf der Karte ist das Hendl, bei dem man den Weg des geringsten Widerstands zwischen Hendel und Hend'l wählte. Glückliches Vieh.

Gerne nimmt der mit der Bahn verreisende Mensch auch die angebotene Schnitz'lsemmel (mit der er dann im Zug die anderen Gäste anstinken kann). Abgesehen davon, dass es Schnitz'lsemm'l heißen müsste, ist nicht einzusehen, dass diese im Schnitz'l-Land und nicht im Schnitz'lland verkauft wird. Aber die Väter der 'lsemmel haben bei 'lland die Nerven weggehaut, was verständlich, aber auch irgendwie schade ist. (Gudrun Harrer, DER STANDARD Printausgabe, 2.2.2011)

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