"Armee und Volk sind eins"

1. Februar 2011, 21:28
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Militär ist in Ägypten auch eine große Wirtschaftskraft

Die Armee ist gut, es ist die einzige Institution, die nicht aus Dieben besteht", sagt Ali im Stau in Kairo, verursacht durch Panzer, die die Straße versperren. "Die Armee und das Volk sind eins" ist zu einem der wichtigsten Slogans der Demonstranten geworden. Die ägyptische Armee hat quer durch alle Generationen und Bevölkerungsschichten einen guten Ruf, und seit sie anstelle der Polizei auf die Straße beordert wurde, unternehmen die Soldaten alles, um dieses Image nicht zu gefährden. Sie lassen sogar zu, dass die Demonstranten ihre Protestparolen auch auf die Panzer sprayen. In Suez hatte die Armee auch eine Botschaft an die Bevölkerung. Auf Transparenten an ihren Fahrzeugen ließ sie wissen, dass sie für die Sicherheit der Menschen da ist.

Bisher hat sich die Armee aber neutral verhalten, das heißt, sie ist nicht auf die Seite der Demonstranten umgeschwenkt. Es kam lediglich zu einigen Verbrüderungsszenen mit Offizieren auf der Straße. Es gab aber auch Vorfälle, bei denen wütende Jugendliche versuchten, Panzer anzugreifen und diese in der Folge abgezogen sind, um eine Auseinandersetzung zu vermeiden.

"Die Armeeführung hat eine klare Idee, wie sie vorgehen will", erklärt ein ausländischer Militärexperte. "Der Abzug der Polizei war Teil der Strategie. Dann hat man den Trumpf der Armee gezogen. Dabei wurde das Chaos in Kauf genommen oder gar geschürt, um Zeit zu gewinnen - in der Hoffnung, dass die Proteste abflauen." Die lächerliche Demonstration mit den Kampfjets zeige aber, dass die Generäle im Denken der 70er-Jahre verhaftet seien und den Bezug zur Bevölkerung verloren hätten.

Die ägyptische Armee hat eine Stärke von rund 450.000 Mann, in den vergangenen Jahren sind über 10 Milliarden US-Militärhilfe geflossen, mit der sie trainiert und modernisiert wurde. "Die Armeespitze hört deshalb genau hin, was Präsident Obama sagt", ist der Militärexperte überzeugt.

Die Angehörigen der Armee leben in einer eigenen Welt und genießen hohes Ansehen. Die Offiziere werden mit dem alten türkischen Titel Pascha angesprochen. Sie sind nicht nur gut bezahlt und erhalten Wohnungen, sie profitieren auch von eigenen Geschäften, Spitälern und Clubs. Militär, Staat und Wirtschaft sind eng verzahnt. Die Armee gehört mit ihren eigenen Produktions- und Versorgungsbetrieben zu den größten Arbeitgebern des Landes. Wer im Militär Karriere gemacht hat, hat gute Chancen auf eine zivile Fortsetzung, als Gouverneur, Minister oder sogar Direktor der Oper.

Spieler im Hintergrund

Über die innere Machtbalance dringt nichts nach außen. Ihre wichtigste Rolle spielt die ägyptische Armee im Hintergrund. Ihre Stellung ist nicht zu vergleichen etwa mit der türkischen Armee, deren Spitzen regelmäßig öffentlich Stellung zu innenpolitischen Fragen beziehen.

"Untere und mittlere Offiziere haben viel Verständnis für die Demonstranten", sagt der Politologe Hassan Nafaa von der Kairoer Universität. Der Militärexperte schließt einen Putsch aus. Aber es könnte sein, dass die Generäle Mubarak fallen lassen.  (afr/DER STANDARD, Printausgabe, 2.2.2011))

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