Ein Riss geht durch Menschen und Puppen

1. Februar 2011, 18:19
posten

Heinrich von Kleists "Über das Marionettentheater"

Heinrich von Kleists kleine Abhandlung Über das Marionettentheater (1810) gibt dem Leser eine ganze Reihe von Rätseln auf. Der Ich-Erzähler trifft "in einem öffentlichen Garten" auf Herrn C., der als erster Tänzer eines Opernhauses "bei dem Publiko außerordentliches Glück machte."

Besagter Tänzer kann es sich nun nicht verkneifen, den schönen Künsten, denen er zu Diensten ist, eine klare Absage zu erteilen. Er pflegt ein Marionettentheater zu besuchen, "das auf dem Markte zusammengezimmert worden war" , und es ist ausgerechnet die Pantomimik der Puppen, die ihm "viel Vergnügen" bereitet.

Damit nicht genug: C. entwickelt aus seinem Gaudium ein regelrechtes pädagogisches Programm. Er räumt gegenüber seinem verblüfften Gesprächspartner ein, dass ein "Tänzer, der sich ausbilden wolle, mancherlei" von den hölzernen Puppen lernen könne. Kleist denkt über die Bedingungen nach, die - im Auge des Betrachters - dem Entstehen von Grazie förderlich sind.

Der Puppenspieler, dessen Hände die Fäden ziehen, müsse durchaus nicht selbst tanzen (können), um den Eindruck einer geschmeidigen Bewegung zu erzielen. Andererseits sei die "Linie" , die der Schwerpunkt der Puppe beschreibt, als "Weg der Seele des Tänzers" aufzufassen. Kleist stellt damit die geläufige Ansicht auf den Kopf, dass der Eindruck von Natürlichkeit auf "natürlichem" Wege hervorzurufen sei. Er wäre aber auch nicht Kleist, wenn er den Gedanken nicht sogleich auf die Spitze triebe: Die vollendete Puppe besäße Ebenmaß, Beweglichkeit, Leichtigkeit - und sie besäße diese betörenden Eigenschaften "in einem höheren Grade" als jemals ein Mensch. Der Dichter hat einen Automaten erfunden. Was aber noch entscheidender ist: Kein Mensch wäre derart menschenähnlich wie die von ihm selbst entworfene Puppe!

Ab nun ist es um die Kleist'sche Argumentation heikel bestellt: Sie ergeht sich in einer schwindelerregenden Abfolge von Paradoxa. Nichts und niemand gibt dem erkennenden Subjekt die Gewähr, dass derjenige Anblick von Grazie, der ihn erfreut, auf natürlichem Wege zustande kommt.

Schlimm ist es hingegen um das ausführende Bewusstsein bestellt: Wird es sich womöglich der eigenen Anmut bewusst, versucht es gar, den Effekt zu wiederholen, verliert es sofort seine Fähigkeit, anmutig zu erscheinen.

Diese Schlussfolgerung aber kann nicht anders denn als niederschmetternd bezeichnet werden: Die Vertreibung des Menschen aus dem Paradiese hat ihn mit dem Besitz des unglücklichen Bewusstseins seiner selbst geschlagen. Die entscheidende Gabe jedoch, die ihn erst eigentlich zum Menschen erhebt, entspricht einer Einbuße; und diese Einbuße ist ein Verlust ums Ganze! Noch anders, wiederum mit Kleist gesagt: Erst wenn die "Erkenntnis gleichsam durch ein Unendliches gegangen" sei, könne der Mensch mit Recht hoffen, ein graziles, im Vollsinne harmonisches Wesen zu sein.

Sehnsucht nach der Unschuld

Nimmt es da noch Wunder, dass sich Heinrich von Kleist (1777- 1811) um keinen Preis der Welt mit der hinfälligen Einrichtung der Schöpfung abfinden wollte? Vom paradiesischen Urzustand der Unschuld sieht sich der Mensch durch einen Abgrund getrennt: einen Riss, der quer durch die Welt verläuft. Der preußische Dichter verschmähte es in seinen dramatischen Werken fortan, die Beziehungen der Menschen untereinander anders denn als Katastrophen darzustellen. Kleist hat aus der Philosophie Immanuel Kants den unversöhnlichsten Schluss gezogen: Da wir das "Ding an sich" nur mithilfe unserer Verstandesbegriffe zu erfassen vermögen, können wir es seinem Kerne nach nur verfehlen. Was uns in der Welt der Erscheinungen daher entgegentritt, ist es auch wert, gestürzt zu werden.

Dem armen Genie Kleist, dem hinieden auf Erden bekanntlich nicht zu helfen war, diente die zweideutige Einrichtung unserer Welt zum Anlass, ihr als dichtender Terrorist zu begegnen. Nur im Exzess, in der Maßlosigkeit seiner Sätze und Figuren, glaubte er die Kluft, die sich zwischen ihm und der Schöpfung auftat, überwinden zu können.

Über das Marionettentheater ist die dazugehörige Programmschrift: ein Text, der über die Grazie spricht und selbst von vollendeter Anmut ist. (Ronald Pohl/DER STANDARD, Printausgabe, 2. 1. 2011)


Die Serie mit Werken des Jahresjubilars wird unregelmäßig fortgesetzt.

Share if you care.