Interview zur Nachlese

"Man wird diese Generation 2011er nennen"

1. Februar 2011, 21:26

Politologe Volker Perthes: Junge arabische Generation hat kein Programm , Umstürze waren nicht geplant

Gegen die "Mauer der Furcht": Ausgrenzung und soziale Misere brachten eine junge arabische Generation auf. Ein Programm habe sie nicht, Umstürze seien gar nicht geplant gewesen, sagt der Politologe Volker Perthes zu Christoph Prantner.

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STANDARD: Mohamed ElBaradei scheint immer mehr zur Führungsfigur der Opposition zu werden. Ist es realistisch, dass er tatsächlich den Militärs als Verhandlungsführer gegenübertritt?

Perthes: Er ist kein Revolutionsführer, kein Khomeini. Er ist ein Kompromisskandidat für unterschiedliche Strömungen der Opposition. Das haben die Muslimbrüder, aber auch die jungen Leute, die Blogger-Szene, deutlich gemacht. Wenn es zu einer nationalen Einheitsregierung oder einer verfassungsgebenden Versammlung kommt, dann kann er der Sprecher der Opposition sein. Dabei kann er eine Übergangsrolle haben oder an Statur gewinnen. Aber in Ägypten wird in dieser Lage nicht längerfristig gedacht. Derzeit geht es darum, Personen zu finden, die sprechfähig und ansprechbar sind, und die gemeinsam mit dem Militär an einer sanften Landung arbeiten.

STANDARD: Warum können auch die Muslimbrüder mit ElBaradei als Oppositionssprecher leben?

Perthes: Aus zwei Gründen: Die Muslimbrüder haben die Revolution praktisch verschlafen, sie waren genauso wenig darauf vorbereitet wie das Regime. Da spielt auch eine Generationenfrage mit. Seitdem Mubarak an der Macht ist, sind sie dessen Lieblingsgegner. Man kennt einander, man braucht einander, man ist gleich sozialisiert - und orientiert sich an den gleichen Leitlinien. Aber die haben mit dem Leben der jungen Generation wenig zu tun und geben ihr auch keine Antworten. Deswegen war die Bruderschaft auch nicht von Anfang an dabei. Der zweite Grund ist: Die Muslimbrüder sind eine populäre und populistische Organisation. Sie haben Interesse, ihre Basis zu pflegen und nicht extremistisches Gedankengut um jeden Preis umzusetzen. Zur Zeit kommen ihre islamistischen Slogans nicht an, deswegen setzen sie sich auf den Zug, führen ihn aber nicht.

STANDARD: Was treibt die jungen Aktivisten an? Welche Ziele außer dem Sturz Mubaraks verfolgen sie?

Perthes: Es ist eher eine Generation als eine politische Gruppe. So etwas wie ein Programm hat sie vorerst nicht, man konzentriert sich auf die Forderung nach dem Rücktritt Mubaraks. Andere Elemente werden sich erst im Laufe der Zeit ergeben. Insofern sind viele ganz froh, dass erfahrene Leute wie ElBaradei da sind, die Forderungen formulieren können. Man wird diese Generation in der arabischen Welt in Zukunft die "2011er" nennen, so wie wir in Europa von den "68ern" sprechen. Ganz egal was jetzt in den einzelnen Ländern konkret umgesetzt wird, diese Generation wird die politische Kultur verändern. Diese Menschen sagen: Wir sind von Partizipation und Wohlstand ausgeschlossen worden, es geht um das Gefühl der Marginalisierung. Gerade in Ägypten hat diese Gruppe im Wesentlichen Bürger- und Menschenrechte vertreten, und keinen Machtwechsel. Es ging um Arbeit, um soziale Rechte, Meinungsfreiheit, und nicht um Ideologie oder die Machtfrage. Politisch geworden ist diese Generation erst mit den Geschehnissen in Tunesien. Dort hat man gesehen, dass die gut vernetzte, aber eben sozial ausgeschlossene Generation eine Chance hat, etwas zu verändern.

STANDARD: Spielen die Auslandsägypter eine Rolle in der Revolte?

Perthes: Das ist eher eine ägyptische Angelegenheit. Natürlich gibt es Verbindungen ins Ausland, aber letztlich kann jede Revolution nur im Lande stattfinden. Lange haben sich die Menschen durch Repression vom Aufbegehren abhalten lassen. Die Araber haben das "Mauer der Furcht" genannt. Die ist in Tunesien durchbrochen worden. Unter dieser Mauer haben Exilanten nie gelitten. Durchbrochen werden konnte sie nur durch Leute, die im Land selbst leben.

STANDARD: Welche regionalen Auswirkungen sind durch den Wandel in Ägypten absehbar?

Perthes: Es ist sicherlich ein politischer Dammbruch, was nicht heißt, dass alle autokratischen Staaten dem Beispiel Tunesiens oder Ägyptens folgen werden. Dazu sind die Ressourcenausstattungen der Länder viel zu unterschiedlich. In Saudi-Arabien oder den Emiraten können die Regime nach wie vor die Bürger alimentieren und Forderungen nach Demokratie abwehren. Der Dammbruch besteht eher in der Selbstermächtigung einer Generation. Israel dagegen macht derzeit einen großen Fehler, indem es sich so deutlich nicht nur hinter das Regime, sondern auch Mubarak selber stellt. Die Regierung macht deutlich, dass sie große Skepsis gegen jede Form der Veränderung hat. Das ist nicht hilfreich, weil man ja auch mit den Kräftem nach Mubarak auskommen muss.

STANDARD: Was halten Sie vom Krisenmanagement der Amerikaner?

Perthes: Den USA bleibt gar nicht viel übrig, als vorsichtig zu sein. Man darf nicht Partei ergreifen, weil man Ägypten braucht, vor allem für den Friedensprozess zwischen Israelis und Palästinensern. Wir haben bei vielen Regimen in der Region eine Differenz zwischen konstruktiver Außen- und repressiver Innenpolitik. Für einen strategischen Akteur wie die USA ist beides wichtig. (DER STANDARD, Printausgabe, 2.2.2011)

Volker Perthes (52) ist Nahostspezialist und seit 2005 Direktor der Stiftung Wissenschaft und Politik in Berlin.

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Tunesien, Ägypten ... und wann fällt Österreich?
 
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Die Muslimbrüder*) sind eine populäre und populistische Organisation...

... Sie haben Interesse, ihre Basis zu pflegen und nicht extremistisches Gedankengut um jeden Preis umzusetzen. Zur Zeit kommen ihre Slogans nicht an, deswegen setzen sie sich auf den Zug, führen ihn aber nicht."

Interessant, man ersetze das Wort "Muslimbrüder" durch "SPÖ" und ... ;-)

diagoge
00
Neue Medien und soziale netzwerke

Mein Artikel dazu:
Demokratie in Ägypten: Traum oder Wirklichkeit?
Teil 1: »Social-Media-Mobilisierung«
http://www.diagoge.com/politik/d... lisierung/
"Es ist leich­ter gewor­den, zur Gruppe der Macher von Mei­nun­gen zu gehö­ren und diese Erfah­rung stei­gert das Gefühl von Selbst­be­stim­mung und Auto­no­mie. "

Oscar!
00
Israel dagegen macht derzeit einen großen Fehler, indem es sich so deutlich nicht nur hinter das Regime, sondern auch Mubarak selber stellt.

Israel geht davon aus, dass man eben zu seinen Freunden stehen sollte und dass dies auch ein Signal an die neuen Machthaber ist.

Die typisch österreichische Herr-Karl-Mentalität: "Man hat net g'wusst, wie man sich orientieren soll, weil ma net g'wusst hat, wer der Stärkere ist", ist nur kurzfristig klug.

jacques05
10
ich bin wahrlich kein freund der israelischen politik...

aber was bleibt ihnen denn übrig?
israels regierung steht selbst von den menschen unter druck.
es ist keinesfalls so, dass das volk für die politik der regierung ist.
sie steht unter dem druck fundamentaler zionisten.
bricht nun ihr großer verbündeter ägypten weg, wirds finster in israel.
nur das israelische volk selbst kann einen wandel in ihren beziehungen zu arabien herbei führen.
nur fürchte ich, dass uns nun dieser unrechtsstaat
einholt.
genauso, wie uns der kosovo dereinst einholen wird.

jodaflo
 
01
weil sie genauso wenig bewegt wie die 68er?

Alpha-Rüde
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LOL

Die 11er hat mehr bewegt als die 68er.

Die 11er hat immerhin schon einen Despoten vom Thron gestoßen. Die 68er hingegen nur auf der Uni in die Aula geschissen. :-)

jubin Honi
01

hoffentlich begehen die Ägypter nicht denselben Fehler, den die Iraner 1979 begangen haben. Keine islamische Revolution erwünscht!!!

http://www.honarfar.com/2011/02/1979-2011/

Igor Kaloev
 
01
Genau!!!

Hoffentlich geht die islamische Welt den demokratischen Weg, und nicht "Iran1979"!!!

Manchester05
10
In Ägypten

wird gerade der Wandel von Diktatur zur Demokratie vollzogen und bei uns der Wandel von Demokratie zur Parteiendiktatur.

Korrupt, verantwortungslos und intrigant wird der Tod unseres Parteiensystem durch defizitäre Schuldenpolitik noch einwenig hinausgezögert bevor es endgültig zusammenbricht und dann geht's auch unseren rot-schwarz-blau-grünen Volxverrätern an den Kragen !

Igor Kaloev
 
01
!!!

aha...braunes Gedankengut?!...

Nathaniel Winerib
00

Na hoffentlich erleiden sie dabei nicht das gleiche Schicksal wie die 1968er.

Kein Begriff drückt Mich aus
00

"Gerade in Ägypten hat diese Gruppe im Wesentlichen Bürger- und Menschenrechte vertreten, und keinen Machtwechsel. Es ging um Arbeit, um soziale Rechte, Meinungsfreiheit, und nicht um Ideologie oder die Machtfrage."

Aber ist die materielle Veränderung der herrschenden Bürger-, Menschen- und sozialen Rechte, der Arbeitsrechte und der Meinungsfreiheit, nicht eine der bedeutendsten Machtfragen in der modernen Gesellschaft? Und ist die Forderung nach Änderung dieser nicht gerade Ausdruck einer anderen Weltauffassung?

Johnny Brainstorm
00

Jep, wenn das wir hier fordern, kriegen wir eine mit dem Polizeiknüppel auf den Kopf und die ganze Welt hält die Klappe...

Pepi friß weniger
09
Was werden WIR heuer noch zusammenbringen ?

Johnny Brainstorm
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Vergleichen sie die Demos von 29.01. hier bei uns und in Ägypten und lassen Sie alle Hoffnung fahren, dass wie hier sowas auf die Beine stellen werden... -.-

jacques05
06
ha, ha,...

eine gute frage.
eine interessante parallele zu ägypten:
eine gut gebildete jugend ohne arbeit, oder zu wenig einkommen, von der derzeitigen regierung angfressen,
ausgegrenzt.
sie möchte aber am wohlstand und der regierung teilhaben.
man möchte mehr demokratie und es ist ihnen völlig wurscht wer was wie anders machen soll.
hauptsache, es wird anders.
sie wollen keine korruption mehr.
daß posten zwischen familien, cliquen, seilschaften, parteimitgliedern aufgeteilt werden, und der rest schauen soll, wo er bleibt.
zeigt uns die jugend ägyptens eigentlich vor, wie mit solchen "autokratischen" systemen umzugehen ist?

Joe_Chip
30

"gut gebildete jugend"?
ich weiss nicht so recht......

jacques05
01
gut, sie haben recht...

ich hätte vielleicht schreiben sollen, junge leute mit erkauften matura abschlüssen, gemacht im geschützten bereich der gymnasien, des deutschen nicht mächtig, erschmeichelten und erkauften doktoraten in bw, jus, und med.
keinen schimmer vom geistig moralischen auftrag eines doktorats.
nicht fähig eigene gedanken zu fassen.
aber es gibt auch andere, die nicht aus den netzwerken kommen, die keine beziehungen haben.

Ernst Guevara
02
wobei der unterschied bei uns darin besteht,

dass viele unzufriedene etwas für sich fordern, was sie den anderen nicht erlauben wollen, sobald der oder die andere eine andere hautfarbe, sprache, religion, meinung, sexuelle orientierung hat. nicht vergessen: straches hassprediger werden ja von den meisten nicht "aus protest" und wegen mangelnder optionen gewählt, wie die experten gerne behaupten, sondern aus inhaltlicher übereinstimmung.

jacques05
01
xenophobie ist weitverbreitet in der welt...

und sie wird und wurde von den herrschenden immer
benutzt.
aber in ö ganz besonders.
das geht bis in die monarchie zurück.
der bruder der xenophobie ist der nationalismus.
ganz besonders in ö.
das deutschnationale.
im vielvölkerstaat ö glaubt eine deutschnationale minderheit von etwa 5% das land regieren zu müssen.
das ist faschistoid.
siehe die briefbomber und deren hintermänner, denen man nie nachging.
und strache ist nur werkzeug dieser hintermänner.
es stehen und standen immer die selben kreise hinter
der unetrdrückung und verblödung der massen.
nun aber scheint deren zeit beendet, aber nur, wenn die hackler begreifen, wer die schuld an ihrer lage trägt.

pike bishop
00

Die deutschnationalen in der Monarchie waren aber zumindest zu einem Teil gegen diese und für ein grosses nationales Deutschland. Gerade eine übernationale Elite hat um die Monarchie gekämpft, während die nationalen allesamt das Heil in ihren Nationalstaaten suchten (in denen sie dann gegen nationale Minderheiten eher noch unverständiger waren als die alte Monarchie)

jacques05
00
stimmt schon, zum teil...

aber was war denn nach der frankfurter paulskirche, dem ersten deutschen parlament?
wer scherte sich einen dreck um blum und erschoss ihn?
deutschnationale offiziere erschossen deutsche, um die ö monarchie zu retten.
das ist eigentlich die größte schande neben hitler, die sich ö aufgeladen hat.
genau die gleichen kräfte installierten in den 20ern unseren adi.
und immer stand die wirtschaft dahinter.

Fingerzeig
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Hast recht, gemma auf de Bluatwiesn!
Heit hau ma den Buagamasta ausse, und morgen den Faymann mit sein bladn Schattn.
Und übermorgen sitzt der Strache durt, wo der Faymann jetzt is, sup..
... Ähh, Moment, irgendwos paßt da net ganz. *kopfkratz*

jacques05
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möglich,...

aber auch einen strache kann das volk dann in ein paar tagen entfernen, wenn er nicht entspricht...
und ist es eigentlich nicht die aufgabe des volkes in eienr demokratie sein geschick selbst in die hand zu nehmen?
oder wissen wir am ende gar nicht, was demokratie
eigentlich bedeutet?
nämlich herrschaft des volkes?

Denial_of_Service
00

Wird der Fingerzeig nicht verstanden, dass er mit dieser Denke schon im Voraus verloren hat?

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