Politische Risikoprämie bei Öl lockt Spekulanten

2. Februar 2011, 09:13
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Wetten auf steigende Rohölpreise sind wieder populär. Experten verweisen auf zunehmende Ängste vor Engpässen

Wien - Rohöl ist mit mehr als 100 Dollar je Fass (159 Liter) derzeit so teuer wie schon lange nicht. Sollte der Aufruhr in Ägypten auf andere Länder übergreifen, könnten die Preise noch weiter in die Höhe schießen, ist der Grundtenor eines Rundrufs bei Analysten heimischer und internationaler Banken.

"In den Preisen, die wir jetzt sehen, steckt eine politische Risikoprämie. Es ist mehr als wahrscheinlich, dass dadurch zusätzlich spekulatives Interesse geweckt wird", sagte Barbara Lambrecht, Analystin der Commerzbank in Frankfurt, dem Standard.

Die internationale Energieagentur (IEA) in Paris war am Dienstag um Beruhigung bemüht. "Es gibt im Moment keine Notsituation", sagte IEA-Direktor Nobuo Tanaka der Agentur Reuters. Selbst bei einer Sperre des Suezkanals würde die Ölversorgung schlimmstenfalls verzögert, keinesfalls aber unterbrochen. Die Öltanker müssten dann den weiteren Weg um das Horn von Afrika nehmen.

Ägypten selbst, inzwischen ein Netto-Rohölimporteur, spielt als Transitland eine wichtige Rolle. Über mehrere Pipelines gelangen Öl und Erdgas aus dem Mittleren Osten in den europäischen Raum.

"Das sind im Moment die Dinge, die den Markt bewegen und Angst vor Knappheit schüren", sagte Commerzbank-Analystin Lambrecht. "Sollte es Volksaufstände in Algerien oder Libyen geben, würde das ungleich schwerer wiegen, weil das vergleichsweise große Ölexportländer sind."

Die Organisation erdölexportierender Länder (Opec) hat ihre Bereitschaft signalisiert, mehr Rohöl auf den Markt zu bringen, sollte es zu einer Angebotsverknappung kommen. Mit einer Reservekapazität von rund sechs Mio. Fass am Tag hat das Ölkartell auch tatsächlich die Möglichkeit, den Ölhahn weiter aufzudrehen. Am 22. Februar wollen die Ölminister am Rande einer Konferenz im saudischen Riad auch über die künftige Förderpolitik sprechen.

Der Preisunterschied zwischen der amerikanischen Rohölsorte West Texas Intermediate (WTI) und dem für Europa preisbestimmenden Nordseeöl Brent bleibt auch nach dem jüngsten Preissprung eklatant. Während ein Fass der Sorte Brent am Dienstag mit 100,35 Dollar gehandelt wurde (nach kurzfristig 101,69 Dollar am Montag), kostete ein Fass US-Leichtöl 92,27 Dollar. Im Durchschnitt der vergangenen Jahre war das Gegenteil der Fall, Brent war meist günstiger (siehe Grafik).

Dies dürfte mehrere Gründe haben. Zum einen gibt es hohe Lagerbestände auf dem amerikanischen Markt, bei gleichzeitig niedriger Nachfrage. In Cushing, Oklahoma, wohin ein Großteil des in den USA geförderten Öls gepumpt und von dort an Raffinerien verteilt wird, lagert derzeit so viel Öl wie schon lange nicht. Weil dieses Öl wegen des geschlossenen Pipelinesystems nicht nach Europa oder andere große Verbrauchermärkte in Asien gelangt, bleibt der WTI-Preis gering.

Oliver Jakob, von Petromatrix, geht davon aus, dass sich der Aufschlag kurzfristig wieder deutlich einengen wird. Doch die jüngste Preissteigerung von Brent gegenüber WTI ist nicht nur kurzfristig markant. An den Terminmärkten geht man weiter von einem teureren Öl für Europa aus. Denn die Preise für Terminkontrakte, die weiter in die Zukunft gehen, sind ebenso deutlich höhergestiegen. (Günther Strobl, Lukas Sustala, DER STANDARD, Printausgabe, 2.2.2011)

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    Imposanter Anblick: Der Suez-Kanal ist eine der wichtigsten Transitrouten für Erdöl.

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