"Lehrerberuf kein Sackgassenberuf"

1. Februar 2011, 17:21
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Walter Herzog, Schweizer Erziehungswissenschafter, über marginalisierte Lehrerbildung, verschüttete Pädagogik und Karrieremöglichkeiten im Klassenzimmer und außerhalb

Standard: Die Schweiz hat wie Österreich auch neue Pädagogische Hochschulen für die Lehrerausbildung gegründet. Obwohl Sie selbst von 2007 bis 2009 Präsident des Schulrats der Pädagogischen Hochschule Bern waren, sind Sie doch ein Befürworter einer Lehrerausbildung an den Universitäten. Was spricht dafür?

Herzog: Die Nähe zur jeweiligen Disziplin, dass die Lehrpersonen mit dem Fach konfrontiert sind. Was sie an den Pädagogischen Hochschulen, die das Fachwissen losgelöst von der Universität vermitteln, nicht sind. Wenn die Qualität der Lehrpersonen, aber auch des Unterrichts verbessert werden soll, muss auch das Fachwissen der Personen besser sein. Dazu kommt, dass der Bezug zur Forschung an der Universität eher gegeben ist als an den Pädagogischen Hochschulen. Und der ist sehr wichtig, auch für Lehrer. Die Uni darf die Lehrerbildung aber nicht marginalisieren. Sie müsste bereit sein, die Lehrerbildung als eigene Aufgabe wahrzunehmen, was nicht so problematisch sein müsste, weil die Universität ja immer erwartet, dass sie gute Studierende bekommt. Und gute Studierende bekommt sie natürlich nur, wenn sie vorher gut ausgebildet worden sind, also die Schulen vorher gut waren. Die Universität müsste daher ein genuines Interesse daran haben, die Lehrerbildung bei sich aufzunehmen.

Standard: Was macht denn einen Lehrer zu einem guten Lehrer?

Herzog: Ein Lehrer muss sein Fach können, also den Stoff beherrschen, den er vermittelt. Das ist die Grundvoraussetzung. Und er muss den Stoff vermitteln können - Vermittlungswissen oder Vermittlungskompetenz haben. Das ist der Kern dessen, was man als Lehrer tut. Das machen andere Berufe ja nicht im gleichen Maß. Andere Berufe wissen zwar vieles, aber sie müssen ihr Wissen nicht an andere Personen weitergeben.

Standard: Sie sagen, Schulpolitik soll den Lehrerberuf "nicht durch technokratisches Denken in seiner Substanz gefährden". Was ist diese Substanz und was gefährdet sie?

Herzog: Im Moment besteht die Gefahr, dass der pädagogische Kern verschüttet wird durch die stark anwachsenden externen Ansprüche an die Schule. Pisa ist ein Beispiel dafür, wie man von außen die Schulen oder die Schulsysteme miteinander vergleicht, aber auch die Bildungsstandards spielen da eine wichtige Rolle. Man will festlegen, was der Output, die Produktivität der Schule ist. Dahinter steht ein technokratisches Modell von Schule. Ein sehr eindimensionales Modell, das den vermittelnden Charakter des Lehrerberufs, wo man immer beide Seiten berücksichtigen muss, ausblendet. Eine Technologie ist etwas, das man anwenden kann, und dann kommt ein Produkt heraus. Wir leben in einer Zeit, wo dieses Modell immer mehr an Bedeutung gewinnt und der Schule aufgedrückt wird.

Standard: Viele Lehrerinnen und Lehrer empfinden diesen Druck auch stark. Schätzungen gehen von bis zu einem Drittel Burnout-gefährdeter Lehrer aus. Wie kann man sie davor schützen?

Herzog: Momentan ist es so, dass sich Politik und Gesellschaft ein Lehrerbild zurechtlegen, das Überforderung und Burnout geradezu institutionalisiert. Ein wesentlicher Punkt sind sicher die Strukturen, die Lehrkräfte davor schützen sollten, dass sie überlastet werden durch zu viele, zu heterogene Aufgaben. Es kommt aber hinzu, dass im Falle des Lehrerberufs die eigene Person stärker in die Berufsaufgabe einbezogen ist als bei anderen Berufen. Man müsste in der Ausbildung vermehrt darauf achten, dass die Lehrpersonen lernen, sich auch abzugrenzen oder bei drohender Überlastung Beratung zu holen. Das sind berufsspezifische Dinge. Die strukturellen Dinge könnte man lösen durch eine stärkere Differenzierung des Berufs.

Standard: Welche Differenzierungen, auch im Sinne von Karrieren, sind denn in der Schule vorstellbar? Jetzt gibt es, überspitzt gesagt, einen Direktor, die Lehrer, Putzfrauen und den Schulwart.

Herzog: Ich kann mir im Lehrerberuf, vermittelt über entsprechende Weiterbildung, als Karrieremöglichkeiten gewisse Spezialisierungen vorstellen. Zum Beispiel auf interkulturelle Pädagogik, Begabtenförderung, Schulentwicklung oder Qualitätskontrolle. Natürlich ist auch Berufswechsel vorstellbar, etwa in die Schulleitung oder über die Schule hinaus. Wir haben in einer unserer Studien festgestellt, dass Lehrer auch in die Bildungsforschung gehen und ein erziehungswissenschaftliches Studium dranhängen oder in Beratungsbereiche oder behördliche Funktionen wechseln. Es ist vieles möglich.

Standard: Wollen Lehrerinnen und Lehrer überhaupt Karriere machen? Jetzt besteht doch eher das Bild vom Direktor als "primus inter pares", und alle anderen Pädagogen sind "Gleiche".

Herzog: Das Modell der Gleichheit im Lehrkörper ist sicher ein gewisses Problem. Interessant ist: Es gab vor zwei Jahren in der Schweiz eine Befragung bei Lehrpersonen, und da fanden Laufbahnmodelle eine sehr hohe Akzeptanz. Es gab zustimmende Werte von 80 bis 90 Prozent. Ich halte es für sehr wichtig, die Attraktivität des Lehrberufs zu stärken, und eine Möglichkeit, sicher nicht die einzige, sehe ich in der Definition von Karrierewegen, die zeigen, dass der Lehrerberuf kein Sackgassenberuf ist, sondern in andere Berufspositionen münden kann. (Lisa Nimmervoll, DER STANDARD, Printausgabe, 2.2.2011)

WALTER HERZOG (geb. 1949) ist Direktor der Abteilung Pädagogische Psychologie am Institut für Erziehungswissenschaft der Uni Bern. Seine Forschungsschwerpunkte: Unterrichtstheorie, Lehrer/innen-Bildung, Koedukation, Multikulturalität, Gewalt. Er leitete u. a. das Nationalfondsprojekt "Klassenmanagement und kulturelle Heterogenität".

  • Pädagogik-Professor Walter Herzog von der Uni Bern kritisiert, dass 
sich "Politik und Gesellschaft ein Lehrerbild zurechtlegen, das 
Überforderung und Burnout geradezu institutionalisiert".
    foto: der standard/urban

    Pädagogik-Professor Walter Herzog von der Uni Bern kritisiert, dass sich "Politik und Gesellschaft ein Lehrerbild zurechtlegen, das Überforderung und Burnout geradezu institutionalisiert".

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