Ach du liebe Selbstfindung!

1. Februar 2011, 17:37
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Philipp Hauß denkt Arthur Millers Drama weiter und lässt mit "Überleben eines Handlungsreisenden" in der Garage X die Therapeuten sprechen

Wien - Es ist ein Dilemma: Du bist 36 und ohne Orientierung. Wovon du immer geträumt hast, war falsch. Du fragst dich: Was soll ich tun? Wo liegt der Sinn, das Ziel? Biff Loman ist dabei, seinen Identitätskomplex zusammenzufügen und setzt auf das Überleben eines Handlungsreisenden.

Regisseur Philipp Hauß erstellt und inszeniert für die Garage X/Theater Petersplatz eine eigenwillige, intelligente Bearbeitung und Fortsetzung des grandiosen Existenz-Dramas von Arthur Miller (Tod eines Handlungsreisenden, 1949).

Entgegen dem Original, lässt er Biffs Übervater Willy (Dietrich Kuhlbrodt) schon zu Beginn den Freitod wählen und eröffnet so dem gescheiterten Sohn Möglichkeiten zur Selbstfindung.

Dieser bleibt nicht in der Hoffnung haften, seine Besonderheiten würden früher oder später erkannt werden: Er geht es "praktisch" an. Dabei sucht sich Biff aber keine Arbeit, die ihn mehr erfüllt als seinen Vater, sondern wird (in geistiger Vierteilung dargestellt von Katrin Grumeth, Gottfried Neuner, David Oberkogler und Ana Stefanovic) in die Behandlungsstuben diverser Mediatoren, Trainer und Heiler geführt. Nach dem Motto ,Nimm das Schicksal in die Hand!': Was früher einmal der Pfarrer war, das nennt sich heute Coach.

Die Angst vor dem Scheitern, die Spurensuche nach dem Sinn im Leben, das sind Themen, die das gegenwärtige Leben bestimmen. Der Mensch hat ein tiefes Bedürfnis nach Selbstreflexion. Und anstelle Trübsal zu blasen, geht Biff in Therapie. Was dabei herauskommt, das zeigen die ausdrucksvollen Schauspieler: Familienaufstellung, Unternehmerberatung, Fünf-Elemente-Ernährung, NLP, Quantenheilung etc. Alles da auf der Bühne von Michael Drobnik und Bettina Kraus. Unheimliche Therapieszenarien und schräge Beratersituationen werden durchgespielt, bekannte Therapeutenphrasen rezitiert. Gottfried Neuner blüht in seiner Rolle als exzentrischer Mediator auf.

Der gesprochene Text basiert auf Rechercheergebnissen der Schauspieler aus Therapie-Besuchen, wobei zugespitzte Formulierungen und überraschende Wendungen Mangelware sind. Vieles ist erwartbar und die tolle Idee erfährt leider eine weniger geglückte Umsetzung. Was kommt am Ende dieses ansonsten kurzweiligen und unterhaltsamen Theaterabends heraus? Nichts ist richtig, nichts ist falsch. In der postmodernen Not ist es nicht einfach mit Utopien. Man geht aber mit dem Gefühl heim, Biff, Alter, ich lass mich nicht verarschen. (Sebastian Gilli/DER STANDARD, Printausgabe, 2. 1. 2011)


>> Garage X, Petersplatz, 2., 9., 10. 2., 18./19. 3. 20.00

  • Wer sind wir und wohin gehen wir? Katrin Grumeth als Splitter-Ich Biff 
Loman - nach Arthur Miller.
    foto: haddad

    Wer sind wir und wohin gehen wir? Katrin Grumeth als Splitter-Ich Biff Loman - nach Arthur Miller.

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