Wenn Wissenschafter zu HipHoppern werden

1. Februar 2011, 16:35
14 Postings

Tausche Labor gegen Bühne: Seine Forschung verständlich präsentieren kann der wissenschaftliche Nachwuchs beim "Science Slam"

Unterhaltung für ein breites Publikum birgt aber auch die Gefahr einer Realitätsverzerrung.

Eine Maus, die täglich Wein trinkt, zeigt im Laufrad eine größere Ausdauer als nüchtern. Schuld daran ist der im Wein enthaltende Inhaltsstoff Resveratrol, erklärt Nachwuchsforscher René Anour dem Publikum.

Dieses besteht aus etwa 300 Zuhörern, die im Wiener Reigen bei Bier und Wein Anours Auftritt verfolgen. "Bühne frei!" heißt es nämlich zum zweiten Mal für die sechs Teilnehmer des "Science Slam" . Das Konzept dahinter: Wissenschaft in sechs Minuten verständlich zu präsentieren und populärer zu machen. "Wir tauschen bewusst Hörsäle gegen Lokale, um eine Durchmischung des Publikums zu erreichen" , erklärt Organisator Bernhard Weingartner. Er selbst ist Physiker an der TU Wien und Gewinner des "FameLab" 2008 (Wissen).

Anours Zeit ist noch nicht abgelaufen. Resveratrol als Leistungssteigerer funktioniere nicht beim Menschen, muss er die Zuschauer enttäuschen. "Wenn ich untrainiert den Vienna City Marathon schaffen möchte, müsste ich täglich mehrere hundert Flaschen Wein trinken" , erzählt er. Mit seiner Weinflasche in der Hand geht Anour schließlich von der Bühne.

Flaschen, Hula-Hoop-Reifen, Bleistifte und Stoffsackerln werden zu Hilfe genommen, die im Uni-Alltag beliebten Powerpoint-Präsentationen sind verboten. Hier sind vor allem Kreativität und Rhetorik gefragt. Manche Jungwissenschafter versuchen auch das Publikum einzubinden.

"Wer möchte die Cholera?" , ruft etwa Johannes Söllner und wirft den Erreger in die Menge. Er ist hellblau, 16 cm lang – und aus Plüsch. Söllner kommt aus dem exotisch klingenden Bereich "Immuninformatik" und beschäftigt sich mit der alternativen Entwicklung von Impfstoffen. Zum besseren Verständnis packt er bunte Legobausteine aus und erklärt mit deren Hilfe die "Kochrezepte" der Gene: Zwischen Rezeptanfang und -ende liegen die Zutaten, die Aminosäuren. Sie bilden bestimmte Codesequenzen, können aber unterschiedlich gelesen werden. Söllner beschäftigt sich mit alternativen Lesarten.

Das Publikum entscheidet

Nachdem das Publikum mehr über biologische Schädlingsbekämpfung, automatisierte Musikerkennung und die Eigenschaften von Graphen, Kohlenstoffe mit wabenförmigen Strukturen, erfahren hat, betritt schließlich Georg Drennig die Bühne. Auf einem Sessel hängen ein grüner Helm, ein grünes Thermo-Unterhemd und eine Jacke. Thema: das "globale Imaginäre" . Darunter versteht Drennig "G'schichtln, die eine Gesellschaft über sich selbst und andere erzählt" . Das Bühnenbild steht für die "typische Relevanz von Sport in Vancouver" .

Gemessen an den Kriterien Inhalt, Verständlichkeit, Präsentation und Kreativität wird schließlich Drennig als bester "Slammer" vom Publikum gekürt. "Ich fühle mich wie ein HipHopper" , sagt er mit Blick auf die dicke goldene Kette der Medaille, die von seinem Hals baumelt. Durch die Teilnahme wolle er "mehr Verständnis für die Wissenschaft und die Wissenschaftlichkeit schaffen" .

Wissenschaft populär aufzubereiten ist zwar ein erklärtes Ziel – Wissenschaftsforscherin Ulrike Felt zeigt sich jedoch skeptisch: "Man kann über den ,Science Slam‘ sicher zur Unterhaltung beitragen und Interesse wecken, dass aber ein Verständnis für die Wissenschaft vermittelt wird, bezweifle ich" , sagt sie.

Gleichzeitig besteht für Felt die Gefahr einer Realitätsverzerrung: "Solche Veranstaltungen geben den Anschein, dass Wissenschaft einfach wäre – die Forschungsrealität, nämlich der harte Wettbewerb, der Publikationszwang und unsichere Arbeitsplätze, wird ganz ausgeblendet." Zuschauer, die nicht zwischen Wissenschaft an sich und dieser Form, sich mit Wissenschaft auseinanderzusetzen, unterscheiden können, würden sich angesichts dieser "Fun-Action" die Frage stellen, wofür Millionen Euro für Forschung investiert werden. Überspitzt formuliert: "Da könnten sie sich fragen: Was ist der Unterschied zwischen einem Wissenschafter und dem Magier im Fernsehen?" , erklärt Felt. Wie komplex oder einfach Wissenschaft nun dargestellt wird, sei daher eine "delikate Balance" .

Nur Akzente setzen

Ursprünglich stammt das Format aus Deutschland. Dessen Erfinder, der Verständlichkeitsforscher Alex Dreppec, zeigt sich optimistisch: "Der ,Science Slam‘ allein kann das Ziel, Wissenschaft populärer zu machen, sicher nicht erfüllen, aber entsprechende Akzente setzen." Seit 2006, als die Wissenschafter erstmals in Dortmund "slammen" durften, hat sich der Wettbewerb auf die wichtigsten Uni-Städte ausgebreitet. Die Sieger treten abschließend im deutschlandweiten Wettbewerb gegeneinander an. Wie sich die Szene in Österreich entwickeln wird, bleibt für Felt unklar: "Das ist ein zu junges Phänomen, um zu sehen, wie viele Leute sich auf Dauer dafür interessieren."

Geplant wird jedenfalls schon: Der dritte "Science Slam" , vom Wiener Zentrum für Innovation und Technologie (ZIT) unterstützt, soll Mitte März in Wien stattfinden.(Sophie Niedenzu/DER STANDARD, Printausgabe, 02.02.2011)

=> Wissen: Bühne frei für die Wissenschaft


Wissen: Bühne frei für die Wissenschaft

Auch beim "Famelab" bekommen Nachwuchswissenschafter Gelegenheit, ihre Forschung zu präsentieren. Der vom Wissenschaftsministerium veranstaltete Wettbewerb findet zum fünften Mal statt. Die Vorentscheidungen dazu werden in Innsbruck (5. 4.), Graz (8. 4.) und Wien (12. 4.) durchgeführt. Im Gegensatz zum "Science Slam" kürt hier nicht das Publikum, sondern eine Fachjury den Sieger. Gesucht werden Natur- und Technikwissenschafter zwischen 21 und 35 Jahren. Der Sieger qualifiziert sich für das Finale in Cheltenham, England. (sni)

  • Beim "Science Slam" zählt Kreativität: Immuninformatiker Johannes Söllner verdeutlicht mit Legosteinen alternative Lesearten von Aminosäure-sequenzen, den "Zutaten" für Gene.
    foto: braumann

    Beim "Science Slam" zählt Kreativität: Immuninformatiker Johannes Söllner verdeutlicht mit Legosteinen alternative Lesearten von Aminosäure-sequenzen, den "Zutaten" für Gene.

Share if you care.