Sozialvoyeurismus für Fortgeschrittene

1. Februar 2011, 15:53
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Der soziale Wohnbau ist nicht nur Heimat für fast ein Viertel der Bevölkerung in Wien, sondern auch oft sozialer Brennpunkt und Betätigungsfeld für Sozialvoyeure

Wenn Michaela* ihre Wohnung verlässt, trägt sie immer ein gewisses Gefühl des Unbehagens mit sich. Der Gang durch den Innenhof der großzügigen Wohnanlage erscheint ihr manchmal länger als er tatsächlich ist. Als die 23 Jährige Soziologiestudentin in einen Gemeindebau in den fünften Bezirk einzog, wusste sie noch nicht ganz genau was sie erwartet. Vieles hatte sie über den Mikrokosmos Gemeindebau schon gehört, darunter aber nur wenig Erbauliches. "Ich hielt die oft zitierte Gemeindebaukultur für eine trostlose Sackgasse, in der sich die Menschen häufig streiten und in der alles zugemüllt ist." Doch das ist nicht alles was Michaela zu schaffen macht. Unwohl fühlt sich die gebürtige Deutsche auch, weil sie nur einen "Zwischenmietvertrag" mit der eigentlichen Mieterin besitzt. Seit etwa einem Jahr lebt sie nun in der Wohnung die jemand anderem gehört, in stetiger Angst nicht zu viel Aufmerksamkeit auf sich zu lenken.

Illegale Weitervermietung

"Aus Angst aufzufliegen habe ich sogar manchmal überlegt mir einen österreichischen Akzent zuzulegen, um nicht gar so aufzufallen." Die gemeinsame Waschküche sucht sie nie auf - sie möchte sich nicht den Fragen neugieriger Bewohner aussetzten. Mit ihren Ängsten steht Michaela nicht alleine da, so wie ihr ergeht es vielen Bewohnern, die ihre Gemeindebauwohnung von Mietern weitervermietet bekommen haben, die ihre günstigen Wohnungen nicht aufgeben möchten. Da sich die Konsequenzen für unerlaubte Weitervermietung in Grenzen halten (Verlust der Wohnung und fünf Jahre Sperre bei "Wiener Wohnen") gehen noch immer viele das Risiko ein, ihre Wohnung für etwas mehr Geld zu vergeben. Mittlerweile hat sich Michaelas Furcht aber etwas gelegt, betont sie und meint, dass sich ihr "Kontakt" mit den Nachbarn lediglich auf das unvermeidliche "Mithören" durch die dünnen Wände beschränkt.

Intoleranz und Neugier

Der "Lärm" hat auch Stefan* auf seine Nachbarn aufmerksam gemacht. Nach nicht ganz einem halben Jahr in einem Gemeindebau in Favoriten wurde der Mittzwanziger von seiner Nachbarin wegen angeblicher Lärmbelästigung angezeigt. Er bekam einen Brief von Wohnpartner, dem Nachbarschafts- und Betreuungsservice im Wiener Gemeindebau, in dem er auf „ein Problem in seinem Stiegenhaus" aufmerksam gemacht wurde. In einem unverbindlichen und vertraulichen Gespräch sollte er seine Sichtweise auf die Konflikte erläutern können. „Ich war überrascht und hielt den Brief zunächst für ein informelles Schreiben." Ein Gespräch mit einem der Mitarbeiter von Wohnpartner sollte den ausgebildeten Schlosser dann auf den Boden der harten Gemeindebaurealiät holen. Die Nachbarin unter ihm hatte sich über das „zu laute Gehen" bei der Betreuungseinrichtung gemeldet.

So wie Stefan ergeht es vielen Bewohnern in den Gemeindebauten, oft sind sie der Intoleranz und Neugier älterer Bewohner ausgesetzt, die selbst die kleinste Veränderung im Mikrokosmos Gemeindebau aus ihrer behaglichen Ruhe bringt. "Ich habe schnell die Erfahrung gemacht, dass manche alteingesessne Bewohner eine unterschwellige Stasi Mentalität haben, jede unwichtige Kleinigkeit wird gleich weitergeleitet", sagt Stefan und schüttelt noch immer ungläubig den Kopf über das, was ihm widerfahren ist. Dennoch gehört dieser Konflikt zu den lösbaren Fällen, die zwischen Bewohnern entstehen. Über die gröberen Fälle liest man später in der Zeitung, wie ein älterer Bewohner in Stefans Gemeindebau süffisant erzählt.

Soziales Spannungsfeld Wiener Gemeindebau

Der Sozialer Wohnbau hat Wien geprägt wie kaum ein anderes Projekt im letzten Jahrhundert. Aufgrund der der desaströsen Wohnsituation vieler Arbeiterfamilien zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurde der soziale Wohnbau Lieblingsprojekt des roten Wiens und gleichzeitig eine ihrer größten Errungenschaften. Ein Mammut-Projekt, in dem heute viele unterschiedliche Lebenswelten aufeinanderprallen. Dabei gehörten die Gemeindebauten vor der letzen Wiener Landtagswahl zu den Hauptwahlkampfgebieten. Vor allem die FPÖ kürte die Gemeindebauten zu einem ihrer wichtigsten Jagdgebiete für neue Wählerstimmen. Mit herausragendem Erfolg, wie sich herausstellen sollte.

Obwohl den überwältigenden Anteil der Gemeindebaubewohner "gebürtige Österreicher" ausmachen, wird der Zuzug von Menschen mit Migrationshintergrund von vielen alteingesessenen Bewohnern als größtes Problemfeld betrachtet. In sozialen Brennpunkten wie dem Rennbahnweg im 22. Wiener Gemeindebezirk reicht ein klärendes Gespräch wie bei Stefan mit einem "Wohnpartner"-Mitarbeiter meistens nicht mehr aus. Dort entwickeln sich aus anfänglichem Sozialvoyeurismus, schnell schon mal gewaltsame Konflikte. Dabei wird selbst banale Lärmbelästigung gleich zu interkulturellen Auseinandersetzungen aufgeschaukelt. Wenn spielende Kinder mit Migrationshintergrund dann auch noch zu viel Lärm im Hof verursachen und harmlose Alltagsreibereien intensiver werden, kochen die Emotionen alteingesessener Gemeindebaubewohner auch schon mal über. So wie im 10. Wiener Gemeindebezirk, wo ein Österreicher vor wenigen Jahren auf einen türkischstämmigen Buben schoss.

Michaela hat von richtigen Konflikten noch nicht viel mitbekommen. Damit gehört sie zu einer repräsentativen Mehrheit: Laut einer Umfrage der Gemeindebau-Verwaltung Wiener Wohnen bekommen solche Auseinandersetzungen nur acht Prozent aller Gemeindebaubewohner jemals mit. "Eigentlich finde ich es hier schon recht beschaulich, vor allem wenn ich die Menschen mit ihren Haustieren im Hof spazieren sehe", sagt Michaela. Manchmal grüßt sie auch ein älterer Herr, wenn sie vorbeigeht. Dann fühlt sie sich auch willkommen und vergisst ihre Paranoia. "Das ist eigentlich die Atmosphäre, die ich täglich gern hätte", erklärt Michaela. (Armand Feka, 01. Februar 2011, daStandard.at)

*Name von der Redaktion geändert

  • Der Sozialer Wohnbau hat Wien geprägt wie kaum ein anderes Projekt im letzten Jahrhundert.
    foto: armand feka

    Der Sozialer Wohnbau hat Wien geprägt wie kaum ein anderes Projekt im letzten Jahrhundert.

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