Viele Libro-Bücher, aber keiner prüfte mehr genau

1. Februar 2011, 18:34
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Libro-Aufsichtsrat ließ verfehlte Budgetzahlen von jenem Berater prüfen, der an Plänen mitarbeitete

Wiener Neustadt - Die ersten acht Tage im Libro-Prozess mit den Einvernahmen der fünf Angeklagten rund um Ex-Libro-Chef André Rettberg im Landesgericht Wiener Neustadt versprechen eines: spannende Zeugeneinvernahmen im März. Insbesondere die Befragung von Hypo-Alpe-Adria-Chef Gottwald Kranebitter am 2. März wird von den Verteidigern begierig erwartet. War der Wirtschaftsprüfer damals doch Chef der KPMG Austria und somit für jene zahlreichen Expertisen, Stellungnahmen und Gutachten verantwortlich, mit denen die fünf Angeklagten im Libro-Prozess ihre damaligen - aus Sicht der Staatsanwaltschaft strafbaren - Beschlüsse und Handlungen zu legitimieren suchen.

Zur Erinnerung: KPMG beurteilte im Frühjahr 1999 in einer "Stellungnahme" die vom Unternehmen als zukunftsträchtig und äußerst lukrativ beschriebene Deutschland-Expansion, die aus drei - notorisch verlustreichen - Libro-Filialen in Rosenheim binnen Jahresfrist florierende Entertainment-Läden in Berlin und Nordrhein-Westfalen machen sollte. Diese (im Rückblick offensichtlich zu) optimistische Prognose diente dem Libro-Vorstandsduo André Rettberg und Johann Knöbl sowie der Aufsichtsratsspitze (Stiassny und WU-Professor Christian Nowotny) als Freibrief für eine Aufwertung der Deutschland-Aktivitäten in der Bilanz 1998/1999, die im Zuge der Einbringung in eine andere Libro-Tochter erfolgte.

Dass diese Aufwertung just so hoch ausfiel, dass Libro in der Lage war, umgerechnet 31,9 Mio. Euro Gewinn auszuschütten, wie Staatsanwalt Johann Fuchs argwöhnt, bestreiten die der Bilanzfälschung, schweren Betrugs und Untreue Beschuldigten.

Limited Review

Darüber hinaus hat KPMG auch den "Limited Review" erstellt, jenen Bericht für den Börsenprospekt, den die mit dem Libro-Börsengang betraute Investmentbank Credit Suisse First Boston "über die Plausibilität der Libro-Planzahlen" verlangte, wie Ex-Libro-Präsident Stiassny (führte damals den Mittelstandsfinanzierer UIAG, der Libro mit anderen Investoren von der Wlaschek-Privatstiftung gekauft hat) am Dienstag ausführte.

Dieser, Ende August 1999 erstellte KPMG-Review enthielt offenbar bereits ernsthafte Zweifel am Libro-Geschäftsmodell inklusive des aufgrund der Sonderdividende von 511 auf 8,8 Millionen Schilling geschrumpften Eigenkapitals, das einer Auffüllung mittels Emissionserlös harrte. Gesehen will diesen Bericht bei Libro niemand haben, nicht der Vorstand, nicht der Aufsichtsrat.

Nach dem Börsengang im November lief das üblicherweise wie geschmiert laufende Weihnachtsgeschäft mit Büchern und Datenträgern träge, nachdem bereits das Schulanfangsgeschäft hinter den Budgetplanzahlen zurückgeblieben war. Die mit dem Emissionserlös auf rund 60 Millionen Euro fast halbierte Schuldenlast begann, sich auf Vor-Börsen- und Nach-Sonderdividenden-Sphäre zu verdoppeln. Ende Juli 2000 diskutierten der Aufsichtsrat "über Planabweichungen im Ergebnis vor Zinsen und Steuern im Volumen von 229 Millionen Schilling (17 Millionen Euro)" , wie Stiassny sagt. Davon die Hälfte kam aus Libro-Österreich, bisher ein Selbstläufer, nun auch Problemfall.

Als auch das Weihnachtsgeschäft 2000 floppte, kaufte der Aufsichtsrat neuerlich Rat ein: Bei KPMG, die prüfen sollte, "ob die Pläne plausibel sind und was zu tun ist, damit sie realisierbar sind" , wie Stiassny sagte. "Warum wieder die KPMG?", will Richterin Borns wissen, "das wäre ja so, als würde ich mein eigenes Urteil in der zweiten Instanz bearbeiten und das könnte vielleicht weniger kritisch ausfallen."

Stiassny: "Die musste sich nicht einarbeiten. Ich dachte, die würden besonders kritisch prüfen, und Ursachen aufspüren, warum ihre eigenen Pläne nicht eingetreten sind. KPMG hat damals einen Ruf zu verlieren gehabt." (ung, DER STANDARD, Printausgabe, 2.2.2011)

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