Hintergrund

Chinas fragwürdiges Erfolgsmodell

1. Februar 2011, 10:16

Mehr und mehr werden die Erziehungsmethoden hinterfragt, die angeblich hinter dem chinesischen Erfolgsmodell stehen

Im Internet wogt die Debatte über Amy Chua, die einen ethnisch-chinesischen Hintergrund mitbringt. Aber anders, als es sich der Westen vorstellt, üben die meisten Pädagogen, Lehrer und erstaunlich viele Eltern in dutzenden Zeitungen Kritik an der unter ständigem Leistungsdruck stehenden Erziehung, mit der Amy Chua ihre Töchter zum Erfolg drillte.

Schon der Titel der Übersetzung musste für China abgeändert werden: Mutter sein in den USA heißt das Buch und nicht wie in den USA Battle Hymn of the Tiger Mother ("Schlachtruf der Tigermutter", auf Deutsch als Die Mutter des Erfolgs herausgegeben). Um Kritik vorzubeugen, sagte Amy Chua zu Chinas Presse, sie gebe gar nicht vor, eine chinesische Mutter zu sein. Ihr Buch schildere, wie sie als traditionell chinesisch erzogene US-Einwanderin ihre in den USA aufwachsenden Kinder vor dem für Immigranten besonders schweren US-Hintergrund erzogen habe, sich zu behaupten, indem sie bei allem die Besten sein müssen.

Zwischen den Stühlen

Amy Chua bedient mit ihrem Buch zwei völlig unterschiedliche Debatten in West und Ost und setzt sich damit zwischen zwei Stühle: In den USA oder Europa trifft sie auf das Unbehagen über Fehlentwicklungen und Versäumnisse einer zu beliebig gewordenen Bildungsvermittlung, deren Mängel wie Leseschwächen etwa bei den Pisa-Tests aufgedeckt wurden. In China aber erscheint ihr Buch vor dem Hintergrund einer wachsenden Ablehnung des stupiden Einpaukdrills im eindimensionalen chinesischen Schulsystem.

Immer mehr modern denkende Chinesen wollen über Reformen aus der als Sackgasse empfundenen, nur auf Bestnoten bei Prüfungen ausgerichteten Ausbildung heraus. Sie verstehen daher auch nicht den Hype im Westen um die selbstverständlich erfolgreichen Schanghaier Schüler bei den Pisa-Tests oder um Chuas Buch.

Vor allem verstehen sie nicht, wie Chinas nach dem Chaos der Kulturrevolution wiederhergestelltes Eliten-Ausbildungssystem, das neben der Schule durch den Druck der Ein-Kind-Familie auch noch über die Eltern verschärft wurde, vom Westen als Erklärung für den Aufstieg Chinas betrachtet wird. "Während wir zum Konsens kommen, dass unsere Knüppelerziehung keine Zukunft hat", werde diese von außen gelobt, empören sich dutzende renommierte Pädagogen in der Wochenzeitschrift Nanfang Zhoumo.

Sie handeln das Buch von Amy Chua unter der Überschrift ab: "Warum erschüttert Chinas 'Tigermutter' die USA?" und geben zur Antwort: "Es ist nicht so, dass wir hier so stark sind, sondern, dass ihr euer Licht unter den Scheffel stellt." Das Ziel einer erfolgreichen Ausbildung müssten selbstständige, selbstbestimmte und zur Innovation fähige Bürger sein.

Kritische Chinesen haben den Namen von Amy Chua zu einem Wortwitz verarbeitet, den die von der Nachrichtenagentur Xinhua herausgegebene Zeitschrift Herald vorstellt: Fragt eine Mutter die andere: "Bist du auch so eine Amychua-Mutter?" - "Ja, ich amychuae meine Kinder."- "Wirklich? Weißt du nicht, dass Amychuaen erwiesenermaßen schädlich für Kinder ist?"- "Aber ich amychuae sie doch schon lange. Was kann ich machen?" - "Sammle schon einmal Geld, um die Spätfolgen zu bezahlen." (Johnny Erling aus Peking, 1.2.2011)

 

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12 Postings
Gilgamesch
21

ich verstehe auch nicht, warum im westen symphatie für diese art der ausbildung von kindern aufkommt.
so ein drill führt doch nur zu einem burn-out früher oder später.
so schlecht sind die westlichen systeme nicht, sie müßten nur mit neuem leben erfüllt werden. mit engagierten, bestens vorbereiteten lehrern. das geht aber nur mit lehrern, die sich berufen fühlen für diesen job und ihn nicht nur gewählt haben wegen der vielen freien zeit. und die bezahlung muß der wichtigkeit ihrer tätigkeit entsprechen ...

sotho talker
 
00
vor allem gehts um innovation

das haben die chinesen richtig erkannt.

Das Ziel einer erfolgreichen Ausbildung müssten selbstständige, selbstbestimmte und zur Innovation fähige Bürger sein.

genau das erreicht man mit der "shanghai methode" nicht.

mit unserer methode erreicht man es zumindest innovation da man sie aus den schülern nicht rausprügelt. (metaphorisch gesagt)

die "shanghai methode" macht etwas richtig: man muss die schüler motivieren. die motivationsmethode ist aber falsch, der preis ist hoch.

wir antiautoritäre erziehung hat nichts mit laissez-faire zu tun auch wenn viele hier das glauben.

sondern mit methoden der motivation von klein auf. motivation vorleben und lernen.

wird schwer werden das mit der "lost generation" aufzuholen...

powerpack
00

solche erziehungsmethoden gab's doch auch früher bei uns - tlw sogar noch drakonischer. und wo hat's die gesellschaft damals hingeführt - nirgendwo hin!

diese erziehungsmethoden haben ihren ursprung ja ganz klar in autoritärem gedankegut, dass anno dazumal auch bei uns - und in china noch heute - weit verbreitet war.

am ende ist das ganze eine einbahnstraße, da gedrillter erfolg in schule und uni am ende mitnichten auch erfolg im leben bedeuten müssen. im gegenteil - echter erfolg kommt von kreativität und querdenken. und diese beiden dinge können kaum über drill vermittelt werden.

Emil i Lönneberga
01

Sie simplifizieren zu sehr. Die damaligen Schulen kannten nicht nur drillmässiges Lernen, sondern Lernen wurde auch als positiv vermittelt. (Und das gilt auch für Menschen aus dem ostasiatischen Kulturkreis. Chinesische Studenten, die ich in Nordamerika kannte waren volle Streber. Sie waren aber in gewisser Hinsicht von ihren Eltern verwöhnter als andere)

Übrigens: welche Schulausbildung genossen die österreichischen wissenschaftlichen Nobelpreisträger? Die kamen allesamt noch aus dem k.k. System oder davon noch stark geprägten System. Und da waren durchaus Querdenker dabei.

Nur ein Unterschied: Die Studenten, die ich in NA kannte beschwerten sich wenn eine Vorlesung ausfiel, bei uns freut man sich.

sotho talker
 
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das kam ganz darauf an

welchen ausbildungsweg sie in der K&K monarchie bestritten haben.

ganz allgemein würde ich annehmen je höher die klasse desto besser wurden die kinder gefördert...

Emil i Lönneberga
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"je höher die klasse"

Nicht unbedingt, die alte Aristokratie war damals berüchtigt dafür, dass sie zu nichts zu gebrauchen war.
(höchstens als Diplomaten, weil sie mit Messer und Gabel essen konnten. Das hat aber auch noch Kreisky als Bonus angesehen.)

powerpack
01

kleiner zusatz noch: chinas "erfolgsmodell" beruht im wesentlichen auf dem ausbeuten von millionen rechtloser menschen und nicht auf gutausgebildeten eliten. wann kamen jemals innovationen aus diesem land?

Hans Krankls Frisör
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Bitte setzt im zweiten Absatz beim chinesischen und deutschen Titel Anführungszeichen. Das ist schwer zu lesen.

Herbert Novak1
01
Eine Bildungsdebatte ist eröffnet

Chuas Erfolg ist nicht das Buch oder ihre Kinder, sondern eine Debatte eröffnet zu haben. 'Das Wort Tigermutter' hat auch eine andere Bedeutung in China ...

komischerVogel
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welche?

Emil i Lönneberga
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Weibliches Tier der species panthera tigris mit Jungen.

komischerVogel
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und was wär dann die "andere"?

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