Eine eindeutige Botschaft aus dem Freiheitsgebet

31. Jänner 2011, 18:37
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In Ägypten könnte sich eine islamische Revolution à la Khomeini wiederholen - von Homayoun Alizadeh

Es sind mehr als dreißig Jahre her, dass das iranische Volk auf die Straße ging, um das Schah-Regime zu stürzen. Die Geschichte wiederholt sich. Die Bilder des heutigen Volksaufstandes in Ägypten gleichen denen der Massenbewegung von Februar 1979. Vor allem die jungen Menschen auf den Straßen, der Rücktritt der Regierung, die Ernennung eines neuen Ministerpräsidenten, die Präsenz der Armee, die Annäherung der Bevölkerung an die Militärs sowie die nächtliche Ausgangssperre sind gemeinsame Merkmale beider Revolutionen.

Damals, 1979, gab es weder Internet noch Mobiltelefone, in Ägypten sind sie derzeit gesperrt. Trotzdem können sich die Demonstranten in Ägypten wie damals im Iran auf anderen Wegen (z. B. Moscheen) untereinander verständigen. Auch die Ursachen für die Revolution sind die gleichen: Armut, fehlende soziale und medizinische Einrichtungen, Misswirtschaft, hohe Arbeitslosigkeit vor allem bei den Jugendlichen, Korruption, Machtmissbrauch, fehlende Demokratie sowie Verletzung der fundamentalen Menschenrechte.

Die Demonstranten in den großen Städten Ägyptens tragen die ägyptische Flagge sowie Transparente mit der Parole "Weg mit dem Mubarak-Regime!" , während auf den Straßen im Iran die Bilder von Ayatollah Khomeini die Richtung der Revolution vorzeigten.

Genau hier aber liegt der große Unterschied: Während Khomeini die Hauptfigur der iranischen Revolution darstellte, ist die Frage noch offen, wer aus dem Volksaufstand gegen Mubarak hervorgehen wird. Offen ist auch, ob und wieweit sich das ägyptische Volk von der iranischen Revolution beeinflussen bzw. inspirieren lassen wird. Und ob die ägyptische Armee sich wie im Iran verhalten wird.

Seinerzeit waren die Westmächte der Meinung, dass mit dem Volksaufstand im Iran das vor allem von den USA unterstützte Schah-Regime beseitigt, aber zugleich Khomeini mit seiner religiös-islamischen Einstellung eine antikommunistische Politik verfolgen und somit ein Garant für die Doktrin der Eindämmungspolitik gegenüber der Sowjetunion, sein würde.

Heute sind sich die Westmächte und Russland darin einig, dass eine Machtübernahme der Muslimbruderschaft, die die Errichtung eines Gottesstaates à la Khomeini in Ägypten zur Folge haben könnte, eine große Gefahr für die Stabilität und Sicherheit in der ganzen Region bedeuten würde. Die Botschaft aus dem jüngsten Freitagsgebet in Teheran ist eindeutig: "Die politische Achse des neuen Nahen Ostens wird bald die islamische Führerschaft und eine Demokratie sein, die auf Religion basiert" . Und: "All die Proteste in Ägypten, Tunesien, Jordanien und im Jemen sind durch die iranische islamische Revolution inspiriert." (derStandard.at, 29. 1.).

Auch soll hier daran erinnert werden, dass die Revolution im Iran am Anfang nicht von den Khomeini-Anhängern getragen wurde, sondern von nationalen und demokratischen Kräften wie etwa der Partei von Mossadegh, der Nationalen Front, der Freiheitsbewegung von Mehdi Bazargan (erster Ministerpräsident nach der Revolution) sowie zahlreichen Intellektuellen, welche sich einen demokratischen Iran wünschten. Dass Khomeini mit seinen Anhängern die Revolution in eine ganz andere Richtung lenkte und einen islamischen Gottesstaat errichtete, war sicherlich nicht im Sinne der Bewegung gegen das Schah-Regime gewesen.

Richtung Menschenrechte?

Welche Rolle werden also die religiös-islamischen Bewegungen, die sich aus politisch-strategischen Gründen bei den Massenkundgebungen noch im Hintergrund halten, bei der Gestaltung des Post-Mubarak-Regimes spielen? Und wie weit werden andere politische Kräfte im Lande in der Lage sein, durch nationale Einheit Ägypten aus der derzeit prekären wirtschaftlichen und politischen Lage und in Richtung Demokratie und Wahrung der fundamentalen Menschenrechte zu lenken?

Man kann zumindest davon ausgehen, dass die ägyptische Armee nicht denselben Fehler begehen wird wie die iranische, die sich seinerzeit mit den Khomeini-Anhängern verbündete und nach der Revolution dennoch einen hohen Preis bezahlte. (DER STANDARD, Printausgabe, 1.2.2011)

Homayoun Alizadeh (58), aufgewachsen im Iran, arbeitete im österreichischen Innenministerium und für die Uno. Zurzeit ist er Chef des Südostasien-Büros des UN-Hochkommissariats für Menschenrechte in Bangkok.

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