Betäubungstropfen aus dem Baumarkt

31. Jänner 2011, 17:46
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Beim Frauennotruf melden sich immer mehr Opfer von Betäubungsattacken - Manche Substanzen sind legal im Handel erhältlich

Wien - An das vollgekotzte Klo kann sich Anna P. noch erinnern. Und daran, dass die Übelkeit schlagartig gekommen war; ihren ersten Drink an der Bar einer Disco am Stadtrand von Wien hatte sie noch gar nicht ausgetrunken. Danach: Filmriss. Sie weiß nicht mehr, dass Freundinnen ihre Eltern angerufen haben und der Vater die benommene Tochter nach Hause gebracht hat. Am folgenden Morgen wachte die 16-Jährige wieder auf, ihr Erlebnis war ihr nur peinlich. Dabei trifft sie gar keine Schuld. Denn höchstwahrscheinlich hatte ihr jemand etwas ins Getränk gemischt, was im Volksmund "K.-o.-Tropfen" genannt wird.

Anzeige haben die Eltern nicht erstattet, sie waren froh, dass ihre Tochter wieder okay war. Auf Facebook hat Anna P. später entdeckt, dass sie kein Einzelfall ist. Dutzende Internetforen sind voll von ähnlichen und schlimmeren Schilderungen. Auch der Wiener Frauennotruf (01-717 19) bestätigt eine Häufung von sexualisierter Gewalt an Frauen, die mit unterschiedlichen Substanzen betäubt oder willenlos gemacht werden. Deshalb läuft nach Graz und Salzburg nun auch in Wien die Kampagne "Mich kriegst du nicht K.O." Frauenstadträtin Sandra Frauenberger (SPÖ) setzt auf Information und die Stärkung eines gesunden Misstrauens: "Habt Spaß, aber seid wachsam, nicht jede Einladung auf ein Getränk ist gut gemeint. " Frauenberger appelliert vor allem an Freundinnen, aufeinander aufzupassen.

Bei Eventveranstaltern will man das Problem nicht herunterspielen. Doch bisher seien keine Vorfälle gemeldet worden, heißt es beispielsweise bei Fusion Events oder Sunshine Enterprises, die unter anderem die Passage in der Wiener Innenstadt bespielen.

Nicht lange nachweisbar

Tatsächlich gibt es nur selten Beweise für den Einsatz von K.-o.-Tropfen - auch in Fällen, in denen Männer statt einer vermeintlichen Liebesnacht ausgeraubt werden und mit Brummschädl aufwachen. Denn die meisten Substanzen, die Menschen schnell vorübergehend außer Gefecht setzen, sind nur sechs bis zwölf Stunden im Blut oder Urin nachweisbar. Oft werden entsprechende Erlebnisse deshalb auch ins Reich der Urban Legends verwiesen oder mit zu viel Alkohol erklärt.

Tatsache ist aber auch, dass betäubende Substanzen leicht verfügbar sind. Oft wird im Zusammenhang mit K.-o.-Tropfen "flüssiges Ecstasy" genannt, die chemische Bezeichnung dafür ist Gammahydroxybutyrat (GHB). Laut EU-Drogenbeobachtungsstelle in Lissabon tauchte GHB vor allem in den 90er-Jahren "im erlebnisorientierten Nachtleben" auf, auch Bodybuilder konsumierten die Betäubungsdroge wegen ihres Effekts auf die Wachstumshormone. Mittlerweile steht GHB auf der Suchtgiftliste. Doch ihre beiden Grundstoffe Gammabutyrolacton (GBL) und 1,4-Butandiol sind leicht erhältlich - teilweise in Produkten aus dem Baumarkt. Allen gemeinsam ist, dass höhere Dosen komatöse Zustände und Mulitorganversagen auslösen können.

Sechs Gäste, die im Vorjahr in einem Wiener Gürtellokal GBL-Drinks serviert bekamen, hatten Glück. Sie erwachten aus der Bewusstlosigkeit. Der 42-jährige Spender muss sich wegen Körperverletzung verantworten. (Michael Simoner, DER STANDARD/Printausgabe 01.02.2011)

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    Prost. Aber nicht jede Einladung ist gut gemeint, wie zunehmende Berichte über K.-o.-Tropfen beweisen. Die Wiener Frauenstadträtin Sandra Frauenberger appelliert vor allem an Freundinnen, in Lokalen mehr auf- einander aufzupassen.

  • Nach Graz und Salzburg läuft nun auch in Wien die Kampagne "Mich kriegst du 
nicht K.O.".
    foto: frauenabteilung der stadt wien

    Nach Graz und Salzburg läuft nun auch in Wien die Kampagne "Mich kriegst du nicht K.O.".

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