Die Tigermutter, das Puppenhaus und der Drill

31. Jänner 2011, 19:08
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    foto: dapd/moore

    Amy Chua, Provokation mit Selbstironie.

Amy Chua schildert ihre Brachialpädagogik und trifft den Nerv eines zunehmend verunsicherten Amerika

Als Lulu sieben war, sollte sie ein schwieriges Klavierstück spielen, Der kleine weiße Esel von Jacques Ibert. Sie konnte es nicht, die Mutter drängte sie immer forscher, irgendwann zerriss das Mädchen wütend das Notenblatt. Der Streit endete damit, dass Mama Amy Lulus Puppenhaus ins Auto packte und drohte, es bei der Heilsarmee abzugeben - falls sie den kleinen weißen Esel am nächsten Tag nicht perfekt beherrschte. "Und ich sagte ihr, keine Geburtstagsfeiern mehr für die nächsten zwei, drei, vier Jahre." Mutter und Tochter übten bis spät in die Nacht, das Abendessen fiel aus, Lulu durfte nicht einmal aufstehen, um auf die Toilette zu gehen. Und dann konnte sie es.

Hunderttausende Amerikaner kennen sie inzwischen, die Geschichte mit dem Piano. Die Erziehungsberatung der Tigermutter, wie sich Amy Chua nennt, weil sie im chinesischen Jahr des Tigers geboren wurde, hat auf Anhieb den Sprung in die Bestsellerlisten geschafft. Talkshows reißen sich um die Autorin, der Bildungsminister nimmt Stellung. Seit langem hat kein Titel mehr für so viel Furore gesorgt wie der Schlachtruf der Tigermutter.

Chua, Tochter chinesischer Einwanderer, lehrt Recht an der Eliteuniversität Yale. Sie ist verheiratet mit Jed, einem Juraprofessor mit jüdischen Wurzeln, und hat zwei Töchter, die sie voller Ehrgeiz zu Höchstleistungen treibt. Die Regeln, die sie für Sophia und Louisa (alias Lulu) aufgestellt hat, sind so einfach wie drakonisch: kein Fernsehen, keine Computerspiele, nie bei Freundinnen übernachten. Immer die Klassenbeste sein. "Westliche Eltern werden ihr Kind schon für eine Eins minus loben. Die chinesische Mutter wird nach Luft schnappen und fragen, was falsch gelaufen ist."

Als die Töchter ihr zum Geburtstag Kinderzeichnungen schenkten, gab sie die tadelnd zurück: zu schnell hingekritzelt, halbe Sachen akzeptiere sie nicht. Sophia, heute 18, wurde einmal als "Abfall" beschimpft, nachdem sie sich im Ton vergriffen hatte. Einen Abend lang musste sie um ihre Plüschtiere bangen: Amy wollte sie verbrennen, falls ihre Finger nicht flinker über die Klaviertasten liefen.

Was für eine Provokation! Dass die Tigermama einen Nerv trifft, hat wohl mit ausgeprägter Konkurrenzangst zu tun. China ante portas: Die Furcht, das Reich der Mitte könnte dereinst die Welt dominieren, ist so sehr Mode und so überzogen, wie es bis 1990 der Respekt vor den japanischen Exportweltmeistern war. Und dass im Schulalter etwas falsch läuft in der Heimat hochkarätiger Eliteschmieden wie Harvard oder Stanford, wissen die Amerikaner selber. Beim letzten Pisa-Test landeten US-Schüler beim Lesen auf Rang 17, in Mathematik gar nur auf dem 31. Platz.

Aber kann Brachialpädagogik der Ausweg sein? "Nicht für mich", sagt Betty Ming Liu, eine chinesischstämmigen Publizistin. "Eltern wie Amy Chua sind der Grund, warum Leute wie ich eine Therapie brauchen."

Was untergeht, ist die feine Selbstironie, die passagenweise mit drinsteckt in den 232 Ratgeberseiten. "Wissen Sie was", lässt Chua ihre Kritiker wissen, "ich wollte mir den Spiegel vors Gesicht halten. Ich wollte lachen über mich selber." (Frank Hermann aus Washington, DER STANDARD, Printausgabe, 1.2.2011)

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Theatre of Tragedy
00
21.2.2011, 09:04
Sie wollte über sich selbst lachen?

Ich würde mich selber schlagen wollen, wenn ich so ein fanatischer Elternteil werde.

lawiesalon
 
00
20.2.2011, 22:22
Die Kinder ein Fall für die Fürsorge

Die Mutter (was ist mit dem Vater?) ein Fall fürs Gefängnis. Wären die Töchter Söhne, würde ich sagen: Netter Serienkillernachwuchszuchtbetrieb.
Ist das ein Lehrbuch für mittelalterliche Schwarzpädagogik? Wozu soll's gut sein, das Turbogetue (vgl. Pareto 20/80)?

Heavyweather
10
19.2.2011, 22:15

Ich könnt ein Buch darüber schreiben wie man mit möglichst geringer Leistung enorme Erfolge erzielen kann...tu ich aber nicht...zu faul und beschäftigt damit Geld aus zu geben...

Arme Kinder...obwohl die ist eh schon 18...wenn man lieb zu der ist lässt sich die sicher leicht flach legen.

teifl eini
01
18.2.2011, 16:43
ein sturm im wasserglas

ich frage mich, wieso erziehungsbücher immer wieder so einschlagen? die allgemeine unsicherheit in erziehungsfragen muss wirklich gewaltig sein.

drill kann sicher nicht die lösung sein, noch weniger jedoch die derzeit grassierende kuschelpädagogik.

man muss garnicht die gesamtschule bemühen, um das leistungsniveau wieder ein wenig anzuheben. es würde schon reichen, die unsitte des notenschenkens abzustellen. denn egal ob vierte klasse volksschule oder maturazeugnis, es werden alle augen zu- und schüler durchgedrückt. ein bärendienst.

an uni und fh wundert man sich dann über steigende durchfallsquoten, obwohl immer mehr bewerber mit vorzugs-zeugnissen antanzen.

ein wenig druck ist einfach nötig! v.a. seitens der eltern.

Gaia
23
18.2.2011, 11:14

Grauenhaft, diese Sklaven ihrer Sucht, um jeden Preis JEMAND BESONDERER sein zu wollen. In Wahrheit sind sie die größten und ärmsten Würschtln unter der Sonne!!! Aber da sie in einer psychisch deformierten Gesellschaft ein hohes Ansehen genießen, nehmen sie ihr eigenes psychisches Deformiertsein keine Sekunde lang wahr. Und der Wahnsinn nimmt kein Ende.

less++
22
16.2.2011, 10:20
wirklich traurig...

Man kann nur hoffen, dass es wenig solcher gestörter Mütter gibt, die selber dringend eine Therapie nötig haben und nicht im Stande sind ihren Kindern einen liebevollen Umgang zu geben, den sie so sehr brauchen um irgendwann ein selbstständiges und glückliches Leben zu führen.
Wirklich traurig, dass so eine "Mutter" auch noch mit Erfolg für ihr Verhalten belohnt wird...

beethovenfries
15

Amy Chua versteht ihr Buch nicht als "howto", sondern als Bericht, darüber, dass sie mit den Erziehungsmethoden ihrer Eltern dann am Ende mit ihren Töchter doch nicht klargekommen ist. Kann man hier nachsehen:
http://www.colbertnation.com/the-colbe... 1/amy-chua

Chua sagt in diesem Interview ua., dass ihr Vater als Immigrant der ersten Generation acht Jahre lang die selben Schuhe getragen hat, um ihr eine Ausbildung zu ermöglichen. Und dass es unter diesen Umständen plausibel für sie war, dass er mit einer Note A- /1- nicht zufrieden war. Wer sieht hier ein Seelenmördermonster?

Heavyweather
00
19.2.2011, 22:19

Was haben die Schuhe von ihm mit ihren Noten zu tun?

Anscheinend war schon der Papa zu dämlich zu durchschauen dass Leistung nicht notwendig ist um in unserem System erfolgreich zu sein ;)

Laran Wish
34
Psychische Mißhandlung von Minderjährigen

Das Buch ist offensichtlich eine Anleitung zur psychischen und emotionalen Mißhandlung von Kindern.

Dass sich sowas als Erziehungsratgeber bezeichnen darf und noch dazu ein Bestseller wird, wirft eine Menge Fragen auf.

Felix Meritis
10
18.2.2011, 11:05

Das Reproduzieren von gepauktem Wissen, sagt leider ziemlich wenig über die Qualität der späteren Leistung aus. In der Wissenschaft sind beispielsweise die Japaner - obwohl steinreich - eine gute Größenordnung schlechter als die Briten. Von Taiwan und Südkorea ganz zu schweigen.

Sun Zi
00
18.2.2011, 14:46
nicht korrekt

Der Patentoutput Japans ist um Größenordnung besser als jeder einzelne europäische Staat und pro Kopf entweder der höchste oder 2. höchste....

und Patente sind hier durchaus einzuverlässiger Indikator....

Heavyweather
00
19.2.2011, 22:22

Dafür leben sie in Schuhschachteln, müssen arbeiten bis sie in die Kiste hupfen, töten Wale, produzieren Elektroschrott und dasticken im Schrott.

Wahrscheinlich gibt es einfach zu viele Menschen.

radioactif
00

irgendeinen grund wird es schon dafür geben, dass die ersten 3-4 plätze bei jeder pisastudie der vergangenen jahre von fernöstlichen, staaten allen voran südkorea belegt wurde.

springflower
02
Irgendeinen Grund wird es auch dafür geben, dass

besondere psychische Krankheiten gehäuft im asiatischen Raum auftreten. Wie Jugendliche, die das Haus nicht mehr verlassen - und zwar für Jahre!
Man kann davon ableiten: wer die psychische Folter einigermaßen übersteht, ist besser als alle anderen, wer nicht, wird zum psychischen Krüppel. Sicher sehr empfehlenswert, solche Methoden bei uns nachzuahmen!

radioactif
20

Wieso müsst ihr linken immer alles gleich so übertrieben ? Und selbst dann: angesichts des Anteils der psychischen krueppel an der gesamtgesellschaft wäre ihrer Argumentation zufolge auch das europäische laissez faire System sofort abzuschaffen.

Sun Zi
00
18.2.2011, 14:46
ditto.

Mathias
 
01
Amy Chua schildert ihre Brachialpädagogik und trifft den Nerv eines zunehmend verunsicherten Amerika

"Zucht und Ordnung braucht das Land" .... schon wieder einmal??

jumairabeach
00
ja Zucht und Ordnung

und dafür wählen sich die Amis dann beim nächsten Mal Fr. Sarah Palin und Konsorten.
Die lernen es nie! Haben ja auch mehrfach Bush gewählt.

xxx...yyy...
07
wenn ich mir ansehe

wie hilflos eltern heutzutage in der erziehung ihrer kinder sind, dann wundert mich das nicht. ein großteil jener die in den 70er- und 80er-jahren aufgewachsen sind, ist nicht in der lage kinder zu erziehen. die werden von ihren lieben kleinen schlechter als dienstboten behandelt, sind nicht in der lage sich selbst in kinkerlitzchenfragen gegenüber den kindern durchzusetzen und schauen mehr oder weniger dabei zu wie die kinder zu unersättlichen, unausstehlichen monstern verkommen.

das gegenteil von gut ist immer noch: gut gemeint

Heavyweather
01
19.2.2011, 22:30

Kinder zu erziehen ist das Einfachste der Welt.
Sei nett zu ihnen, beschäftige dich mit ihnen, nimm ihnen die Angst, lies ihnen jeden Tag vor dass sie sich über jedes neue Buch freuen,...
Es macht Spaß und hat nichts mit Leistungsdruck zu tun.

Die Deutschen haben auch so eine komische Ansicht über Erziehung, nur nicht verwöhnen, nur nicht zuviel Liebe, aber Leistung, Zucht und Ordung verlangen.

Dann haben wir später auch lauter unfähige Manager die glauben dass "gute" Erziehung auch bei Mitarbeitern funktioniert...und die wundern sich dann über lauter subversiven Widerstand.

Gute Unternehmensführung ist wie Kindererziehung.
Als Beispiele z.B. Semco oder Dedon.

jumairabeach
01
die Wahrheit

liegt wie so oft in der Mitte zwischen dieser Terrorerziehung und dem, teilw. vorherrschenden Kuschelkurs (Motto: ich muss alles mit meinen Kindern ausdiskutieren).

MondXicht
00
18.2.2011, 13:49

Die meisten Leute verstehen die Bedeutung des Wortes "Mitte" nicht. "Ausgewogen", "sachlich", "der Situation angepasst" geht an den meisten vorbei, da gibt's nur schwarz und weiß.

Nicolas Hoffmann
02
Exzerpt - "Why Chinese Mothers are Superior"

(da mein erstes post im standard-äther verloren scheint, hier ein zweiter versuch)

unglücklicher weise hat der standard aus dem originaltext nur die abschreckenden negativbeispiele gebracht - nicht aber zb wie sehr sich die tochter anschließend selbst gefreut hat, dass sie das stück doch endlich spielen konnte und sie danach mit der mutter späße gemacht hat.

ich bin kein freund dieses erziehungsstils, aber es können wohl mehrere wege zum selben ziel führen. und darüber hinaus nehmen ja auch noch andere dinge außer der elterlichen erziehung einfluss auf die entwicklung des kindes.

anyway, hier der link zu einem sehr lesenswerten exzerpt im wall street journal: http://online.wsj.com/article/S... 98754.html

Lukas Chen
01
Tiger Mutter

Die Juden haben auch judische Mutter, Japaner haben Kyoiku Mama(Erziehungsmutter), die meinen alle: "Gute Mutter, die ausgezeichnte Kinder aufgezogen hat." Uebung macht den Meister, so sagt man auch in Deutschland. Die drakonische Methode ist nicht passend fuer jedes Kind, aber im Westen haben viele Mutter einfach die Bildung ihrer Kinder oft nachverlaessigt. Das muss man gestehen.

Heavyweather
00
19.2.2011, 22:48

viele Mütter...
oft vernachlässigt...

und weils in China so gscheit sind haben sie auch eine Diktatur.
Die japanische Gesellschaft ist so gscheit und toll dass sie bis 80 arbeiten geht und sich nur 1 Woche Urlaub im Jahr nimmt...

Ehrlich gesagt ist mir mein Leben zu kurz um nur auf einen Tag einer glücklichen und freien Kindheit verzichten zu wollen.

Auch in China haben schon viele Verstanden dass Leistung nichts bringt.
"Der kluge mensch hat´s längst kapiert: man tut nichts selbst, man delegiert! ."

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